gehört halt gerade irgendwie dazu?

Oder doch mehr? Hat das jeder? Wozu ist das gut?

20.1

Sobald uns eine ungute Ahnung überfällt, fühlt sich es sich oft an, als würde tatsächlich aus dem Bauch etwas aufsteigen. Ganz konkret findet man das „Bauchgefühl“ beim Essen und bei noch sehr kleinen Kindern. Ein Kind mit Vitamin-D-Mangel entscheidet sich ganz freiwillig für Milch mit Lebertran-Zusatz, ein anderes Kind verweigert giftige Waschsubstanzen- obwohl es fast wie ein Nahrungsmittel riecht. Verdorbenes Fleisch riecht so unangenehm, dass wir es gar nicht herunter bekämen. Diese Art von Bauchgefühl ist also eindeutig zu unserem Schutz da- und gut, wenn wir es haben.

So weit so gut- Wie ist es aber mit „gesunden Lebensmitteln“, die ein Kind auf gar keinen Fall essen will? Ich selbst habe übelste Erinnerungen daran, zum Essen gezwungen worden zu sein- und auch, wenn ich Personen aus Kulturkreisen zu Gast habe, wo das Nötigen zum guten Ton gehört- bei mir gibt’s das nicht! Da bin ich lieber unhöflich.

Natürlich habe ich auch mein eigenes Kind nicht gezwungen, Nahrungsmittel zu essen, die es abgelehnt hat- auch wenn sie angeblich noch so gesund sein sollten. Wenn nach einem kleinen Probelöffel der Widerwillen blieb- wurde das für ihn vom Speiseplan gestrichen. Manchmal war ich mit den Dingen einfach nur zu früh und es war ein paar Jahre später kein Problem mehr. Mit dieser Ansicht stand ich zwar recht allein da- aber die Erinnerungen aus meiner eigenen Kindheit gaben mir die nötige Durchhaltekraft.  🙂

Da ich nicht 24 Stunden am Tag das Essverhalten meines Sohnes wie eine Löwin verteidigen konnte,  kam es im Kindergarten oder anderen Betreuungssituationen dann doch dazu, dass mein Sohn mit Druck und allen möglichen Tricks dazu gebracht wurde, diese Dinge zu essen. Wie sich viel später heraus stellte, vertrug er bestimmte Lebensmittel nicht (konnte sie nicht richtig verstoffwechseln, was gesundheitliche Probleme verursachte). Am schlimmsten waren ausgerechnet natürlich die, die er so stark ablehnte.

In meiner Praxis begegneten mir später ebenfalls Kinder, die „gesunde“ Lebensmittel verweigerten- allerdings habe ich kein Kind kennen gelernt, was das „einfach so“ gemacht hätte. Bei genaueren Untersuchungen gab es immer einen ‚vernünftigen‘ Grund dafür.

Und da sind wir bei dem Thema, was mir in vielen Bereichen immer wieder begegnet. Natürlich wollen wir gesund bleiben und dass es uns gut geht- erst recht für unsere Kinder das Allerbeste und natürlich nicht nur, so weit es die Ernährung betrifft.

Nur- was ist das?

Dummerweise scheint sogar das einer Art Mode zu unterliegen.

Von Beginn an lernen wir, dass wir uns selbst eigentlich nicht trauen dürfen. Egal wie und wo- es gibt immer jemanden, der es besser weiß und uns davon überzeugen will. Scharen von Fachleuten sagen uns bis ins hohe Alter, was alles falsch an uns ist, was wir falsch machen und was wir im Gegensatz tun, kaufen oder lernen müssen, um „richtig“ zu sein. Nicht, dass Ihr mich missversteht- ich finde es toll, dass man an so viele Informationen kommt! Nur darf das nicht bedeuten, dass für alle das Gleiche zu gelten hat, man von jeder „neusten Erkenntnis der Wissenschaft“ zwangsbeglückt werden darf und dass man seine eigenen Wahrnehmungen pausenlos ausknipsen muss.

Nicht nur, dass man auf die Art leicht die verkehrten Entscheidungen trifft- allein nur die Regeln für Ernährung scheinen schon fast täglich zu wechseln, bzw. es existieren völlig gegensätzliche. Es gibt darüber hinaus empfohlene medizinische Werte oder Untersuchungen, bei denen das Unterbewusstsein durchaus seine Zweifel anmeldet. Aber wir lassen uns genug Angst einjagen, um den Regeln schließlich doch zu folgen. Was ich übrigens in meiner Praxis bemerkenswert fand: auch völlige medizinische Laien hatten ein sehr feines Gespür dafür, was ihnen hilft – und was nicht. Unsere Kinderärztin bestätigte, dass sie immer richtig damit gelegen hätte, die Ahnungen der Mütter ernst zu nehmen, sogar wenn der erste Blick etwas anderes vermuten ließ.

Lehnen wir Untersuchungen oder Medikamente ab, können wir uns nicht selten auf abfällige Bemerkungen oder gar hitzige Diskussionen gefasst machen. Dabei sind einige der Informationen, die zu den Entscheidungen der behandelnden Ärzte führen, bei Licht betrachtet zum Teil geschönt oder schlicht falsch. Falls uns bei einem solchen Arztbesuch also mulmig in der Bauchgegend wird, sollten wir erst recht nicht das „Bauchgefühl“ unterdrücken- sondern uns möglichst umfassend informieren- und erst dann entscheiden. Eine solche Entscheidung auf jemand anderen übertragen würde ich sowieso nie. Mich hat immer gewundert, wie leicht Patienten die Verantwortung für ihre Gesundheit abgeben. Die wenigsten wollten überhaupt wissen, welche Medikamente sie bekommen, wofür, wie sie wirken usw.- obwohl sie ja die Folgen davon tragen müssen.

Die meisten Entscheidungsprozesse müssen wir gar nicht mühsam überdenken und abwägen. Vieles „passiert“ einfach, was uns gar nicht klar ist. Versucht mal, jeden Eindruck, den ihr gerade habt, bewusst wahr zu nehmen: Ist es warm oder kalt? Wie fühlt sich Eure Kleidung an- an jeder Stelle Eures Körpers.? Sitzt Ihr gerade? Steht Ihr? Wie fühlt sich der Untergrund an? Fest? Gerade? Drückt irgendwas? Wie riecht es in Eurer Umgebung? Welche Geräusche hört Ihr? Ist es hell genug? usw. usw . Es gibt eine Unzahl von Eindrücken, die Euer Gehirn jeder Zeit registrieren und dann richtig bewerten muss, um Euch zu schützen. Nur, was davon besonders und beeindruckend ist, bemerken wir überhaupt. Wenn unser Warnsystem uns und andere auf spektakuläre Weise rettet, vermutet der eine oder andere ein Wunder dahinter. Es kommt aber alles aus der gleichen Quelle bereits gemachter Erfahrungen und angeborener Verhaltensmuster.  Manchmal reichen Erfahrungen und Wissen nicht aus, um für uns in der besten Weise zu reagieren- da müssen wir dann halt „nachlegen“. Zum Glück sind wir ja nicht immer in Situationen, wo wir auf der Stelle eine Entscheidung treffen müssen.

Vor noch nicht allzu langer Zeit war Intuition ausschließlich „Frauensache“ und wurden milde belächelt. Inzwischen dürfte klar sein, dass jeder seine Erfahrungen nutzt -auch ohne groß darüber nach zu denken- und mit der momentanen Realität (z.B. auf eventuelle Gefahren hin) abgleicht. Das hat eben gar nichts mit dem Geschlecht zu tun (zu diesen „Unterscheidungen“ übrigens auch später mehr). Es müssen nicht immer Gefahren sein- ein guter Schachspieler gleicht z.B. den aktuellen Stand seines Spiels mit den vielen Spielverläufen ab, die er je erlebt hat.

Manchmal ist es jedoch lebenswichtig, in Sekundenbruchteilen richtig zu reagieren. Wenn ich bei einem Sturm sehe, dass ganz in meiner Nähe ein Dach bedenklich wackelt und bereits die ersten Ziegel herab fallen, fange ich bestimmt nicht mit der Berechnung von Flugbahnen und Wahrscheinlichkeiten an, sondern bringe mich so schnell wie möglich in Sicherheit. Diesen Sinn haben auch Katastrophenübungen: In gefährlichen Situationen reagiert man dann nicht „kopflos“, sondern greift unbewusst auf die Erfahrungen zurück, die man in diesen Übungen gemacht hat. (Deswegen sind die auch so wichtig). Oft hört man nach einem Unfall, dass die Helfer wie fremdgesteuert richtig gehandelt hätten und erst hinterher das Ganze bewusst wahr nehmen konnten.

Den größten Teil (wahrscheinlich mehr als 90%) unserer Entscheidungen treffen wir unbewusst- oder anders ausgedrückt: Unser Unterbewusstsein hat schon lange entschieden, während wir uns erst die klugen Argumente für unsere Entscheidung zurecht legen. („eine PR-Aktion unseres Gehirns, damit wir uns einbilden können, wir hätten was zu sagen“).