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Obwohl es mittlerweile schon ganz andere Erfahrungen gibt, wird immer noch quer durch alle Medien den Menschen Angst vor furchtbaren Krankheiten wie z.B. Krebs oder dem Altern gemacht- verursacht durch sogenannte „freie Radikale“- und ganz nebenbei damit eine Menge „verdient“.

Neutral betrachtet sind Radikale „reaktionsfreudige“ Stoffe, die überall vorkommen- z.B. auch in unserer Umgebung und in den Körperzellen (sicher kennt jeder von Euch z.B. Ozon).Diese reaktionsfreudigen Stoffe reagieren mit Zelleiweißen und auch mit unserer DNA, was ihnen den Ruf eingebracht hat, Krebs zu erzeugen.

Radikalenfänger sind Moleküle, die ebenfalls reaktionsfreudig die Radikalen unschädlich machen können, indem sie mit ihnen reagieren.

Die Wissenschaftler bringen seit den 1950er Jahren sogar die Zellalterung mit den Radikalen in Zusammenhang. Durch den Radikalen-Stress vermutete man auch die Entstehung von Krankheiten. Zum Glück können bestimmte Vitamine diese freien Radikalen unschädlich machen. Heureka! Der Jungbrunnen war gefunden!… ?

Inzwischen ist man mit dieser Ansicht wieder etwas vorsichtiger geworden (nicht, dass deswegen die Angstmacherei oder Lobpreisungen von Vitaminpillen abgenommen hätten).

Zum einen gab es einen Versuch mit Fadenwürmern (Lebenszeit 18 Tage), die mit etwas gefüttert wurden, was deren Eigenproduktion von freien Radikalen anregte. Nach der gängigen Meinung hätten die Tiere früher sterben müssen- das taten sie nur dummerweise nicht. Ganz im Gegenteil. Sie lebten sogar durchschnittlich 3 Tage länger. Huch? Vielleicht eine besonders starke Sorte? Also mal was anderes probiert: Die Würmer bekamen zusätzlich noch Vitamin E und C, was die freien Radikalen „abfängt“. Wie alt sie jetzt wurden? 24 Tage? Oder noch älter?
Nee.. wieder nur die bekannten 18 Tage.

Ok. Schließlich sind wir keine Fadenwürmer. Vielleicht ist deren Stoffwechsel irgendwie anders als unserer gepolt.

Der Ernährungsmediziner Prof. Michael Ristow von der ETH Zürich untersuchte die Wirkung von Vitamingaben bei Sportlern. Gerade beim Sport erhöht sich die Menge der freien Radikalen im Körper.

Da könnten Radikalenfänger (Vitamine) also durchaus sinnvoll sein. Das Ergebnis war allerdings ähnlich überraschend wie bei den Würmern: Sportler, die Vitamine eingenommen hatten, zeigten keinen Vorteil durch den Sport, dagegen die andere Gruppe (ohne zusätzliche Vitaminpräparate) mehrere gesundheitliche Vorteile. Die Vermutung geht nun dahin, dass die freien Radikalen, die beim Sport entstehen, möglicherweise verantwortlich für die gesundheitsfördernde Wirkung von Sport sind.

Jeder Mensch hat normalerweise Angst vorm Tod, zu altern ist auch nicht wirklich eine attraktive Vorstellung- also probiert man eben alles, was das irgendwie verhindern könnte.

Aber mal im Ernst- lebt jemand deswegen besonders lange und sieht jünger aus, weil er entsprechende Präparate schluckt? Selbst Menschen, die sich finanziell alles leisten könnten und große Angst vor Falten und ähnlichem haben, landen schlussendlich doch beim plastischen Chirurgen.

Eigentlich sind diese Studien-Ergebnisse aber gar nicht so verwunderlich:

Freie Radikale sind nichts, was es erst seit gestern gibt. Die Lebewesen waren ihnen schon lange und überall ausgesetzt und mussten Strategien entwickeln, damit umzugehen.

Einiges, was von uns als furchtbar und gefährlich eingestuft wurde und daher in unseren Augen abgeschafft gehörte, stellte sich im Nachhinein als alles andere als überflüssig heraus.

Körperliche Arbeit? Nö. Lieber nicht. Natürlich hat sie auch diverse Krankheiten verursacht- aber völlig verzichten können wir auf körperliche Aktivität eben doch nicht, wenn wir gesund bleiben wollen. Kaiserschnitte waren mal der „Renner“, weil man dem Kind den Geburtsstress ersparen wollte- und den Müttern die Wehen. Später stellte sich heraus, dass die unter der Geburt entstehenden Stresshormone nötig für die Reifung der kindlichen Organe sind. Wer sich über längere Zeit weigert, Neues zu lernen, muss sich nicht wundern, wenn das Gehirn auf „Sparflamme“ schaltet- und jeden Infekt zu unterdrücken ist eine super-Voraussetzung, um sich Allergien einzuhandeln.

Wie kommt es überhaupt zu diesem Vitamin-Hype?

Manche glauben ja bis heute, man könne jede Rücksicht auf seinen Körper vergessen: ein paar Vitaminpillen eingeworfen und alles ist wieder gut. Quasi der moderne „Ablasshandel“.

Sicher kennen die meisten die Geschichte: bis Mitte des 18.Jahrhunderts gab es unter Seeleuten eine gefürchtete Krankheit: sie wurden nach einiger Zeit auf See immer schwächer, verloren ihre Zähne und auf der Haut zeigten sich Flecken und Einblutungen. Schließlich starben sie sogar daran. Der britische Schiffsarzt James Lind entdeckte schließlich eine Möglichkeit, den Skorbut zu verhindern: Männer, deren Speiseplan Zitrusfrüchte enthielt, blieben davon verschont-

Um 1930 wirkte sich die allgemeine Weltwirtschaftskrise auch auf die Schweizer Pharma-Firma Hoffmann-La Roche aus. Viele der Arbeiter wurden entlassen. Irgendein neues Produkt musste her, um die Firma aus der Talsohle zu ziehen! (Egal was.. 😉  ) Da bot der Chemiker Tadeus Reichstein der Firma ein Verfahren an, mit dem man Vitamin C künstlich herstellen konnte. Bei normaler Ernährung gab es eigentlich keinen Grund, sich zusätzlich dieses Vitamin zuzuführen (im Winter wäre man z.B. mit Sauerkraut, lagerfähigen Äpfeln usw. auch in kälteren Gegenden gut versorgt). Selbst der Forschungsleiter von Roche stand diesem „Medikament“ kritisch gegenüber und sah keinen Sinn in dessen Verordnung. Da griff die Marketingabteilung ein: die Ärzte sollten das Präparat wegen eines drohenden (oder besser noch: bestehenden ) Vitamin C Defizits verschreiben. Eigens dafür wurde ein Apparat entwickelt, mit dem man über eine Urinprobe den „Mangel“ nachweisen konnte. Damit war es erstmals gelungen, eine „Krankheit“ zu diagnostizieren, ohne dass jemand überhaupt Symptome einer Krankheit zeigte. Eine Super-Idee! Schon nach wenigen Jahren wurde das „Medikament“ tonnenweise hergestellt.

Vitamin C transportiert das Eisen von Darm zum Blut (glücklicherweise ist im Gemüse oft beides) und ist am Aufbau des Bindegewebes beteiligt. Vitamin C ist ein wasserlösliches Vitamin- d.h. es wird nicht ganz so lange gespeichert wie die fettlöslichen- aber auch Vitamin C kann einige Tage bis Wochen im Blutkreislauf bleiben, bevor es ausgeschieden wird. Bei einer halbwegs normalen Ernährung (wobei ab und zu Gemüse oder Obst sein sollten- wenn auch nicht täglich notwendig), haben wir ausreichend davon zur Verfügung.

Nimmt man zusätzlich Vitamin C Präparate ein- kommt man schnell über die tatsächlich benötigte Menge und der Körper scheidet einfach alles aus, was er nicht braucht. Dann ist es ja egal, wie viel wir essen…? Die eine oder andere Pille mehr schadet nicht? Der Nachteil daran ist, dass der Körper sich an eine Überdosis gewöhnt und eine normale Zufuhr zu gering wäre.

Hier erfährt man noch mehr zur Geschichte des Vitamin C, die Dissertation von Beat Bächi kann als pdf kostenlos heruntergeladen werden.

Im Moment gibt es einen Riesenhype um das Vitamin D. Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin die einzige, die keine Vitamin D Präparate nimmt.

Ein Vitamin D Mangel kann natürlich Krankheiten verursachen. Aber wie viel sollte man täglich zu sich nehmen? Die Wissenschaftler sind sich wegen der „richtigen“ Menge mehr als uneins. Vitamin D kann der Körper unter Sonnenlicht selbst bilden und über Monate speichern. Wer also regelmäßig draußen ist (im Sommer reichen 15 Minuten täglich, um uns auch für den Winter ausreichend zu versorgen), dürfte keine Probleme wegen eines Vit.D Mangels haben.

Wer das nicht kann, sind z.T. Säuglinge, Menschen die sich vollständig bedecken/verschleiern und Pflegebedürftige. Früher ist man eher sorglos mit einer zusätzlichen Gabe umgegangen, so dass man einen Zusammenhang zu häufiger auftretenden Infarkten bei Mitte-20-Jährigen in den 1970-Jahren vermutete (und weitere gesundheitliche Schäden).

Nicht nur, das man Vitamine in ihrer natürlichen Form (Obst, Gemüse- aber auch in Fleisch und Fisch) nicht überdosiert und besser verträgt- oft können sie auch besser genutzt werden, weil die Nahrungsmittel die dafür nötigen Stoffe bereits mitbringen.

Trotzdem bleiben Vitamin-Pillen bis heute ein Bombengeschäft und die wenigsten möchten ihren Glauben daran aufgeben, darin ein überall verfügbares Zaubermittel gefunden zu haben, was jeden Verwender länger jung und gesund erhält.

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