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Tschakka – jetzt aber!

Wenn wir etwas nicht hinbekommen, liegt es an mangelnder oder an falscher Motivation. Wenn man nur will, schafft man alles: 60 Stunden oder länger am Stück arbeiten, jedes Hindernis überwinden, jede Möglichkeit nutzen. Jeder kennt bestimmt ähnliche Aussprüche zur Genüge.

Zum einen sind uns natürliche Grenzen gesetzt: ohne Schlaf z.B. macht jeder normale Mensch über kurz oder lang Fehler,– auch mit noch so guter „Motivation“ wird sich daran nichts ändern. Jeder normale Mensch weiß das- und genau das ist der Knackpunkt.

Denn es gibt ja Ausnahmen: die Überflieger, die Besten. Die immer ein bisschen mehr machen, immer ein bisschen länger arbeiten, für die es weder Probleme noch Schwierigkeiten gibt- allenfalls Herausforderungen und Chancen! Die alles rosig sehen, immer optimistisch und gut gelaunt bleiben- egal wie stark ihnen der Gegenwind auch ins Gesicht pusten mag.
Sich so richtig reinhängen und  mit Begeisterung allem stellen, das bringt doch erst den Kick!
Toller Typ- oder?

Auch hier lohnt es sich, genauer hin zu schauen. Eine Zeitlang fühlt derjenige sich damit gut und unbezwingbar- dieses Gefühl soll unbedingt erhalten bleiben- es wirkt ähnlich wie eine Droge. Also „motiviert“ man sich weiter mit allen möglichen Strategien, aber diese Motivationen münden selten in tatsächlichen Handlungen, die auf einander aufbauen und einem Ziel zustreben. Im Laufe der Zeit muss immer mehr Energie aufgewendet werden, um Negatives, Schwäche oder die Angst vor dem bösen Erwachen ausblenden zu können. Von solchen ‚Powertypen’ fühlen sich wiederum ganz bestimmte Menschen angezogen, die diese Haltung erwarten und ihrerseits keine Schwächen gestatten. Diese „Freunde“ wenden sich enttäuscht ab, sobald die Erwartungen nicht mehr erfüllt werden und sich derjenige doch als normaler Mensch heraus stellt.

Die meisten dagegen merken, dass der übersprühende Optimismus nur gespielt ist. (Zu meiner  großen Verwunderung gibt es tatsächlich immer noch Schulungen für „perfekte“ Verkäufer, wo etwas in der Art trainiert wird.) Die einen reagieren leicht amüsiert darauf- wer das nur unbewusst registriert, wird eher gereizt sein (weil Körpersprache und Äußerungen nicht überein stimmen) und daher misstrauischer reagieren als sonst. Auch wer sich abgewöhnt hat, auf sein Bauchgefühl zu hören, wird nach mehreren Begegnungen gelangweilt abwinken. Und dann gibt es noch die oben erwähnten, die begeistert ihren nächsten Guru darin sehen. Wie geht es Euch, wenn Ihr auf so jemanden trefft?

Woher das kommt? Z.B. Kinder, die sich nur über äußeren Erfolg definieren (dürfen), nur Anerkennung und „Liebe“ bekommen, wenn sie gute Zensuren haben,
„nebenbei“ vielleicht noch Fußballstar, Musiker, gefeierte Ballerina oder Sprachgenie werden, unbedingt akademische Grade bekommen müssen (obwohl sie an anderer Stelle Einzigartiges vollbringen könnten und glücklich dabei wären- Doch! Das gibt es immer noch- und jedes Mal kann ich kaum glauben, wie extrem sogar noch junge Erwachsene anderen Macht über ihr Leben gewähren!),
mit der richtigen ‚Vorbereitung‘ später auf Vorgesetzte treffen, die pausenlos Extrastunden und besondere Leistungen von einem „guten“ Mitarbeiter erwarten- natürlich ohne Bezahlung oder Freizeitausgleich (auch dafür kenne ich zahlreiche Beispiele)- und das auch noch „motivierend“ verkaufen können.

Ist Selbstmotivation denn unbedingt etwas Schlechtes? Nein- darum geht es nicht. Sondern um eine unverhältnismäßige immer währende ‚Motivation’, die alles andere aus dem Blickfeld verliert und wie eine Droge wirkt-. Oft wird das ursprüngliche Ziel nicht bis zum Ende verfolgt- wie bei einer echten Motivation, sondern bei Nachlassen der Euphorie zum nächsten ‚Ziel’ gesprungen. Da dies auf den ersten Blick nicht als Stolperstein erkannt wird, übersieht man leicht, wie negativ der Einfluss auch dieser Überzeugung ist.

Drei verschiedene unbewusste „Vorschriften“ habe ich zur Verdeutlichung vorgestellt- es gibt noch weitere.  Zu Beginn dieser Reihe habe ich beschrieben, dass wir diese Glaubenssätze ja einfach in den frühen Lebensjahren übernehmen und in den seltensten Fällen auf die Idee kommen, sie anzuzweifeln.
Wie sehr das jemanden beeinflussen kann, ist schwer vorstellbar, wenn man nicht genau den gleichen Irrtümern unterliegt. Erfahrung dieser Art hat aber garantiert jeder.

Lassen sich solch merkwürdige „Gebrauchsanweisungen für das Leben“ überhaupt von einem selbst entlarven?

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Dafür müssen wir uns näher anschauen, wie wir mit uns selbst reden. Ein Hinweis auf einen Glaubenssatz sind z.B. schon Worte wie „immer“, „nie“, „müssen“, „dürfen“- oder wenn wir bei „Zuwiderhandlung“ unangemessen extreme Folgen erwarten. Das alles sollte uns als Kinder „auf Linie“ halten: dafür war es unnötig, verschiedene Möglichkeiten in Aussicht zu stellen. Kurz, knapp, befehlsmäßig und katastrophal geht schneller und „effektiver“… Eine (meist schlimme) Erfahrung eines unserer Erzieher- oder dessen Vorfahren-  wird zu einer allgemeinen Lebensregel, die angeblich unter allen Umständen und für jeden gilt- was wir ihm als Kleinkind natürlich geglaubt haben.
Ein weiteres Indiz ist, wenn wir uns selbst mit „Du“ anreden. Das kann sehr autoritär und befehlsmäßig sein: Du musst, Du darfst nicht, Du sollst- oder auch jammernd formuliert sein.
Selbst freundliche Anweisungen sollten uns stutzig machen, wenn die oben erwähnten Schlüsselworte darin vorkommen.
Zusätzlich werden durch die Glaubenssätze bestimmte Gefühle oder Stimmungen hervorgerufen wie z.B. die oben beschriebene Euphorie oder Angst und Scham (gern verwendete „Erziehungsmittel“, die bis ins hohe Alter ihre Wirkung entfalten) sowie auch körperliche Symptome.

Was bringt die Beschäftigung mit den Glaubenssätzen konkret?
Lohnt sich der Aufwand?

Sobald wir die Stolpersteine identifiziert haben, können wir uns daran machen, sie aus dem Weg zu räumen. Die Mühe ist es allemal wert, weil sie erhebliche Auswirkungen auf unser ganzes Leben haben, auf unsere Familie, unsere Freunde, auf unsere Kollegen und unsere Arbeit.

Solche Glaubenssätze hindern den einen daran, den Beruf zu ergreifen, der ihn wirklich zufrieden und erfolgreich macht, bringen den nächsten dazu, sich bis hin zur Erschöpfung oder bis zu ernsthaften Erkrankungen zu verausgaben, sich immer wieder zurück zu nehmen und dann über das Ergebnis unglücklich zu sein, oder immer wieder in unguten Beziehungen zu landen, und dann auch noch seinen Kindern all das unreflektiert weiter zu geben.
Für die Mitmenschen: Die inneren Befehle sorgen dafür, dass jemand sein Potenzial nicht zur Verfügung stellt, oder dass jemand alles besser weiß und immer kritisiert, oder  jammert, oder vor lauter Angst vor „Katastrophen“ jede neue Idee der Kollegen im Keim ersticken will.

Viele merken, dass sie sich boykottieren- aber es ist schwierig, der „Wurzel des Übels“ auf die Spur zu kommen. Es reicht ja nicht, die innere Stimme zu übertönen, zu beschimpfen oder irgendwie auszutricksen. Wenn wir erkannt haben, welchem Irrtum unsere innere security unterliegt, können wir beginnen, sie mit aktuell gültigen Informationen zu versorgen. Keine Angst, wenn das nicht auf Anhieb klappt. Sobald unser Warnsystem merkt, dass wir uns nicht mit den neuen Ansichten in Gefahr bringen, sondern sie sogar positiver sind als die alten Überzeugungen, wird es einfacher mit dem Umlernen werden.
Und statt uns weiter zu behindern, werden wir zunehmend von ihm unterstützt.

Wie das geht?

Fortsetzung folgt.

 

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