Zauberei, Hexenwerk, Humbug?

Neue Patienten haben manchmal verblüffende Einstellungen zur alternativen Medizin. Bildlich ausgedrückt: Drachenblut und Krötenschleim bei Mitternacht auf einem Friedhof geerntet und bei Vollmond unter Beschwörungsformeln eingenommen, bringen Krankheiten zum Verschwinden- oder der Kranke glaube das jedenfalls. Wenn beim Arzt gar nichts mehr voran geht…  lässt man sich notgedrungen auch auf solche schrägen Experimente ein. (Dass es mitunter Therapeuten gibt, die diesem Bild entsprechen möchten, soll jetzt nicht Thema sein. )

Nein- diese Vorstellung kann ich leider nicht bedienen. Dazu bin ich wohl zu sehr Naturwissenschaftlerin. Von Mitteln der Schulmedizin, die eine Krankheit in Windeseile verschwinden lassen, bin ich in den meisten Fällen ebenso wenig überzeugt. Auch dazu bin ich wohl zu sehr Naturwissenschaftlerin.

Es lassen sich sowohl für alternative wie für Schulmedizin gute Argumente finden: Können die (aus welchen Gründen auch immer) momentan darniederliegenden  Selbstheilungskräfte reaktiviert werden, dann würde ich immer die erste Variante vorziehen. Aus dem einfachen Grund, dass zwar schon sehr viele Abläufe entschlüsselt sind, aber oft weitaus mehr noch übersehen und unbekannt blieben- oder auch falsche Rückschlüsse aus Ergebnissen gezogen werden.
Ist jemand in einer akut lebensbedrohlichen Situation wie z.B. einer Hirnblutung, einem schweren Unfall oder einem anaphylaktischen Schock, dann ist der schulmedizinische Eingriff angebrachter. Auch hier mag es vielleicht eine Handvoll Menschen geben, die das anders regeln könnten- aber dass man in dieser Notsituation auf so jemanden trifft, halte ich eher für unwahrscheinlich. Zusätzlich helfen können hier alternative Methoden, sollten jedoch nicht verbissen als einzige Möglichkeit verkauft werden.

Die meisten von uns sind immer noch so gepolt, dass sie Gesundheit und Krankheit für etwas vom Schicksal Verordnetes verstehen, mit dem sie absolut nichts zu tun haben. Krankheiten muss man ergeben hinnehmen oder wie ein kaputtes Auto zum Fachmann tragen, der alles wieder repariert.
Alles!
Spätestens bis zum nächsten Tag.
Normale Veränderungen, die durch zunehmendes Alter entstehen, sind dabei eine unerwünschte Angelegenheit, die so erbittert bekämpft wird als wäre das eine böse Krankheit. (Klar lässt sich eine Menge tun, um Gesundheit und frisches Aussehen länger zu erhalten- aber vermeiden lassen sich Alterserscheinungen und Tod dann nicht- egal was Werbung versucht, uns einzureden.)

Wer von dieser Ansicht nicht abrücken will, ist mit den meisten alternativen Methoden schlecht bedient und sollte bei der Schulmedizin bleiben. Denn genauso wenig, wie Krankheiten aus heiterem Himmel entstehen (Unfälle z.T. ausgenommen) genauso wenig „heilt“ man Krankheiten über Nacht. Ein lebendes System ist eben viel komplizierter wie ein Legohäuschen- weil die Körperfunktionen von einander abhängen und zusammen arbeiten. „Heilmethoden“, die lediglich beim erkrankten Organ blitzartig alles wieder „ins rechte Lot“ rücken, den kompletten „Rest“ dagegen ausblenden, haben im Gepäck fast immer einen Pferdefuß: Entweder ist die „Heilung“ nur von kurzer Dauer, oder sie bewirkt Schäden an anderen Organen. Trotzdem bestehen Patienten heute immer noch auf Behandlungen, die sofort anschlagen und sie mit der notwendigen Aufmerksamkeit oder gar Mühen für den Körper verschonen. (Das hab ich mal genauso gelernt und geglaubt- bis im Biologie-Studium erste Zweifel aufkeimten.) Erst wenn gar nichts mehr geht, werden auch andere Möglichkeiten in Erwägung gezogen. Dann kommt die große Enttäuschung:  alternative Heilmethoden sind kein Hexenwerk. Der Unterschied liegt für mich darin, dass (jedenfalls bei von mir verwendeten Therapien) der Körper dabei unterstützt wird, der Krankheit das Ruder aus den Händen zu nehmen, während die Schulmedizin selbst die Krankheit „bekämpfen“ will- und dafür zur Not diverse Kollateralschäden in Kauf genommen werden. (Eine Ausnahme bilden hier vom Patienten als traumatisch empfundene Erinnerungen oder „vergessene Befehle“, die Übles für denjenigen prophezeien- und sowohl psychische als auch körperliche Beschwerden verursachen können: Sind die erst gefunden und durchschaut, kann man bei der Heilung regelrecht zuschauen. )

Meine Bemerkung, dass Schulmediziner nicht blöd sind- und ein anderes -gut verträgliches und wirksames – Mittel längst verordnet hätten- (interessant dazu übrigens die Geschichte um Rauwolfia), löst häufig großes Erstaunen bei den Patienten aus.

Für einen Erfolg der alternativen Heilmethoden muss man sehr genau nach der Ursache für die Veränderungen im Körper forschen- Das kann bis zu einigen Stunden dauern und wird bei Ärzten natürlich von keiner Krankenkasse bezahlt. (Fälschlicherweise wird die Kostenübernahme und die Wirksamkeit einer Therapie oft gleich gesetzt.)  In den seltensten Fällen ist die Ursache aber das, was zuerst ins Auge fällt. Der Patient sollte sehr ehrlich auf die Fragen eingehen- auch auf vielleicht unangenehme. Die Therapie dauert länger, manchmal merkt man eine Besserung sehr schnell- trotzdem ist dann nicht sofort „alles wieder gut“- in anderen Fällen braucht es 2 Wochen oder noch etwas länger, bis eine Besserung spürbar wird. Je nachdem, wie lange das Problem schon besteht.

Mitunter muss man etwas in seinem Leben verändern- das kann sehr drastisch ausfallen. Allerdings können diese Veränderungen auch drastische Verbesserungen mit sich bringen:
Beispiel: „Verstopfte“ oder stark verengte Herzkranzgefäße werden normalerweise mit einem Bypass oder einem Stent operativ behoben. Wenn die Patienten in ihrem Leben nichts ändern, wiederholt sich nach einiger Zeit das Spiel. Sogar nach einer Transplantation eines vollkommen gesunden Herzens gab es nach einer Weile die gleichen Probleme wie zuvor (das versucht man inzwischen durch die Auswahl der Patienten zu verhindern). In einem Versuch, der vom Krhs. Eppendorf begleitet wurde, haben einige (wenige) Patienten ihr Leben vollkommen umgekrempelt und sich damit selbst geheilt- unter ärztlicher Aufsicht. Diese Änderungen waren keine Kleinigkeit und die Heilungsphase hat sich über mehrere Monate hingezogen. Das Leben von früher durfte danach nicht einfach genauso wieder fortgeführt werden und- was wahrscheinlich keine Überraschung sein dürfte-  „Rückfälle“ blieben aus.
Derartig einschneidend sind die notwendigen Änderungen jedoch in den seltensten Fällen.

Auch wenn kein tödlicher Herzinfarkt droht, eine dauerhafte Erkrankung kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Manchmal führen sogar Medikamente zu der chronischen Erkrankung- wie z.B. bestimmte Kopfschmerztabletten erst einen Dauerkopfschmerz verursachen.

Ein anderes Beispiel für unterschiedliche Herangehensweisen:
Ein Patient hatte immer wieder Nebenhöhlenvereiterungen. Der Arzt verschrieb Antibiotika, die Krankheit „verschwand “- und war leider ( wie nur zu oft)  nach wenigen Monaten wieder da. Das ursprünglich verordnete Medikament half nicht mehr- also musste ein neues eingenommen werden. Das zog sich einige Jahre hin, dann schickte der Arzt den Patienten achselzuckend weg- weil er keine weiteren Antibiotika mehr anzubieten hatte. (Rein schulmedizinisch könnte man mit einem Abstrich genau das richtige Antibiotikum heraussuchen. Das macht aber zu viel Aufwand und dauert zu lange- also gibt es ein Breitbandantibiotikum.)

Weil die Erkrankung recht unangenehm ist, wird in diesem Stadium nach Alternativen gesucht oder der vorwurfsvoll dreinschauende Patient für „austherapiert“ erklärt und weg geschickt. Früher „räumte“ man die Nebenhöhlen „aus“, d.h. die Schleimhäute wurden aus den Nebenhöhlen entfernt, was aber auch nicht wirklich für eine Verbesserung sorgte-
es gibt aber noch die alternativen Methoden:

Besteht ein dauerhaftes Problem, wird also nach der Ursache geforscht. In unserem Sprachgebrauch haben wir für die meisten dieser Fälle sogar schon die Lösung: „Ich hab’ die Nase voll!“
Es sind weniger die bösartigen Bakterien, die hier jemandem das Leben zur Qual machen, als etwas an der Lebenssituation. Warum sich das als Warnblinker ausgerechnet die Nebenhöhlen aussucht?
Interessanterweise helfen bei solchen Erkrankungen Pflanzenessenzen besonders gut, die die Stimmung verbessern ( sie regen u.a. die Ausschüttung bestimmter Neurotransmitter an).
Das klappt sogar, wenn man direkt die Wirkung der Pflanzenessenzen auf Bakterienkulturen dieser Patienten untersucht.
Verrückt, oder?

Therapeutisch an erster Stelle steht, dass der Patient seine Nebenhöhlenvereiterung los wird. Das klappt gut mit den Pflanzenessenzen (andere mögen homöopathische Mittel favorisieren o.a.). Egal, wofür man sich entscheidet, sind die Mittel aber keine Dauerlösung: d.h. die Ursache für diesen Zustand muss gefunden und verändert werden- sonst hat man seinen Dauerpatienten. Die alternativen Mittel richten nicht so viel Schaden an wie Antibiotika ( die falsch eingenommen noch für weitere Schäden sorgen), sind aber genauso wenig eine Lösung.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Wenn der Körper sich nicht mehr selbst helfen kann, dann sind Antibiotika auch in meinen Augen o.k. Man kann es nur nicht dabei belassen, sondern muss anschließend für eine Erholung der Darmbakterien von dieser „tabula rasa“ sorgen. Kürzlich fand man, dass sie nicht nur für die richtige Verdauung sorgen, sondern sogar Einfluss auf unsere Stimmungen nehmen.

Ein weiteres Beispiel, das mich  immer wieder ratlos macht- vorweg aber eins, wie es auch anders gehen könnte:
In der Schulmedizin gibt es für Krebserkrankungen bestimmte Abläufe und Medikamente.
Diese Medikamente sind oft sehr kostspielig. Ob zu Recht oder nicht- sei mal dahin gestellt. Die Diagnose „Krebs“ macht in der Regel einen Patienten gefügig.

Trotzdem gibt es Patienten, die sich weitere Hilfen einholen.
Nach meinen Erfahrungen zeigt hier die Misteltherapie gute Erfolge.
?
Aber die ist doch „bewiesenermaßen“ Humbug?
Tja- wenn man die Herstellung und Anwendung luschig betreibt.. dann schon!

Bei der Weleda gibt es verschiedene Arten und Stärken der Mistel. (Nein, ich mache hier keine bezahlte Werbung- diese Mittel haben sich einfach nur als gut heraus gestellt).
Misteln wachsen auf verschiedenen Wirtsbäumen und je nachdem wirken sie unterschiedlich und finden bei unterschiedliche Krebserkrankungen Anwendung.
(Wem das komisch vorkommt: z.B. Arnika heilt gut Verletzungen- aber nur Pflanzen, die ab einer bestimmten Höhe geerntet werden, sind wirksam. Die Zusammensetzung von z.B. Lavendel ist je nach Höhe und Ursprungsland ganz anders- selbst die Zusammensetzung aus den gleichen Samen entstehenden Pflanzen unterscheidet sich, wenn sie wenige hundert Meter von einander entfernt angesät werden- und damit auch ihr Wirkungsprofil.
Dass Misteln auf Quitten sich von denen auf Apfelbäumen unterscheiden, ist daher wenig seltsam für mich.)

Ich betreute eine Patientin, die unbedingt noch ihre eiserne Hochzeit erleben wollte. Sie hatte eine Krebserkrankung im Endstadium, sah furchtbar eingefallen und hinfällig aus- keine Nahrung wollte mehr im Magen bleiben… Was konnte ich zu dem Zeitpunkt noch tun? So zu existieren war bestimmt nicht lebenswert- aber ich hatte gelernt, dass Iscador (Mistelpräparat der Weleda) auch die Lebensqualität verbessern kann. Nur- in diesem Stadium? Die Patientin wollte es versuchen und auch ihr Arzt wollte mich dabei unterstützen. Die Besserung setzte tatsächlich rasant ein: das Essen konnte sie wieder bei sich behalten, sie wurde wieder munterer, konnte wieder laufen – und ihre Stimmung besserte sich zusehends. Gerade letzteres war vorher für die Familie eine große Belastung gewesen. Zwar schaffte sie ihr Ziel nicht mehr, aber ihr Befinden war bis zu ihrem Tod sehr viel besser als vorher- so dass für alle der Abschied ebenfalls sehr viel besser zu bewältigen war (als mit einem schimpfenden, ungerechten, unzufriedenen und hinfälligen Menschen, der allen an allem die Schuld gegeben hatte. Dieses Verhalten habe ich übrigens auffällig oft bei Krebskranken beobachtet- es scheint eher mit der Krebserkrankung zusammen zu hängen als mit der Aussichtslosigkeit einer tödlichen Krankheit. Schon das verbessern zu können, lohnt in meinen Augen diese Behandlung ).

Das war ein positives Beispiel für das Zusammenarbeiten von Schul- und alternativer Medizin. Leider sind die anderen Fälle häufiger. So behandelte ich einmal jemanden –in Zusammenarbeit mit einem Internisten- mit Iscador. Der behandelnde Urologe, der (seinem Privatpatienten) sehr kostspielige Spritzen als Therapie verordnete, ließ nicht locker, über das Mittel herzuziehen und seinem Patienten jedes Mal von dieser „Geldschneiderei“ durch die Weleda abzuraten (nur zum Vergleich: eine einzige der vom Urologen verordneten Spritzen entsprach von den Kosten her in etwa der Iscador-Ration für 14 Monate). Auch der Hinweis, dass er selbst die Wirkung direkt im Blut nachweisen könne (die Immunabwehr verbessert sich nämlich),  es sich dabei also schlecht um „Einbildung“ handeln könne, perlte an ihm ab.
Natürlich (!) erfolgte nach dem Hinweis keine Kontrolle der erwähnten Blutwerte.
Völlig verunsichert brach der Patient die Isacador-Therapie schließlich ab- und zeigte zu seinem und zum Unglück seiner Familie die oben beschriebenen Symptome.

Zusammenfassend: die alternative Medizin kann nicht „hexen“. Voraussetzung für eine Genesung oder eine Besserung sind Offenheit und Geduld für den eigenen Körper – sowie der Wille, für den eigenen Körper die Verantwortung zu übernehmen.

Der hängt nicht „irgendwie“ an unserm Hirn und hat einfach durchgehend zu funktionieren, sondern braucht genauso Aufmerksamkeit, die richtige Pflege wie das heiß geliebte Auto- oder was auch immer. Verglichen mit „Geräten“ ist es doch sehr beeindruckend, was er zustande bringt, wie er sich selbst regelt, Schäden beheben kann, sich entwickelt- bis man ihn überfordert. Es mag Ausnahmen geben oder allein die Person eines ‚Heilers’ ist so beeindruckend, dass eine Heilung eintritt- diese Wirkungen sind ja allgemein bekannt. Nur dürfen sie nicht als Ausreden für weniger „Begnadete“ herhalten- und damit den „aus-Prinzip-Gegnern“ ein gutes Argument gegen alternative Heilmethoden in die Hände spielen.

In meinen Augen bedeutet alternative Medizin anzuwenden nicht, dass man keine genauen Kenntnisse über Funktionen und Abläufe haben muss- im Gegenteil: je mehr desto besser! Darüber hinaus sollte man auch das Zusammenspiel und die Abhängigkeiten der Organsysteme kennen und die gegenseitige Wirkung von Lebensweise und psychischer Verfassung auf den Körper, sowie die Besonderheiten des entsprechenden Patienten.

Wie viel besser könnte Medizin sein, wenn alle Möglichkeiten akzeptiert und ausgeschöpft würden. Ausnahmen gibt es- bisher leider viel zu wenige. Auf Patientenseite gibt es die enttäuschten, die gar nichts mehr von Schulmedizin wissen wollen. Das ist letztendlich genauso wenig hilfreich, wie die Verantwortung für sich selbst von sich zu weisen und sie komplett auf einen anderen zu übertragen: den „Fachmann“. Die Fronten könnten besser aufgeweicht werden, wenn Patienten sich dessen bewusst werden.