52.1.schmal

Bis hierhin war es noch verhältnismäßig leicht nachvollziehbar, wie unser freier Wille ausgetrickst wird und wie wir ihn allmählich wieder zurückerobern können.
Das folgende Kapitel beinhaltet ein Thema, was uns subtiler-unerkannt über unsere Sprache- manipuliert und unfrei macht. Das zu erkennen, ist etwas schwieriger- aber machbar.

„Gefühlen kann man nicht trauen“:  Sie sind schwer berechenbar, individuell und auch nicht so leicht weg zu diskutieren wie ein Gedanke.
Vor noch nicht allzu langer Zeit waren sie das Vorrecht von Frauen-  und hatten damit ähnlich viel Gewicht wie Spielzeug. Also nix für „ernstzunehmende Personen“.  So ganz.. ist diese Ansicht noch nicht aus den Köpfen verschwunden. Menschen, die auf ihre Gefühle hören, werden vielleicht gerade noch in romantischen Songs oder Filmen akzeptiert, in der ersten Phase der Verliebtheit- aber sonst..? Schon ziemlich suspekt-oder? Wie ginge es Euch mit einem Vorgesetzten, der sich vom Strom seiner Gefühle tragen lässt? Irgendwie kein gutes „Gefühl“- oder doch?Ich verstehe Gefühle ähnlich wie Wahrnehmungsorgane. Wenn etwas in Richtung Auge fliegt, schützen wir es- ohne groß darüber nachzudenken. Wir halten natürlich nicht alles für Realität, was wir sehen- wie z.B. einen Film- aber niemand käme auf die Idee, Informationen über diesen Sinn deswegen komplett auszublenden.

Wie ich schon früher erwähnte, verfügen wir unbewusst über ungeheuer viele Erfahrungen und Informationen, nach denen wir uns richten und handeln. In Gefahrensituationen können wir daher rasend schnell Entscheidungen treffen, die uns schützen- die Auswertung des „Scans“ aller aktuellen Eindrücke bekommen wir allerdings nicht als wissenschaftliche Ausarbeitungen ans Bewusstsein mitgeteilt, sondern in Form eines Gefühls.

Genauso, wie es Täuschungen über den optischen Sinn gibt, können uns Gefühle auch mit falschen Informationen versorgen. Falls wir uns also nicht in Windeseile in Sicherheit bringen müssen, lohnt es sich durchaus, die Gefühle bewusst zu registrieren und auch zu hinterfragen.
So schädlich wie es ist, unseren riesigen Informationspool zu ignorieren, ist es auch ein gegenteiliger Umgang damit: Der (erwachsene) Patient, der von seinem Psychiater das „Mantra“ bekommen hat: „Ich muss das leben, was ich fühl’ “, macht nicht nur seine Umgebung damit kirre, zwingt anderen ungefragt seine momentane Befindlichkeit auf, sondern gibt auch alle erwachsene Verantwortung für sein Leben und seine Taten ab. Verständlicherweise sorgt so ein Umgang mit Gefühlen für Ablehnung bei anderen- und lässt dabei vergessen, dass es sich hier um ein Extrem handelt.

Gefühle überhaupt wahr zu nehmen, ist für viele an sich schon schwierig- und dann noch mit entsprechenden Worten auszudrücken? Das fällt nicht leicht- zumal es in zahlreichen Berufen als unprofessionell gilt, die Tätigkeit mit Gefühlen in Verbindung zu bringen. (Nicht dass es hier ein Missverständnis gibt: jeder hat durchaus Gefühle dazu- aber die Wahrnehmung davon lässt sich unterdrücken. Einmal kostet diese Verdrängung sehr viel Energie – was sich irgendwann in körperlichen Symptomen äußert- zum anderen sind diese Gefühle trotzdem „da“ und üben Einfluss auf unser Verhalten und unsere Entscheidungen aus.) Besonders anfällig dafür sind Manager, Anwälte, Ingenieure, Polizisten, Angehörige des Militärs- und auch Berufsgruppen, wo man es weniger vermuten würde: wie etwa Ärzte, Psychotherapeuten der alten Schule oder Erzieher.

Wie beschrieben, werden wir von Beginn an mit einer Unzahl von Glaubenssätzen bombardiert. Versteckt gibt es davon noch mehr- in unserer Sprache:
Sprache ist nicht „neutral“- darin enthalten sind eine Menge „Erziehungsaufgaben“:

-Allein der Ausdruck „Erziehung“ (wer soll warum auf wessen Veranlassung wo hin ge“zogen“ werden?), oder dass jemand Lob oder Strafe „verdient“. Von welcher Instanz wird das entschieden- dessen Meinung man sich da freiwillig beugt?
Besonders in einflussreichen Positionen wimmelt es von Schuldzuweisungen und Strafen.
Viele solcher Muster laufen über eine „lebensentfremdende“ Kommunikation- wie es Marshall B. Rosenberg nennt:

-Über jemanden, der nicht die gleichen Vorstellungen hat, wie wir selbst, werden moralische Urteile gefällt: Demjenigen werden Fehlverhalten oder böse Absichten unterstellt.

-Immer wieder gibt es Vergleiche: wie die Geburt war, ab wann das Kind durchschläft, ab wann es „stubenrein“ ist, wann kann es sprechen, schreiben, rechnen, welche Zensuren, welche Bildung, welches Gewicht, welches Aussehen, wie sportlich, fleißig ist der Mensch- und und und… Das könnte man –glaube ich- endlos weiterführen.
Hinterfragen wir die Funktion von Vergleichen- und auch das Gefühl, das bei uns dann entsteht, bemerkt man allmählich, wie sie ehrliches Interesse und Mitgefühl nicht nur mit anderen, sondern auch mit uns selbst blockieren.

-Durch Schuldzuweisungen entsteht der falsche Eindruck, dass jemand anderer für unsere Gefühle und Handlungen verantwortlich sei. Die einzig dauerhafte Konsequenz für uns daraus ist die Unfähigkeit, selbst etwas an einer ungeliebten Situation zu verändern.

-Wünsche zu äußern, ist so ungebräuchlich und fremd, dass sie in Form von Forderungen vermittelt werden müssen- und so natürlich nicht wirklich auf offene Ohren stoßen- es sei denn, der andere ist abhängig von uns.

Fortsetzung folgt