DSC09907Pfeil Kopie 2

„Ohne Strafen geht es (doch) nicht“..

Was tun, wenn ein Kind etwas wirklich Furchtbares anstellt? Oder wenn es nicht „gehorcht“? Wie können wir sonst durchsetzen, dass unsere Kinder sich an unsere Regeln halten?  Ist die Alternative besser, die Kinder völlig frei von Regeln und Grenzen aufwachsen zu lassen?  Oder noch anders?

Strafen müssen weh tun- sonst bringen sie nichts“: wenn ein kleines Kind Blumen ausgerissen hat und es danach 2 Tage seine Freunde nicht treffen darf; wenn es ein Glas Saft umgeworfen hat und deswegen sein Lieblingsspielzeug abgeben muss, wenn es wegen einer schlechten Zensur geschlagen wird.

Was wird dadurch gelernt? Dass die „Großen“ die Macht haben, mit einem Schwächeren tun und lassen zu dürfen, was sie wollen- denn was hat das eine mit dem anderen zu tun? Später dürfen die Vorgesetzten das oder andere Personen mit entsprechenden Machtbefugnissen. Wie man mit Fehlern umgeht oder sich gegen Machtmissbrauch wehren kann, hat einem damit niemand beigebracht. Bei Strafen gehen beide Seiten auf Konfrontation, die Kinder werden verängstigt, sind allmählich nicht mehr zugänglich, verschließen sich, halten sich später mit dreisten Sprüchen oder Aktionen potenzielle Gegner vom Leib oder werden demotiviert, lügen, verbergen ihre „Taten“. Ich bin sicher, den meisten wird an der Aufzählung schon klar, dass mit diesen Aktionen niemandem (der in der heutigen Zeit angekommen ist) wirklich geholfen sein kann.

Ein paar Beispiele, die das Verwirrende an Strafen besonders deutlich machen: Ein zweijähriges Kind wohnt mit seinen Eltern in einer beschaulichen Straße. Außer vor dem eigenen Haus blühen überall in den Vorgärten wunderschöne Blumen. Eines Tages pflückt das Kind Blumen aus den Nachbarsgärten und steckt sie in den eigenen traurigen Vorgarten. Es gibt eine Riesenaufregung, das Kind wird bestraft und die Geschichte als Beweis über die angeborene Schlechtigkeit dieses Menschen bis heute zum Besten gegeben (kaum zu glauben- oder?).

Ein Kind im Kindergarten ist so ins Spiel vertieft, dass es nicht auf die Aufforderungen der Erzieher reagiert. Zur Strafe muss es allein und ohne Spielsachen am Tisch sitzen bleiben, während die anderen draußen spielen.

Ein Kind ekelt sich derartig vor einem bestimmten Nahrungsmittel, dass es sich übergibt. Es darf nicht eher vom Tisch aufstehen, bis es einen vollen Teller davon gegessen hat.

Ein pubertierender Schüler will seinen Hut nicht absetzen. Er darf am Unterricht so nicht teilnehmen.

Ein älterer Schüler wird vom Lehrer derartig gereizt, bis er ihm schließlich eine Ohrfeige versetzt. Auch wenn der Schüler immer noch vor Wut schäumt, ist er darüber selbst sehr erschrocken. Der Lehrer ignoriert das scheinbar- bis zum Abschlusszeugnis. DA hat der Vorfall dann fatale Auswirkungen.

Eine Krankenschwester findet katastrophale Zustände an ihrem Arbeitsplatz vor. Vorgesetzte Schwestern, Ärzte, Klinikleitung wollen sich nicht in die Nesseln setzten und reagieren nicht auf ihre Bitten, vertuschen lieber- bis sie schließlich die Eigentümer informiert, die umgehend eingreifen und die Missstände abschaffen. Die Schwester wird als Unruhestifter „strafversetzt“.

Von irgendwelchen Prügelstrafen will ich hier gar nicht reden.  Ich denke, es ist klar, dass ich „klassischen Strafen“ nichts abgewinnen kann.

Wie soll man aber reagieren? Wenn der Sprössling das Gartenhaus der Oma abfackelt, ist das eben nicht in Ordnung! Auch nicht, wenn er vielleicht zu Recht wütend auf sie war.

Zu den Beispielen:

Ein normales Kind ist sozial eingestellt. Zu „Unstimmigkeiten“ kommt es, weil das Kind die Gedankengänge der Erwachsenen (noch) nicht nachvollziehen kann oder weil es zu wenig Aufmerksamkeit bekommt (auch dazu später mehr).

Da in allen Gärten Blumen wuchsen, war das etwas, das „normal“ war. Blumen waren bunt und verschönerten die Gärten- beim eigenen fehlte das- also den Fehler berichtigt und einige der Blumen ihren Weg in den eigenen Vorgarten finden lassen (Es hat ja z.B. nicht beschlossen, die anderen Gärten zu verwüsten, damit DIE genauso traurig aussehen. Wäre auch eine Möglichkeit. Alles in allem also ein positiv gestimmtes Kind, das Schönes zu schätzen weiß). Wie muss der anschließende Sturm der Entrüstung gewirkt haben? Könnt Ihr Euch da hinein versetzen? In dem Alter kann es eine Strafe für diese Tat gar nicht verstehen. Man kann versuchen, ihm das Ganze altersgerecht nahe zu bringen und dann gemeinsam für Ersatz sorgen. Noch effektiver wäre wahrscheinlich gewesen, wenn ihm vorher mal jemand zugehört hätte und nach einer Lösung gesucht- eventuell sogar ein Beet mit dem Kind anzulegen, das es selbst versorgen kann. Dabei wäre sogar ein weiterer Lerneffekt eingetreten: die natürlichen Konsequenzen des eigenen Handelns kennen zu lernen- keine Willkür.

Im Kindergarten kommt es immer wieder vor, dass Kinder nicht schlagartig alles fallen lassen können. Meist hilft es, Aktionen rechtzeitig anzusagen und attraktive Alternativen zu bieten (auch dazu später mehr- das muss nämlich gar nicht besonders aufwändig sein).

Ein Kind- oder auch jeden anderen- dazu zu zwingen, etwas zu essen, was Ekel hervorruft… muss man- glaube ich- nicht wirklich kommentieren. Für den Fall einer Hungerkatastrophe kann man wieder neu auf das Problem schauen- wenn es dann noch eines ist.

Das Erlebnis mit dem Hut-tragenden Schüler hatte ich selbst. Bevor ich die Klasse kennen lernte, wurde mir berichtet, dass dieser Schüler sich verweigere, mit dem Hut jeden Lehrer provozieren wolle und ich von Anfang an hart durchgreifen müsse..(super-Einführung..) Als ich dann vor dem „Problem“ stand, wurde mir schnell klar, dass die Aktion alles andere als eine Provokation war, sondern für ihn eine Art Schutz darstellte. Er war eher bereit, die Unterrichtszeit auf dem Flur zu verbringen als auf den Schutz zu verzichten. Das Ganze fühlte sich nach einem völlig sinnlosen Machtkampf an, von dem letztendlich niemand einen Vorteil gehabt hätte. Ich entschied spontan, dass der Hut NICHT abgesetzt werden musste (nach dem voran gegangenen Theater ging das nicht völlig unkommentiert). Der Schüler brauchte eine Weile, bis er dahinter nicht mehr einen „Trick“ gegen ihn vermutete, dann nahm er immer entspannter am Unterricht teil. Als der Hut nicht mehr als Symbol dienen musste, konnte er freiwillig darauf verzichten.

Was hätte man bei der Ohrfeige machen sollen?- Zuerst: es hätte schon zu dem Auslöser davor gar nicht kommen dürfen- mit dem Schüler in Ruhe zu sprechen und das Ergebnis den Mitschülern mitzuteilen (die ja unfreiwillig Zuschauer und damit zu Beteiligten wurden), wäre nach der Vorgeschichte wahrscheinlich nicht möglich gewesen. Also hätte man einen unbeteiligten Lehrer, Eltern oder Schüler als Vermittler hinzu ziehen müssen. Aber so, wie es mir berichtet wurde, wäre ein viel früheres Handeln angebracht gewesen.

Bei der letzten Geschichte ging es ausschließlich um eine Machtdemonstration der direkten Vorgesetzten. Die Schwester hat den „Weg der Instanzen“ korrekt eingehalten. Wenn sie weitere Gefährdungen der Patienten verhindern wollte, blieb keine andere Möglichkeit mehr. Die Alternative wäre hier eine wirkliche Führungspersönlichkeit an früherer Stelle gewesen- dann wäre es zu den ganzen Ereignissen gar nicht erst gekommen.

Was ich für wirklich sinnvoll halte: wenn der Verursacher irgendwelcher Missgeschicke zumindest daran beteiligt wird, sie zu beseitigen. Wenn jemand einen Eimer Wasser umstößt, bringt es keinem etwas, den Ungeschickten anzuschreien- besser man drückt ihm einen Lappen in die Hand, damit er das Wasser wieder aufwischt. Einen Schüler oder Auszubildenden anzubrüllen oder zu bestrafen, weil er einen Fehler gemacht hat, bewirkt eher das Gegenteil. Entweder schaltet derjenige auf Durchzug oder er macht vor lauter Angst erst recht Fehler. Das ist nämlich die Folge von Angst: wir sind nicht mehr in der Lage, vernünftig zu handeln, erinnern uns nicht mehr an Erlerntes usw.

Bevor ich mir allerdings den Kopf wegen passender „Strafen“ zerbreche, steht etwas viel Wichtigeres an erster Stelle: dass ich mein Gegenüber Ernst nehme, es respektiere-  das Gleiche im Gegenzug aber auch für mich einfordere/erwarte (das muss nicht lautstark sein, oft reicht es, wenn ich davon innerlich überzeugt bin). Bei Kindern passieren Missgeschicke in den seltensten Fällen aus „Bösartigkeit“, auch Mitarbeiter machen Fehler selten mit Absicht. Strafen bewirken also eher nicht, dass Fehler künftig vermieden werden.

Jetzt kommt allerdings etwas hinzu, was heute gern übersehen wird: Auch ein kleines Kind sollte wissen, wenn es etwas getan hat, was nicht in Ordnung ist: es jemanden verletzt hat oder einen großen Fehler gemacht. (Dazu gehört nicht zwangsläufig eine moralische Entrüstung.) Es sollte meiner Meinung nach immer an der „Wiedergutmachung“ beteiligt werden, die jedoch aus dem Fehler hervorgehen muss. Ein Geschenk machen, weil man den anderen verletzt hat- hat keinen Zusammenhang und bewirkt einen ganz unguten Lerneffekt. Wenn ich Vertrauen in die Fähigkeiten des Kindes habe, dann traue ich ihm auch zu, den richtigen Weg finden- zu Beginn wahrscheinlich mit Hilfe. Ich habe nie erlebt, dass das von einem Kind als unangenehm empfunden wurde. Ganz im Gegenteil. Wenn man mit Kindern- ihren Fähigkeiten entsprechend- gemeinsam eine Lösung sucht, sind sie oft nicht nur erleichtert, sondern verfügen danach sogar über weitere Fähigkeiten und größere Sicherheit. Auf so einem Weg, der keine generalisierten Abläufe enthalten kann, passieren weniger inkonsequente Reaktionen, die Kinder oft sehr verwirren und verunsichern. (Warum wird man einmal für etwas bestraft, bei der nächsten Gelegenheit gibt es als Trost ein Eis oder der Erwachsene macht sogar Witze darüber? Wer soll sich da noch auskennen?)

In solchen Lernprozessen sind Eltern, die ihr Kind vor jedem „Frust“ schützen wollen, nicht eben günstig für dessen Weg in die Selbstständigkeit. Ein Beispiel aus eigener Erfahrung: eine 16jährige sollte die Folgen einer Schummelei wieder „gerade rücken“. Die Angelegenheit selbst wäre diskret und schnell vom Tisch gewesen, war quasi eher ein für sie nötiges Feedback. Das wollten die empörten Eltern mit allen Mitteln verhindern und es wuchs sich dadurch zu einer Riesenblase aus. Die Schülerin sah es genau richtig als das, was es war: ein Machtkampf, woraus sie wegen ihres familiären Hintergrundes bisher immer als Siegerin hervor ging. Obwohl sie sich sogar wegen der Überbesorgtheit ihrer Eltern um das „bemitleidenswert verkannte Kind“ lustig machte, kamen den Eltern keinerlei Zweifel an ihrer „Rettungsaktion“. Die erwünschte Anerkennung der Mitschüler hielt sich in Grenzen und beschränkte sich auf die generell „Gehorsamen“.

Zu meinem Erstaunen gab es darüber hinaus diverse Eltern, die eine „Wiedergutmachung“ nicht als logische Konsequenz sehen konnten, sondern eben als „Strafe“, die gefürchtet werden müsse- übrigens im Gegensatz zu den Schülern selbst.

Kinder oder Jugendliche bloß zu stellen kann nicht die richtige Reaktion sein- aber sie mit den Folgen zu beschäftigen, diese möglichst zu beseitigen und es damit abzuschließen- schon. Je jünger ein Kind ist, desto mehr muss ein Erwachsener wohlwollend und notfalls hilfreich zur Seite stehen, aber sich mit der Zeit immer mehr zurück halten. So kann das Kind lernen, diese Dinge schließlich selbst zu regeln.

Dazu kommt, dass die Angst vor „Strafen“ weit Schlimmeres hervor rufen kann. Ob das schief gelaufene Mutproben bei Kindern oder Jugendlichen sind – oder bis ins Erwachsenenalter, wo Vertuschungen von Fehlern viele unnötige Konsequenzen (Zeitverlust, Streit, vermehrte Kosten, Verlust verärgerter Kunden und Lieferanten) bewirken.

Aus Angst vor Strafen hat sich auch immer mehr eingeschlichen, jemand anderem die „Schuld“ zu zu weisen. Wenn man es nur gut genug begründen kann, ist man fein raus- auch wenn die Konsequenzen sogar für einen selbst noch so übel sind- bis hin zum Untergang einer Gruppe, einer Firma oder noch schlimmer. Das mag im ersten Schock eine verständliche Reaktion sein, aber taugt nicht auf Dauer- besonders wenn auf das Finden irgend eines Schuldigen nichts weiter folgt. Die sich angewöhnen, bei allem Unglück, das ihnen oder anderen widerfährt, zuerst nach einem Schuldigen zu fahnden, auf den man mit dem Finger zeigen kann, schaden aber nicht nur anderen, sondern lähmen damit sich selbst. Denn wie kann ich selbst aus einem Unglück heraus finden, wenn bis heute nur ein anderer über die Macht verfügt, etwas daran zu ändern.

Gehorsam, der durch sinnlose Strafen entsteht, bewirkt eben auch, dass man den vermeintlich Stärkeren die Verantwortung überlässt. Wenn man nie direkte Konsequenzen erlebt, Zusammenhänge herstellt und nur nach Machtpositionen handelt, dann entwickelt man kein Verantwortungsgefühl – weder für die eigenen Taten, sich selbst, noch für seine Mitmenschen. Wie auch?

Alles gut und schön. Aber wer schafft es schon, immer gelassen und folgerichtig auf Fehler oder Missgeschicke seiner Kinder zu reagieren? Das kann doch kein Mensch! Stimmt! Wenn solche Regelungen grundsätzlich in die richtige Richtung laufen, dann darf man in der Aufregung auch MAL unfair sein. Wichtig ist es, das nicht so stehen zu lassen.