40.1Viele Entscheidungen treffen wir nicht mit dem „freien Willen“,- es sei denn, es wäre unser Ziel, dass wir uns in entscheidenden Momenten ein Bein stellen. Manchmal fällt es uns in dem Moment selbst auf- manchmal erst etwas später. Oder wir haben uns unwiederbringlich in einem Licht dargestellt, das wir ganz bestimmt nicht beabsichtigt hatten. Alles Bedauern und „hätte ich nur“ hilft nicht mehr- die Gelegenheit ist verschenkt. Und auch die gründlichsten Analysen helfen nur wenig, sondern führen immer tiefer in den inneren Konflikt. Und kaum finden wir uns in einer ähnlichen Situation wieder- … „same procedure as every year“ ..  oder so ähnlich. Das ist doch wirklich zum aus-der-Haut fahren! Ich bin mir sicher, dass so ziemlich jeder ähnliche Erfahrungen beisteuern könnte.

Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie lange ich wie viele Menschen zu dieser Frage beobachtet und befragt habe, wie viele Bücher ich zu diesem Thema gelesen habe! Es waren gute Ideen und Ansätze dabei- nur bot alles keine dauerhafte Lösung.

In meiner Praxis bin ich einigen Menschen begegnet, die verschiedene Seminare und Coachings *) hinter sich hatten- und auch dort gab es eine ähnliche Erfahrung: Direkt vor Ort hatte jeder das Gefühl, den Stein der Weisen für sich entdeckt zu haben (besonders in gleichgesinnten Gruppen erlebt man ein selten gekanntes Hochgefühl- was natürlich genutzt wird). Leider wich das in den meisten Fällen schon am nächsten Morgen einer unangenehmen Ernüchterung. Mitunter hielt das gute Gefühl, alles schaffen zu können, sogar über mehrere Tage an- nur waren alle schließlich an ihrem Ausgangspunkt angelangt- nicht selten um erhebliche Summen ärmer. Und selbst, wenn es gute erste Ergebnisse gab, wurde der neue Freiraum schnell durch neue Probleme ersetzt.

Wie könnte man den Ursachen sonst auf die Spur kommen? Sich mit psychologischer oder psychiatrischer Hilfe*) auf die Suche begeben? Auch das Feedback dieser Patienten ließ mich immer weniger an einen Erfolg glauben. Zumal sich inzwischen Zweifel daran regen, ob es wirklich immer zum Besten des Patienten ist, wenn alles hochgewühlt und seziert wird, was die Verdrängungsmechnanismen mühsam zur Seite geschafft haben. Und der Patient dann mit einer neuen Ladung Wackersteine bis zum nächsten Termin allein klar kommen muss..

Bei Hypnosen und Biografiearbeit ergab sich schließlich ein merkwürdiges Bild: dass weniger irgendwelche traumatischen oder dramatischen Einzelereignisse zu dem status quo geführt hatten, als (an sich) völlig belanglose Sätze, deren Unsinn man als Erwachsener eigentlich durchschauen könnte- wenn (!) sie einem denn überhaupt bewusst wären!  Und so verrückt sie einem bei Tageslicht auch vorkommen, die Verbote, Anweisungen und Warnung schienen eine Art Schutz darzustellen, wenn auch einen, den man bei klarem Verstand nicht freiwillig wählen würde. Je besser diese Anweisungen verankert sind, desto mehr hält man seine Annahmen auch noch für ’normal‘, und kommt in den seltensten Fällen auf die Idee, deren Sinn zu untersuchen: als da z.B. sein können: als Mann- oder Arbeitnehmer- darf man keine Schwäche zeigen, das „Männerbild“ an sich (da ich keiner bin, kann ich es in aller Seelenruhe völlig verrückt finden, wenn jemand auf die Frage „Bist du ein Mann oder nicht?!“ in eine Marionette mutiert und idiotischen Anweisungen folgt- die jedem mit etwas Grips im Kopf nicht mal im Traum einfallen würden)  oder : das Glück kommt nur zu denen, die warten können; Unglück oder schwere Krankheiten sind Strafen für schlechte Taten; Mütter, die weiterhin ihrem Beruf nachgehen, lieben ihre Kinder nicht; jemand anderer lenkt unser Schicksal und daran ändern kann man eh nichts, rauchen ist immer gesundheitsschädlich, Fett im Essen ist schlecht- Eiweiß dagegen gut, Gemüse muss immer in Reihen gepflanzt werden usw. usw. Es gibt endlos viele solcher Annahmen. Selbst, wenn uns bewusst ist, dass es sich damit nicht um eherne Naturgesetzte handelt, haben wir uns damit arrangiert als wäre es so. Deren Fesseln fallen gar nicht auf- bzw. reden wir sie uns schön- obwohl manche davon uns massiv schaden. (wer mehr Beispiele lesen möchte, dafür eignet sich gut das Buch von P.Watzlawick „Anleitung zum Unglücklichsein“ ) Dabei sind Regeln und Vereinbarungen ja nicht immer von sich aus schlecht: Dass man an einer belebten Kreuzung an einer roten Ampel hält, wäre ein Beispiel für eine sinnvolle Regel.

Ich habe vor kurzem einen Film über die Hexenprozesse von Regensburg gesehen, der das sehr gut verdeutlicht- gerade weil uns der Inhalt so fremd ist: jeder logische Beweis, dass jemand nicht mit dem Teufel im Bunde sein konnte, wurde augenblicklich von einem in sich logischen Konstrukt widerlegt. Ich war total baff, wie leicht das geht. Zwar sind wir keine Hexen (ich beziehe mich auf die damalige Definition) oder Inquisitoren- aber über genau solche Konstrukte verfügen wir auch. Sobald wir uns aus besonders engen Fesseln lösen wollen, gibt es auf der Stelle eine „logische“ Ermahnung, an die wir uns ganz brav halten- das geht hin bis zu Angstattacken und körperlichen Stresssymptome und- je nach Erziehung auf Angriff, Flucht oder tot stellen.

Ja super – und wie kommt man nun dahinter? Stundenlange Hypnosen? Immerhin kann man sich in Hypnose auch an die jüngste Kindheit erinnern (Wozu das wichtig ist, im nächsten Teil) . Wenn der Therapeut aber nun gar nicht die richtigen Fragen stellt? Und was ist, wenn mir die Antworten darauf nicht einfallen oder gefallen? Erstmal. – Wenn man auf der Suche nach etwas ist, darf man nicht bereits die erwartete Antwort im Hinterkopf haben, sondern muss völlig offen für alle möglichen Antworten und Lösungen bleiben, auch wenn sie vielleicht aus einer ganz anderen Ecke kommen.

In den meisten Fällen „gehorchen“ wir dem kleinen Fiesling, der einfach immer wieder die Fallstricke auslegt, ohne bewusst wahrzunehmen, was genau er von uns will.

Das sind dann Sätze wie: Das kannst Du sowieso nicht; das schaffst Du nicht; die anderen sind eh alle viel besser; so viel Geld bezahlt sowieso nur jemand, der moralisch fragwürdig ist; es kommt nicht darauf an, dass der Beruf Freude macht; der andere ist nur nett, weil er mich über den Tisch ziehen will.. Na- kommt Euch etwas davon bekannt vor?  Selbst, wenn sich unser Verstand fürchterlich darüber ärgert, weil diese Einflüsterungen nicht wahr sind.. sobald wir nicht aufpassen: zack! Befolgen wir DOCH wieder alles ganz brav. Und wir haben derartig viele Regeln, dass wir unmöglich alle erwischen oder ununterbrochen auf der Hut sein können .

Wie sieht es bei Euch aus: Gibt es etwas, das Ihr schon immer tun wolltet? Was Euch mit Begeisterung und Freude morgens aus dem Bett treiben würde- und zwar jeden Morgen? Wenn es keine finanziellen oder andere Schranken gäbe- was würdet Ihr dann tun?  Habt Ihr Euch vielleicht schon so arrangiert, dass Euch eine Antwort auf diese Frage bereits schwer fällt? Lebt Ihr so, wie Ihr es gerne möchtet? Was würdet Ihr gern ändern? Wie einfach ist es, Wünsche zu finden, die Euch dauerhaft begeistern können (ein Lottogewinn kann das merkwürdigerweise nämlich nicht)? Das überhaupt zu formulieren, scheint immer schwieriger zu werden, dazu an anderer Stelle mehr: das ist nämlich auch ein sehr spannendes Thema.

Aber was ist das für ein dämlicher „Schutz“, der alle Wünsche und Ziele niedermacht, sogar mit Sätzen, die gar nichts mit eventuell mangelnden Fähigkeiten zu tun haben: „das macht man doch nicht“, „das geht doch nicht“. Manchmal läßt sich das auf eine erlebte große Enttäuschung, Niederlage oder Krise zurückführen. Vor einer Wiederholung scheint der innere „Spielverderber“ uns schützen zu wollen. Es gibt allerdings auch Gebote und Warnungen, die völlig aus der Luft gegriffen sind.

*) Sicher gibt es sehr gute Coachs und Psychotherapeuten (ich muss gestehen, dass ich solche Perlen noch nicht persönlich kennen lernen durfte) – aber deren Patienten brauchten anschließend natürlich keine weitere Hilfe.

Fortsetzung