Diäten… Wer hat sie nicht schon mal ausprobiert- wenn ein heiß geliebtes oder bewundertes Kleidungsstück nicht (mehr) passt oder die „gnadenlose“ Badesaison vor der Tür steht? Inzwischen ist auch zunehmend die Männerwelt davon infiziert. (Wobei es ja nicht wirklich negativ ist, den „Bierbauch“ im Zaum zu halten.)

Und?

Wie hat’s geklappt?

Mehr als 90 % der Diäten funktionieren nicht dauerhaft. Wie raffiniert sie auch immer sein mögen- bzw. sich geben. Je verrückter, desto besser. Bei einem Test (was lassen sich Abnehmwillige alles einreden?) z.B. mit einer gänzlich idiotischen Diät, fanden sich kurz nach deren Veröffentlichung an anderer Stelle Empfehlungen eben dieser Diät, wo man sie nie vermutet hätte. Wo die Autoren es eigentlich besser wissen sollten.

Wenn es nicht klappt?- dann liegt es natürlich an demjenigen selbst. Der hat eben nicht genug Durchhaltevermögen, und wahrscheinlich isst er sowieso heimlich. Bis sich herausstellt, dass diese spezielle Diät ganz ungesund ist, man davon sogar zunimmt, vielleicht sogar krank wird- und flugs: ist die nächste da.

Mir war mein Gewicht relativ lange egal. Als Kind und Teenager wurde ich sogar zu Kuren geschickt, wo ich „gemästet“ werden sollte. (Nur zur Info: Ein Kind wächst nicht kontinuierlich und gleichzeitig in die Länge und in die Breite. Dieses Gerücht hält sich bei einigen bis heute. Nein. Es gibt sogenannte Phasen der Streckung und der „Füllung“. )

Später hatte ich zwar lange das „Idealgewicht“, aber es gibt wohl immer diejenigen, die einen mit blöden Bemerkungen verunsichern wollen- gern auch mal über die „Figur“. Trotzdem ließ ich mich nicht von der Notwendigkeit einer Diät überzeugen. Diese ganzen Vorschriften .. z.B. nur hartgekochte Eier, nur Ananas, gar keine Kohlenhydrate? Nö!

Das Gewicht schwankte- je nach Lebenssituation- aber richtig unangenehm wurde es erst nach einer Op, die meine Mobilität ziemlich einschränkte. Bei meinem letzten Checkup hörte ich eine Zahl, bei der ich wusste, DAS wollte ich ganz bestimmt nicht!

Nur – wie abnehmen? Wie verhindert man, dass man nicht gerade darauf Appetit hat, was einem verboten ist, zu einer Uhrzeit, die gar als NOCH schlimmer eingestuft wird? Die meisten, die eine Diät gemacht haben, waren während dessen nicht nur schwer zu ertragen- sondern kurz danach NOCH dicker…

Ich hatte früher einiges ausprobiert, als ich von Patienten danach gefragt wurde. Einiges davon fiel von vornherein aus. Schließlich will ich ja niemanden krank machen. Einiges blieb fürs Testen trotzdem übrig. Wie sah es mit „Trennkost“ aus? Oder „schlank im Schlaf“? Damit hatten manche gute Erfolge erzielt (nicht dauerhaft, wie sich herausstellte, da sich der Stoffwechsel wahrscheinlich nach einiger Zeit damit einrichtet).

Meine eigene Erfahrung mit „abends nur noch Eiweiß, evtl. Fett“: Das Zeug lag mir bleischwer im Magen- wie die Wackersteine bei Rotkäppchens Wolf. Stundenlang konnte ich nicht einschlafen. Bis sich der Magen empört davon befreite- in die falsche Richtung. Tagelang- bzw. Nächte hielt ich tapfer durch. Eine Umstellungsfrage? Nee. Einfach Mist. Jedenfalls für mich.

Diätdrinks? Dann lieber gar nichts. Das Zeug schmeckte wie aufgelöste Zeichenpappe.

Das war also alles nix. Punkte oder Kalorien zählen? Das klappt- solange man es nicht übertreibt- ( bei entsprechendem „Hungertraining“ kann der Körper seinen Grundumsatz um bis zu 500kcal verringern..- auch das noch! ) und vor allem .. muss man es für immer durchhalten. Irgendwie erinnert mich das an ehemals Süchtige. (Auf Nahrung ganz verzichten- wie bei Drogen- ist ja hier nicht die Frage.)

Das einzige, was bei Patienten eine Weile gut geholfen hat, waren Hypnosen. Die Patienten sollten nur noch darauf Appetit haben, was ihnen gut tut. Die Vorlieben haben sich danach tatsächlich teilweise drastisch verändert. Nur.. die Wirkung hielt nicht dauerhaft an. Wenigstens wurden sie danach nicht noch dicker.

Vor kurzem stolperte ich über das „intuitive Essen“. Cooler Ansatz! Man soll das Essen bewusst und langsam, ohne Ablenkung genießen, es gibt KEINE Verbote.

Das hat bei den meisten schlagartig eine irre Wirkung. Bei mir auch.

Bei Diäten darf man alles mögliche nicht essen, soll über einen bestimmten Zeitraum gar nichts zu sich nehmen usw. Was passiert bei den meisten? Kaum hat man den letzten Bissen im Mund, denkt man an die verbotenen Nahrungsmittel, dass man nun warten muss- und hat erst recht „Hunger“…! Sofort!

Wenn NICHTS verboten ist.. man alles zu jeder Zeit essen darf- die einzige Voraussetzung ist, dass man tatsächlich Hunger hat? Mit einem Schlag ist der ganze Druck weg- oft sogar die Heißhungerattacken, die vielen das Leben schwer machen und vorher überhaupt nicht in den Griff zu bekommen waren. Die haben nämlich einen guten Grund. (dazu später mehr)

Kleine Kinder beherrschen das intuitive Essen noch  Aber: was ist mit den vielen anerzogenen Regeln? „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!.“ „Davon wirst Du groß und stark!“ „Wenn Du nicht aufisst, darfst Du nicht zum Spielen raus!“ „Bevor der Teller nicht leer ist, gibt es keinen Nachtisch!“ Es wird zu bestimmten Uhrzeiten gegessen.

Bei allen möglichen Hilfen, „Mental-Trainings“, diese „Anti-Diät“ umzusetzen, bemerkte ich den Kritiker in mir, der irgendwie immer „lauter“ und ungehaltener wurde. Nur-… warum?!

Bevor ich etwas ändern kann, muss ich es verstehen. Also musste ich mich auf Ursachensuche begeben.

Essen hat zum einen sehr viel mehr Bedeutungen als nur reine Nahrungsaufnahme.. Das liebevolle Kochen, das begeisterte Essen- sind Ausdruck von Sympathie, seinen vollen Teller stehen lassen ein Zeichen von Ablehnung- oder Reichtum- und.. Essen ist ein „Super-Erziehungsmittel“.

Dazu kommt- wie immer: Wenn man etwas nicht am eigenen Leib erlebt hat, kann man es nicht wirklich nachvollziehen- bzw. bezieht solche Erfahrungen gar nicht erst mit ein.

Des Rätsels Lösung: Das Mentaltraining beim intuitiven Essen war von sehr jungen Menschen ausgearbeitet worden. Die hatten (glücklicherweise) gar nicht erst die Erfahrungen machen müssen, die in meiner Kindheit „normal“ waren: Etwas schmeckt nicht? Löst sogar einen Würgreiz aus? Verlangen nach bestimmten Nahrungsmitteln?

Das wurde nicht als das verstanden, was es ist: nämlich einfach ein Hinweis des Körpers– sondern als Wildheit, Triebhaftigkeit, Ungezügeltheit. Die musste dem Kind möglichst umgehend ausgetrieben werden, damit es zu einem wertvollen Mitglied der Gesellschaft werden konnte. Das ging über das Essen am einfachsten.

Von Geburt an gab es möglichst fest berechnete Mengen zu festen Zeiten. (Stillen? War immer mehr verpönt. „Altmodisch“ und vor allem: nicht richtig kontrollierbar) Wollte ein Kind weniger als die vorgesehene Menge oder verlangte außerhalb der Zeiten nach Nahrung, würde es nicht „gedeihen“, schwach und kränklich werden.

Ich habe ja schon in meinen Schulferien in der Kinderklinik gearbeitet und dort sehr schnell die Griffe und „Tricks“ lernen müssen, wie man Nahrung in Säuglinge und Kinder zu praktizieren hat, die sich wehren. Dass ein Kind einen vernünftigen Grund für seine Ablehnung haben könnte? Diesen Gedanken gab’s gar nicht – sonst würde dieser Säugling wahrscheinlich noch leben. (Mit den alten Menschen im Altersheim sollte übrigens ähnlich verfahren werden). Diese Erziehungsbemühungen über das Essen erlebte ich bis in die Lehre. Ich hab‘ das zwar gehasst- aber.. .war ja irgendwie „normal“ ( eine Info aus der Neurobiologie: erst ab ca. 12 Jahren ist ein Kind wirklich in der Lage, Aussagen der Erzieher vom eigenen Standpunkt zu hinterfragen und zu beurteilen- und da haben es sich die allgemein anerkannten Regeln im Kopf leider schon sehr bequem gemacht. ) Ziemlich schnell lernte ich, mein Essen möglichst wenig wahr zu nehmen und unzerkaut herunter zu würgen. (Das kommt mir heute manchmal noch zugute, wenn ich in einem anderen Land etwas Unangenehmes essen muss, um keinen Eklat herauf zu beschwören.) Weigerungen wurden auf unterschiedlichste Weise bestraft.

Gab’s etwas Leckeres, gab’s auch Konkurrenz darum, so dass langsames Genießen wieder auf der Strecke blieb. Auch die Zeiten, wann man zu essen hatte, durften nicht durch Hungergefühle bestimmt werden. (Das ließ sich im Sommer manchmal austricksen- mit selbst gesammelten Beeren 😉 ). In der traditionellen chinesischen Medizin ist übrigens bekannt, dass verschiedene Menschen zu unterschiedlichen Zeiten ihre Mahlzeiten gut vertragen.

Waren meine Eltern oder die meiner Freunde nun besonders brutal? Nein- das war gängige Praxis, wenn man sein Kind möglichst gut „auf das Leben“ vorbereiten wollte. (So ganz verschwunden ist das auch heute nicht- es ist nur viel subtiler.) Und wie ich schon erwähnte: in Kinderheimen und Kinderkliniken, oder sogar im Kindergarten war das ja nicht anders!

Mahlzeiten waren selten Vergnügen, sondern kontinuierliche Übergriffe. Bis heute habe ich einen ausgeprägten Widerwillen dagegen, jemanden zum Essen zu überreden (und rassel deswegen immer wieder mit Menschen anderer Kulturkreise zusammen, wo das Nötigen zum guten Ton gehört). Irgendwie fand ich sogar fast immer Alternativen, um die Zwangsveranstaltungen in der Klinik zu umgehen. Selbst bei meinem eigenen Kind gab es noch Stress mit Säuglingsschwestern, Kindergärtnerinnen, Verwandten oder Lehrern, die das Essen als Erziehungsmittel missbrauchen wollten.

Vertrauen, dass ein Kind genau weiß, was es braucht, haben viele Eltern bis heute nicht so richtig (das klappt nur wirklich, wenn alle Nahrungsmittel wertneutral bleiben dürfen und keine Erwartungen damit verknüpft sind ). Natürlich immer gut gemeint, mit den ganzen Vorschriften im Hinterkopf, was alles „gut“ für das Kind sei.

Nun sollte man sich also an das wunderbare intuitive Essen als Kind erinnern? Muss ich leider passen und bin damit wohl nicht die einzige.

Dummerweise ist derartig früh angelegten Regeln schwer bei zu kommen. Dafür muss man sich die neuen Regeln wochenlang mehrmals am Tag ins Hirn hämmern lassen (so ähnlich wie blöde Werbesprüche)- wirklich glauben? kann man sie trotzdem nicht. Das Unterbewusstsein hat sie zu einer Zeit als Überlebensprogramm abgespeichert, als unser Verstand sie noch nicht als Unsinn entlarven konnte. Mit diesem (kruden) Wissen ausgestattet, versucht es mit allen Mitteln, uns vor vermeintlich gefährlichen Statements zu schützen. Kein Wunder, dass man z.B. in Stress-Situationen schnell in alte Muster zurückfällt.

Trotzdem.

Die Idee an sich ist gut.

„Mentales Training“ darf eben nur nicht der Realität widersprechen- sonst wird es vom Unterbewusstsein direkt in Bausch und Bogen ins Reich der Fabeln verwiesen. Das ist natürlich nicht so einfach, wenn es für einen großen Personenkreis erstellt werden soll, wo jeder andere Voraussetzungen mitbringt.- d.h. es braucht dann auch Feedback von ganz unterschiedlichen Personen. Je „normaler“, desto besser. „Fachleute“ neigen leider gelegentlich zum Tunnelblick. Deren Hinweise allein reichen also nicht.

Ein Hilfe wäre auch der „Dialog mit dem Unterbewusstsein“, wo wirklich MIT dem Unterbewusstsein gearbeitet wird, nicht bloß dessen Existenz zähneknirschend hingenommen und es eben fix  „umprogrammiert“ werden soll (das klappt nicht. s.o. ) Gemeinsam mit dem Bewusstsein/Verstand (der ja durchaus die Vorteile des neuen Verhaltens erkennt) wird die angeborene Fähigkeit aus den Tiefen der Versenkung wieder hervor geholt – dagegen die damals angelegten Regeln auf ihre Richtigkeit untersucht und neu bewertet.

Es lohnt sich, die mißglückten Erfahrungen zu verfolgen, nach den Ursachen zu forschen und daraus zu lernen- es bleibt spannend! 

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