ACH WAS?!

20%? WAS für ein Erfolg! 90% Sicherheit? Super! Leider sagen die Zahlen allein wenig aus und gaukeln etwas vor, dass so ganz und gar nicht stimmt. Bei aller Abneigung gegen Zahlen.. hier geht’s nicht darum, wieviel Äpfel Bauer Ernst erntet, wenn er sein Anbaugebiet um 10% vergrößert- sondern um unsere Unversehrtheit. Auf die Ärzte können wir nicht unbedingt zählen. Tatsächlich wussten bei einer Umfrage unter 160 Gynäkologen (FACHärzten) nur 21%- d.h. ungefähr nur jeder 5. – wie groß der Nutzen der Früherkennungsuntersuchung wirklich ist- und… wie groß der Schaden..

Sicher haben die meisten das schon mal als Foto oder Video gesehen: da wird die Brust so weit wie möglich „platt“ gedrückt- um kleine Gewebsänderungen besser erkennen zu können)

Mammografie3Aber durch diese (unangenehme) Untersuchung wird das Brustkrebsrisiko doch um 20 % gesenkt! Dafür nimmt man schon was in Kauf.

Fällt den ersten schon was auf? Hier fehlt nämlich eine ganz entscheidende Information- ausgerechnet die wichtigste: 20Prozent? Aber von was?

20 % aller Frauen kann man Brustkrebs ersparen,? Die ihn ohne Screening bekommen hätten ? Hört sich doch irgendwie so an- oder? Wer wäre bei den Zahlen so verrückt, diese Untersuchung zu verweigern?

Die 20% bedeuten aber etwas anderes- denn sie beziehen sich nicht auf alle Frauen, sondern nur auf Frauen, die nicht zum Screening gegangen sind und dann an Brustkrebs gestorben sind. Zu kompliziert? Beziehen wir diese Zahl auf eine große Gruppe von Frauen:

Von 1000 Frauen, die nicht am Screening teilnehmen, sterben 5 Frauen irgendwann an Brustkrebs.

Von 1000 Frauen, die regelmäßig am Screening teilnehmen, sterben 4 Frauen irgendwann an Brustkrebs.

Da hat  jemand festgelegt, dass 5 Frauen 100 % entsprechen sollen. Eine von 5 Frauen wären also 20%. Gegen diese Festlegung ist gar nichts ein zu wenden.. solange die Patientin weiss, worum es geht! Aber dann wirkt es leider nicht mehr so gut.

Wenn 1000 Frauen regelmäßig am Screening teilnehmen, stirbt genau eine Frau aus dieser Gruppe weniger an Brustkrebs als wenn alle 1000 Frauen es NICHT täten- das Risiko sinkt also um genau eine einzige von 1000 Frauen (der wir alle natürlich ihre Rettung von Herzen gönnen). Beschließt man, dass nicht die 5 Frauen als Grundlage für die 100 % genommen werden, sondern alle 1000, dann sinkt das Risiko nicht um 20, sondern lediglich um 0,1%. Das hört sich schon nicht mehr so beeindruckend an.

Was passiert durch das Screening? Was wir schon wissen:

Bei den Frauen, die nicht zur Untersuchung gehen: erstmal nichts- 5 von 1000 haben irgendwann Krebssymptome, müssen sich einer sehr unangenehmen Behandlung unterziehen und sterben schließlich an dem Krebs.

Bei den Frauen, die brav der Aufforderung folgen: Sterben nur 4 von 1000 an ihrem Krebs.

Und sonst? Außer der Rettung einer von 1000 Frauen haben alle 1000 Frauen noch zusätzlich etwas davon:

z.B. Schmerzen durch die Quetschung der Brust bei der Untersuchung. o.k. das verschwindet bei den meisten schnell wieder- bei einigen hält der etwas an.

Im Laufe von 10 Jahren gibt es außerdem: bei ca. 90 von ihnen einen positiven Befund, der sich bei gründlicheren Untersuchungen zum Glück als falsch herausstellt. Außer Spesen nix gewesen? Hat das von Euch schon mal jemand selbst erlebt? Oder bei Freunden? Angehörigen? Der Befund sorgt über Tage für große Angst- noch Monate später gibt es z.B. gravierende Schlafprobleme. Auch die anderen (z.B. Ehepartner, Kinder) können das nicht einfach wegstecken und vergessen (Einer Patientin von mir saß die damalige Androhung einer Brustamputation durch einen wenig sensiblen Arzt nach 30 Jahren noch in den Knochen). Dazu kommt die weitere Untersuchung durch eine Gewebsentnahme- also eine kleine Operation.

Wie drückt man das am besten in Prozenten aus? Mit der anderen Gruppe vergleichen kann man das nicht- denn die anderen haben diese Probleme nicht.

90 von 1000 Frauen sind 9 % : Also sorry Mädels, wir erzählen zwar fast jeder 10., dass sie Krebs hat- aber bei den meisten liegen wir zum Glück daneben.

Dazu kommen weitere Frauen: Beim Screening werden nicht nur die entdeckt, die am Brustkrebs sterben werden (nein – eigentlich auch nicht alle.. eine von den 5 wird nämlich leider übersehen..), sondern  5 zusätzlich. Bei denen finden sich zwar Zellen, die nicht so wachsen, wie sie sollen, aber dabei nicht wirklich stören. Wären diese Frauen nicht gezielt auf Brustkrebs untersucht worden, wären sie nie aufgefallen. Diese Frauen wären schließlich an etwas ganz anderem gestorben, ohne je davon gewusst zu haben. Aber: gefunden ist gefunden und wird nun auch behandelt:

Mit einer Operation: z.B. Brustamputationen, + Ausräumung der Lymphknoten mit all den Nebenwirkungen.

Mit einer Chemotherapie: Übelkeit, Erbrechen, Haarausfall, Anämie, Herzfehler, vorgezogene Menopause (Wechseljahre)  evtl. lebenslange Müdigkeit und Schwäche.

Von 1000 Frauen erkranken also irgendwann 10 an Krebs: 5 davon an einer harmlosen, 5 an einer aggressiven Form  –  oder in Prozenten ausgedrückt: 1% von 1000 Frauen erkrankt wahrscheinlich an Brustkrebs.

Garantiert sicher ist der Test nicht: aber zu 90%-  d.h. von den 10 erkrankten Frauen entdeckt man den Brustkrebs nicht bei allen-immerhin bei 9.

Zusammengefasst:  Von 1000 Frauen werden 99 Frauen als krank eingestuft. Wirklich Krebs haben davon nur 9 (bei 4 oder 5 von ihnen ist er harmlos), bei den anderen 90 ist die Diagnose falsch. Bei einer Frau wird der Krebs nicht entdeckt.

Was haben wir jetzt an Zahlen zur Verfügung?

Erkrankungswahrscheinlichkeit: 1 %

Sicherheit des Tests: 90%

Falschalarmquote 9%

Bisher gehen wir immer von 1000 Frauen aus, anders:

Risikosenkung: 20%   Hier – wir erinnern uns: nehmen wir nur noch die 5 an Krebs verstorbenen Frauen.

Bringt man nun die 20% Risikosenkung mit der 90% Sicherheit des Tests zusammen, klingt das doch schon ganz gut! Da fallen die 9% Falschalarmquote auch nicht mehr so ins Gewicht..

Wie bereits erwähnt:  bei einer Umfrage unter 160 Gynäkologen (FACHärzten) wussten nur 21%- d.h. ungefähr nur jeder 5. – was diese Zahlen tatsächlich bedeuten. Sie schätzten den Vorteil des Screening viel zu hoch, den Schaden, der dadurch verursacht wird, nicht hoch genug ein. Und denen soll man möglichst blind vertrauen?

Zitat: „Früherkennung anbieten, heißt Geld einnehmen“ (Dr. Odette Wegwarth, Max Planck Institut Berlin)-

In manchen Praxen machen Früherkennungsuntersuchungen bis zu 50% der Einnahmen aus.

Natürlich (!) sollte man sich in die Hände eines guten Gynäkologen begeben, wenn man Knoten spürt, andere Auffälligkeiten an der Brust entdeckt, oder wenn Brustkrebs gehäuft in der Familie vorkommt. Aber solange man sich gesund fühlt…und definitiv keine Veränderungen entdecken kann?

Also Mädels: in diesem Fall finde ich es wirklich mehr als nützlich, die Geschichten hinter den Zahlen selbst zu verstehen, Dann kann man nicht mehr so leicht aufs Glatteis geführt werden, gar in Panik versetzt und setzt sich unnötigen Risiken aus. Das läuft nämlich bei anderen Risiko-Einschätzungen auch nicht anders.

MEHR DAZU bei Quarks und Co: Wem nützt die Krebsvorsorge?//

Cochrane-Studien: kein Unterschied bei der Krebssterblichkeit ob mit oder ohne Check-Up. Der Check-Up bringt keinen Überlebensvorteil, produziert aber Patienten (s.o.)- das galt auch für andere Check-Ups (Ausnahme: Muttermundabstrich)

krank durch Früherkennung: 

Gerd Gigerenzer: Risiko

http://www.medical-board.ch/fileadmin/docs/public/mb/fachberichte/2013-12-15_bericht_mammographie_final_kurzfassung_d.pdf

Prof. Ingrid Mühlhauser: z.B hier

den „Jungs“ ergeht es mit der Früherkennung übrigens auch nicht besser: nächster Teil (4.): Früherkennung rettet Leben

(Teil 1: Risiken selbst einschätzen, Teil 2: reale Gefahr?)