Regeln im Arbeitsalltag

Wie? Das wissen Sie nicht? Oder: In Ihrer Firma läuft das anders? Wie doof ist DAS denn?! SO macht man das! NUR so!

Regeln gibt’s mal mehr mal weniger- sinnvolle oder auch die anderen. Immer sind es aber Vereinbarungen und Absprachen, die untereinander getroffen wurden und die der Rest der Menschheit nicht unbedingt so akzeptiert. Die wahrscheinlich sogar nur die wenigsten kennen. Also keine Naturgesetze. Warum das überhaupt so deutlich erwähnen?

Ist doch klar!

Tatsächlich?

Wenn ich etwas fallen lassen, fällt es so lange, bis es von etwas aufgehalten wird. Das macht die Erdanziehungskraft. Wie der Name schon sagt, können wir diese Erfahrung auf unserem Planeten machen. Außerhalb- ist das anders. Sogar schon so etwas Selbstverständliches gilt nicht immer. Aber es ist ein Beispiel für eine Voraussetzung, die jeder für so einen Vorgang unbewusst macht- über die sich ein normaler Mensch nicht streiten würde.

Dass eine Sache als Vorgang XY 713 eingestuft und dafür natürlich Formular 7005/ 13b benötigt wird, ist dagegen nicht genauso selbstverständlich- und nicht jedem Menschen auf dem Planeten bekannt. Was soll ich sagen? Manchen scheint das tatsächlich neu zu sein. Besonders gern in irgendwelchen Ämtern mit viel Publikumsverkehr, wo jeden Tag Horden von Menschen durchziehen, denen man immer wieder das Gleiche erklären muss. Wo die Gereiztheit immer mehr hochsteigt, wenn der „Antragsteller“ beim x-ten Formular schließlich versehentlich eine Angabe in die falsche Zeile einfügt- und dann auch noch den „Antragstellerkugelschreiber“ auf den Schreibtisch des Beamten zurücklegt-.. statt auf die (tiefere!) erlaubte Schreibfläche. (Einmal hatte ich fast den Eindruck, der oben erwähnte Fehler würde beim Gegenüber den Wunsch nach roher körperlicher Gewalt auslösen.. Mal im Ernst..  jemanden, der so überreagiert, kann man doch nicht an so einen Arbeitsplatz setzten..?.! Merkt das keiner der Kollegen oder Vorgesetzten?) Was Ähnliches hat wohl jeder schon mal erlebt- oder?

(Wobei ich erwähnen muss, dass ich bei persönlichen Kontakten in unserem Finanzamt jedes Mal aus allen Wolken falle.. Aber nicht aus dem Grund, den man erwarten würde. Bisher bin ich nämlich jedes Mal auf freundliche und hilfsbereite Menschen gestoßen, die sich notfalls auch mal mehr engagiert haben, als es ihre unbedingte Pflicht gewesen wäre. Ach nee: Eine Ausnahme gibt’s. Direkt bei der ersten Anlaufstelle erlebt man das schon mal anders- aber sonst? Könnte sich mancher eine Scheibe abschneiden- bis hin zum Steuerberater selbst. 😉  )

Man kann Menschen, die unserer Meinung nach total verrückte Ansichten haben, doch aus dem Weg gehen (oder „eine Armlänge Abstand halten“, wenn deren „Ansichten“ übergriffig sind.. ähh.. klar!).

Im Privatleben kann man das versuchen- im Arbeitsleben weniger. (Auch da gibt es körperliche Übergriffe- darauf beziehe ich mich im Folgenden aber nicht.)

An jedem Arbeitsplatz findet man feste, unausgesprochene –teils sehr starre- Regeln vor. Man macht sich selten eine richtige Vorstellung davon, WIE viele es tatsächlich sind. Je weniger sich an der Zusammensetzung der Mitarbeiter ändert, desto selbstverständlicher werden sie – und sie werden auch bei allen anderen als selbstverständliche Kenntnis voraus gesetzt. Egal wie unnütz oder überholt sie auch immer sein mögen. Das merkt man leicht in großen, länger bestehenden Firmen, deren Umgangsetikette einer anderen Zeit entstammt. Ein junger Mensch, der dort Karriere machen will, muss sich dem anpassen. Trotz anders lautender Lippenbekenntnisse: Selbst wenn der Verstand erkennt, dass eine Änderung dringend notwendig ist- die Umsetzung ist eine ganz andere Sache.

Feste Regeln kürzen Entscheidungsprozesse ab. Das einfachste Beispiel sind Verkehrsregeln: Wenn man bei jeder Begegnung mit einem anderen Verkehrsteilnehmer alles ausdiskutieren müsste, würde man sein Ziel wohl erst nach Tagen oder Wochen erreichen. Feste Regeln vermitteln zudem Sicherheit- natürlich eine trügerische, wenn man es nicht schafft, sich auch auf geänderte Bedingungen einzustellen. Und- nicht zu vergessen: sie halten andere „im Zaum“, die zur „Bedrohung“ der eigenen Position werden könnten.

Zu meiner Ausbildung- als Schwesternschülerin- gehörte auch ein Einsatz in der Anästhesieabteilung. Nach einigen Wochen sollte mich ein neu hinzu gekommener Schüler begleiten und sich von mir bestimmte Standardabläufe zeigen lassen. Das waren so viele, dass wir dafür tatsächlich eine ganze Schicht brauchten. Der Mitschüler begann nach wenigen Stunden angesichts der Flut von Information zu jammern. Da wurde mir zum ersten Mal klar, wie viele Dinge man automatisch ausführt, ohne sich deren Umfangs bewusst zu sein.

Für meinen Lebensunterhalt während des Studiums arbeitete ich weiter im Krankenhaus. Dabei lernte ich verschiedene Abteilungen und auch Krankenhäuser kennen. Nur zu häufig traf ich auf Kollegen, die ihre eingespielten Abläufe für das Non-plus-ultra hielten und unbedingt darauf beharrten- selbst wenn dadurch Patienten gefährdet wurden. ( z.B.: „Diese Analyse machen wir nur mittwochs vor 8 Uhr. Sie sind zu spät dran. Da müssen Sie jetzt eben eine Woche warten!“ Die Patientin hatte die bedrohliche Komplikation leider nicht vorhergesehen- wahrscheinlich war die Kristallkugel zur Reparatur..- und daher tags zuvor versäumt, sie „anzumelden“. Nach einer Woche hätte sich die Laboruntersuchung dann eh „erledigt“. Zum Glück gab derartig drastische Erlebnisse nur hin und wieder- und das muss man auch nicht einfach hinnehmen. Aber es gab auch einfach blöde Vorschriften, deren Sinn kein Mensch erläutern konnte: Haare waschen ist nach einer Op grundsätzlich wochenlang verboten, lange auch noch: Fieber und Puls werden um 4 Uhr morgens messen- immer und bei jedem usw. Als Erklärung gab’s maximal: „Das ist eben so!“)

Solche Begründungen sind nicht besonders „Krankenhaus-spezifisch“, sowas begegnet einem überall- im Krankenhaus hat es nur manchmal direkte drastische Folgen- für jeden erkennbar.

Ich habe ja schon sehr früh begonnen, in der Klinik zu arbeiten und dort natürlich auch Wertvolles gelernt, was mir -zuerst unreflektiert- in Fleisch und Blut übergegangen ist. (Auch so eine „Regel“- und tatsächlich irritiert es mich, wenn sich mit aller Vehemenz dagegen ausgesprochen wird.):

Im Krankenhaus gibt es bei Schichtwechsel die sogenannte „Übergabe“. Dort wird über die Patienten berichtet, Besonderheiten, noch anstehenden Aufgaben usw. Zusätzlich wird das Wichtigste schriftlich festgehalten. Hier ist leicht einzusehen, dass eine mangelhafte Kommunikation zu ersthaften Problemen führen kann. Ganz so dramatisch ist das in anderen Bereichen natürlich nicht- bzw. ein Zusammenhang ist nicht so leicht herzustellen, weil weniger „öffentlich“.

In Firmen, wo Einzelkämpfertum und Konkurrenz untereinander als Tugend ausgezeichnet sind, werden Informationen so weit wie möglich für sich behalten: Wichtiges zu Kunden, Aufträgen, besonderen Abläufen. Berichtet trotzdem jemand von Besonderheiten (deren Kenntnis.. eigentlich.. -im Sinne der Firma- für alle Beteiligten wichtig ist), wird das als Zeitverschwendung abgetan. Andererseits gibt es auf dementsprechende Fragen nur nach zähen Verhandlungen Antworten- als würde es sich hierbei um eine „peinliche Befragung“, bzw. ein Verhör handeln. Noch schlimmer: der eigene Frust wird über missverständliche Informationen ausgelebt. Die werden im Bewusstsein der eigenen Überlegenheit an den nächsten im Arbeitsablauf/ in der Hierarchie weitergegeben. Oder es werden unberechenbare „Vorschriften“   vorausgesetzt (!)- die sich ausschließlich nach der momentanen Befindlichkeit richten und nach Sekunden schon anders sein können. Handeln gleich mehrere (z.B.) Abteilungsleiter so, ist ein einigermaßen funktionierender Arbeitsablauf kaum noch möglich. Der Mitarbeiter ist dann in jedem Fall „im Unrecht“ oder „ein Idiot“. Man selbst kann sich sekundenlang auf die eigene Schulter klopfen- viel länger hält die Befriedigung nämlich in den seltensten Fällen an. Die dadurch entstehenden Probleme für die Firma dagegen schon. Da sollten sich die Vorgesetzten fragen, ob es tatsächlich günstig ist, Konkurrenz unter den Mitarbeitern unter allen Umständen zu fördern. Dadurch gehen so einige Aufträge, Folge-Aufträge (ein einziger „Streitpunkt“ kann leicht bis in den 6stelligen Bereich oder höher gehen- das kommt auf das Produkt an, was verkauft werden soll) oder Kunden verloren. Ich habe manchmal den Eindruck, dass lieber Verluste in Kauf genommen werden, als etwas an der Kommunikation oder gar hieratischen Strukturen ändern zu wollen.

In jungen Firmen gelingt das häufig besser. Das wird oft mit dem Aufgabenspektrum der Firmen in Zusammenhang gebracht. Ich glaube aber, dass es weniger an den „IT-Firmen“ liegt, als an der fehlenden „Tradition“, wo mit Druck und Angst „geführt“ wird. Theoretisch ist bekannt, dass eine bessere Kommunikation zu besseren Ergebnissen führt. Praktisch siegt leider oft die Angst um die eigene Position.

Es bleibt viel zu tun  🙂