Werwolf„Werwolf“ Holzschnitt von Lucas Cranach

Vor Angst „den Kopf verlieren“. Kann schon mal passieren. In Paniksituationen lassen sich nicht mehr die möglichen Varianten in Gedanken durchgehen- um dann die beste aus zu wählen. Da das Bewusstsein viel zu langsam ist, würden wir bei einer realen Bedrohung wahrscheinlich eher verletzt oder ums Leben kommen, als dass wir eine gute Strategie zur Rettung entwickelt hätten. In dem Fall handeln wir blind nach angeborenen oder bekannten/geübten Verhaltensweisen (deswegen ist das Üben auch so wichtig).

Liest man, dass Menschen in einer Massenpanik zu Tode getrampelt wurden, ist das im gemütlichen Sessel des eigenen Wohnzimmers in entspannter Atmosphäre schwer vorstellbar. In so einer Lage ist es wirklich so, dass das normale Denkvermögen komplett ausgeschaltet wird. Dazu kommt, dass seelische Verfassungen aus der direkten Umgebung „ansteckend“ sind- gerade wenn es ums Überleben geht und die Enge selbst schon bedrohlich ist. Für diese Reaktion entscheidet man sich nicht- sie passiert einfach und das fühlt sich nicht gut an. Viele kennen das bestimmt von übervollen Volksfesten- in denen dem einen oder anderen schon ein mulmiges Gefühl hochstieg, was aber gerade noch von der Vernunft im Zaum gehalten werden konnte.

Bei einigen Regierungsformen oder Religionen bleibt auch keine große Wahl.  Gerade ‚freies Denken und Handeln‘ des „Volkes“ ist gefährlich für die, die zu dem Zeitpunkt an der Spitze stehen und lässt sich am effektivsten mit Hilfe von Ängsten unterdrücken. (Interessante Artikel über Macht und Machthaber finden sich im „Spektrum der Wissenschaft“ Gehirn&Geist Heft 8/2016 ). Bestimmtes Verhalten, Aktivitäten  (und seien sie auch noch so privat), ziehen teils drastische Strafen nach sich, so dass man sich den Geboten aus reinem Überlebenstrieb unterordnet (wie idiotisch man sie selbst auch finden mag. Die häufigere Reaktion ist allerdings, sich damit zu arrangieren und sie schließlich selbst für richtig zu halten. Das geht sogar „auf die Schnelle“: siehe Stockholmsyndrom ).

Bei „Angst“ allgemein geht es kurz gesagt immer ums „Überleben“. Wenn unsere Zukunft unsicher ist, kommen angeborene Ängste hoch, dass wir verhungern werden (auch wenn wir nicht mehr in freier Wildbahn von der Hand in den Mund leben müssen). Die meisten lieben ihre Kinder und zusätzlich ist (überwiegend unbewusst) der starke Wunsch vorhanden, dem „Träger der eigenen Gene“ einen ganz besonderen Schutz zukommen zu lassen. Wenn DEREN Zukunft in irgend einer Weise bedroht ist, werden die Ängste automatisch womöglich noch größer.

Diese Ängste werden gern als Marketinginstrument benutzt: wir müssen bestimmte Kosmetika, Lebensmittel, Putzmittel verwenden, sonst werden wir nicht mehr geliebt (fallen aus der „Gruppe“ heraus und werden elendiglich verhungern- klar! Das denken wir nicht bewusst– aber ..irgendwie … fühlen .. tun es die meisten schon..). Bei bestimmten Schönheitsidealen ist das z.T. sogar Realität: Wenn man denen nicht mehr entspricht, verliert man seinen Job, oder sogar seine „Freunde“ und mehr.

Bei den eigenen Kindern funktioniert das noch besser: Ohne bestimmte Nahrungs- oder Nahrungsergänzungs-mittel entwickeln sie sich nicht richtig, bleiben dumm, bekommen keinen guten Job, keine Familie –  und …werden verhungern. Mindestens. Das lässt sich weiter ausdehnen auf das richtige Spielzeug, Kleidung, Möbel, Kurse, Technik, Kindergarten, Medikamente, die „richtige“ Schulbildung und sehr viel mehr. Natürlich wird das „geschickt“ hinter angeblicher Besorgnis verborgen– aber den meisten geht’s da wie mir: „Nachtigall- ich hör Dir trapsen“.

Trotzdem wirkt es.

Wider besseren Wissens!

Als ich selbst Mutter wurde, hatte ich nicht gerade wenig an Erfahrung und Wissen angesammelt: Ich war Krankenschwester, hatte in der Kinderklinik, dem Kreißsaal, der Neugeborenstation gearbeitet, im Studium inzwischen auch einiges gelernt, was die ersten Lebensphasen eines Menschen angeht. Und trotzdem schafften die (auf möglichst ungestörte Arbeitsabläufe erpichten) Säuglingsschwestern es, mich zutiefst zu verunsichern. Es kostete in diesen Situationen Konzentration und große Selbstüberwindung, um auf -notwendige- „Extrawürste“ zu bestehen- und das, OBWOHL ich deren Wichtigkeit kannte- und auch genau die Standard-Arbeitsabläufe.

Um Medikamente, willkürliche „Höchstwerte“ (ab wann ist jemand „krank“?), Behandlungen, Früherkennungsuntersuchungen an den Mann oder an die Frau zu bringen, ist Angst die beste „Werbemethode“.. und- wenn etwas so gut klappt- warum sollte man das ändern…?

Übel fühlt sich auch an, wenn man sich gegen ungerechtfertigte Abbuchen, Zahlungsaufforderungen oder Gebühren wehren will: Gerade größere Unternehmen können es sich leisten, ihre eigenen Anwälte zu beschäftigen. Da wird gern schon mal mit Strafgebühren gearbeitet, mit Inkassounternehmen, Klagen und ähnlichem gedroht. Geht das denn, wenn die Forderungen gar nicht rechtens sind? Doch! Und bei den meisten klappt das in Ermangelung des eigenen Hausanwalts sogar gut. Wenn man das gründlich genug betreibt, tragen sich die Kosten für die Anwälte selbst- oder es gibt damit sogar noch Gewinne…

In ähnliche Konflikte gerät man immer wieder. Da hilft wahrscheinlich nur, dass man sich sehr gut und umfassend informiert, in bestimmten Fällen mit anderen zusammen tut und sofort hellhörig wird, wenn jemand Ängste schüren will. Wenn man darauf achtet, werden wahrscheinlich sehr viel häufiger solche Absichten erkannt- und hoffentlich boykottiert werden können.

Eltern können nicht immer und überall sein. Deswegen werden in Kindern Ängste angelegt, die schützen sollen, wenn die Eltern gerade nicht präsent sind (geh nicht mit fremden Leuten mit, spring nicht in unbekannte Gewässer, spiel nicht mit Feuer usw.). Da man auch unreflektiert Ängste aus der eigenen Kindheit weiter gibt- oder längst überholte, die im eigenen Leben vielleicht mal einen Sinn gemacht haben, schleppt jeder eine Menge Ängste mit sich herum, die alles mögliche schützen mögen- nur nicht ihren Träger. Den behindern sie. In solchen Fällen wäre es gut, wenn man die Glaubenssätze identifiziert.

Gerät man in einen Konflikt zwischen angeborenem Verhalten und Realität, liegt das oft daran, dass unser angeborenes Alarmsystem nicht auf dem neusten Stand ist, sondern gnadenlos hinterher hinkt. Von Tatsachen überzeugen lässt es sich wohl leider auch nicht.

Ein Vorschlag war hier, dem „Echsenhirn“ eine Szenerie zu bieten, in dem es sich wohl fühlt. Also sich genau vorzustellen, welche Komponenten man bräuchte, um in freier Wildbahn gut über die Runden zu kommen: Eine Gruppe mit ausreichender Anzahl kräftiger Mitglieder, eine geschützte Höhle, genügend Vorräte und vielleicht noch ein warmes Feuerchen. Das in allen Einzelheiten genau zu visualisieren, wird vom Gehirn scheinbar genauso gewertet, als wenn wir uns direkt in so einer Umgebung befinden würden. Vielen hilft das bereits, wenn in ihnen ein diffuses ungutes Gefühl aufsteigt, was eigentlich der heutigen Zeit nicht mehr angemessen ist. Bei manchen hilft es auch, ein kleines Stück Fell in der Tasche dabei zu haben und zu berühren, weil das an die oben beschriebene Szenerie erinnern mag. Immer klappt das leider nicht- einen Versuch wäre es auf jeden Fall wert.

Ängste können auch mal komplett daneben liegen. Ein Hund, der begeistert auf uns zuläuft, ist eben nicht automatisch eine wilde Bestie, vor der man sich in Sicherheit bringen muss- ein fremd aussehender Mensch nicht automatisch ein bedrohlicher Feind, der uns bei nächstbester Gelegenheit massakrieren wird. Wir sind ja sogar in der Lage, erste Impulse Zaum zu halten, wenn ein vorsichtiger und abwartender Umgang mit einer Situation Erfolg versprechender ist. Aber auch, wenn wir es besser WISSEN, manchmal fühlt sich etwas ohne konkreten Grund fürchterlich gefährlich an. Was für eine Zwickmühle!

Trotzdem können Ängste uns in Bruchteilen von Sekunden vor tatsächlichen Gefahren warnen- was sie auch tun! Sie immer zu unterdrücken, wäre also nicht besonders klug. Sogar anfänglich als übertriebene Reaktion interpretierte „Angst“ stellt sich schon mal als durchaus richtige Einschätzung heraus. So drastisch, wie sich unsere Umwelt seit Jahren kontinuierlich verändert, wird es nur immer schwieriger, sich in diesem Gefühl zurecht zu finden.

Auch in diesen Fällen wäre es gut, sich seiner Gefühle bewusst zu werden- nur so lässt sich erkennen, was davon in die Zeit der Höhlenmenschen gehört und was auch heute angemessen ist. Dabei kann diese Einschätzung leider nicht irgendwann abgeschlossen werden- sondern muss immer mal wieder auf den Prüfstand.

Neben den bisher beschriebenen Ängsten, die man eigentlich gut nachvollziehen kann- auch wenn sie nicht immer passend sind, gibt es noch die anderen. Deren Existenz so schwer verständlich ist, dass allein ihre Beschreibung schon beängstigend sein kann. Vielleicht ist man einfach „verrückt“? Was dann?

Fortsetzung : „verrückte Ängste“.

The_Scream

Edvard Munch: der Schrei