Im letzten Artikel habe ich über Sinn und Unsinn von Früherkennung bei Brustkrebs berichtet- für die „Jungs“ gibt es etwas Vergleichbares:

Digital_rectal_exam_(male)Bild nach  Alan Hoofring (Illustrator)

Bei der Behandlung von Krebs kommt es leider hin und wieder vor, dass man als geheilt erscheint, aber nach ein paar Monaten oder Jahren taucht er an anderer Stelle wieder auf. Um die Wirksamkeit von Behandlungen einigermaßen beschreiben zu können, gibt es den Begriff der „5 Jahres- Heilung“. Wenn der Patient 5 Jahre frei von Krebs bleibt, gilt er quasi als geheilt- auch wenn 7 Jahre später wieder etwas auftaucht. 5 Lebens-Jahre einer schlimmen Krankheit abgetrotzt zu haben, ist ja auch ziemlich gut.

Wie lässt sich damit aber tricksen? Bei einer fiktive Krebserkrankung passiert  z.B. folgendes:

Behauptung: Früherkennung rettet. Alle.

Klasse!..:   Alle am besten sofort zur Früherkennung.

Oder?

Die Behauptung stimmt sogar- wenn man nicht so genau hinschaut.  Nehmen wir an, ohne Früherkennung wird der Krebs erst entdeckt, wenn es ernsthafte Symptome gibt. Die Patienten sind dann ungefähr 68 Jahre alt. Die ersten sterben schon nach ein paar Monaten, einige später- niemand von ihnen wird 71 Jahre alt. Es hat also niemand die 5-Jahres-Heilung erlebt (Heilungsrate 0 %).

Mit Früherkennung wird der Krebs vielleicht schon mit Ende 50 entdeckt, evtl. sogar noch früher, die Patienten werden behandelt: mit Medikamenten, Bestrahlung, Operationen. Und: nach 5 Jahren (mit Mitte 60) leben noch alle. Die 5 Jahres-Heilung wird von allen (also 100 %) erreicht. Die ersten sterben mit 68, die 71 erlebt niemand mehr.

Obwohl es mit Früherkennung 100% Überlebensrate gibt und ohne 0%, gibt’s für die Menschen selbst überhaupt keinen Unterschied in der tatsächlichen Länge ihres Lebens- außer, dass die einen schon jahrelang behandelt wurden, während die anderen noch fröhlich und unbefangen ihr Leben lebten. Die Zahlen sind korrekt, keiner hat daran gedreht- und trotzdem dieses verwirrende Ergebnis.

Ganz so simpel ist das in der Realität nicht- sonst würden vielleicht mehr stutzig werden.

Dafür braucht man noch eine weitere Information: Ein positiver Krebsbefund bedeutet nicht unbedingt immer das Gleiche. Einige Krebsarten wachsen so gemütlich vor sich hin, dass die Menschen bis zu ihrem Tod nie erfahren, dass sie überhaupt Krebs haben- weil der eben nie stört, irgendwelches Unheil anrichtet oder Symptome zeigt. Das ist gar nicht mal so selten. Man geht davon aus, dass alle Männer irgendwann im hohen Alter ihren Prostatakrebs haben- Symptome dieses Krebs’ bemerken sowieso nur 3 von 100 Männern.

Im Gegensatz dazu können andere Krebsarten in Windeseile wuchern, Organe verdrängen, sie infiltrieren, in andere Organe streuen- diese Menschen sind schwer krank. Die Wahrscheinlichkeit, an so einem Krebs zu sterben, ist sehr hoch. Die meisten, die eine Krebsdiagnose gestellt bekommen, befürchten, an dieser schlimmen Form erkrankt zu sein und würden alles tun, um die Krankheit zu besiegen.

Die Möglichkeit, ausgeflippte Zellhaufen aufzuspüren, sind in den letzten Jahren immer besser geworden. Aber man unterscheidet nicht unbedingt, ob es sich dabei um die gefährliche Variante handelt, oder nicht.

Auf eine konkrete Krankheit bezogen (wieder etwas vereinfacht):

In einem Land, wo Früherkennung eher nicht üblich ist: leben von 1000 Männern, die an einem bösartigen Krebs erkrankt sind- und dann natürlich auch zum Arzt gehen und  behandelt werden- nach 5 Jahren noch 440 Männer, 560 sind verstorben. (Mit Prozentrechnung können wir jetzt umgehen: 1% von 1000 sind 10 Männer, 440 Männer entsprechen also 44 %). Damit beträgt die Überlebensrate in dem Land, wo es keine Früherkennung gibt, 44%.

Wie sieht es nun in einem Land aus, wo Früherkennung von vielen genutzt wird- wie z.B. den USA?

Von 1000 untersuchten Männern mit bösartigem Krebs wird er bei allen erkannt. Zusätzlich entdeckt man aber auch die harmlosen Fälle- bei ca. 2000 Männern.

Von den Männern mit bösartigem Krebs überleben die nächsten 5 Jahre nur 440. Von den 2000 mit dem harmlosen Krebs überleben sowieso alle.

Zusammen genommen hat man bei 3000 Männern eine Krebserkrankung gefunden. Gestorben sind davon 560 Männer.

In diesem Fall entsprechen 1 % der Gruppe 30 Männern: von den 3000 Männern leben nach 5 Jahren insgesamt noch 2440 Männer- oder ungefähr 81 %.

Obwohl es definitiv bei der Anzahl der Überlebenden überhaupt keinen Unterschied gibt- hat man den Eindruck, dass fast doppelt so viele den Krebs besiegen können, wenn sie nur zur Früherkennung gehen würden.

Keiner hat gelogen oder falsche Zahlen genannt.. und trotzdem kommt – praktisch gesehen- so ein Kokolores dabei heraus!. Bevor man sich also unnötig in Panik versetzen lässt, sollte man sich nach weiteren Informationen erkundigen. Das spart garantiert „Nerven“.

Wie wir oben gesehen haben, muss es nicht zwangsläufig einen Unterschied auf die Sterblichkeit machen, ob man zur Früherkennung geht– oder nicht. Das ist zum Beispiel bei Prostatakrebs so. Da liegt der Unterschied ganz wo anders.

Gruppe A: Wer nicht zur Früherkennung geht, lässt sich erst behandeln, sobald Symptome auftreten.

Gruppe B: Wer die Früherkennung nutzt, lässt sich behandeln, sobald etwas gefunden wird.

Die Gesamtsterblich ist für beide Gruppen gleich- d.h. durch die Früherkennung lebt niemand länger. Die aus der Gruppe der Früherkennung hatten allerdings zusätzliche Nachteile:

Der Test kann falsch-positiv Krebs anzeigen- der Arzt findet auch bei einer Probeentnahme mit einer Nadel nichts, muss deshalb die Untersuchung wiederholen, weiß auch dann nicht genau, wo er hin stechen soll- weil eben nichts Krankes da ist, was er treffen könnte. 18 von 100 untersuchen Patienten erhalten in einem Untersuchungszeitraum von 10 Jahren einen oder sogar mehrere Falsch-Alarme .

2 von 100 untersuchten Patienten werden mit aggressiven Therapien behandelt, obwohl ihr Krebs völlig harmlos ist und die Therapien „gute Chancen“ bieten, inkontinent und/oder impotent zu werden.

Schaut man sich alle Männer an, die über 10 Jahre regelmäßig an den ProstataKrebs-Früherkennungs-Untersuchungen teilgenommen haben: haben 20 von 100 Männern eine Schädigung durch unnötige Eingriffe erlebt, teilweise mit üblen Folgen. Trotzdem ist dadurch ihre Lebenserwartung nicht gestiegen.

Die Männer, die nicht zur Früherkennung gegangen sind, hatten während der Zeit maximal ein schlechtes Gewissen, ihre Lebenserwartung war nicht geringer.

Eine Zufallsstichprobe bei Berliner Urologen (also FACHärzten) ergab, dass nur 2 von 20 den „Nutzen“ bzw. den Schaden dieser Art von Früherkennungsuntersuchung kannten (deren Zahl ist hoffentlich inzwischen gestiegen).

Ich bin überzeugt davon, dass eine ausreichend große Zahl aufgeklärter Patienten etwas an dieser Situation ändern kann- und die medizinischen Möglichkeiten damit für die WIRKLICH Kranken ausreichend zur Verfügung stehen. Dafür wäre notwendig, dass Kritik Hand und Fuß hat und die Patienten wissen, wovon sie reden.

Seit Jahren gibt es Menschen, die sich tapfer und unerschrocken um Aufklärung bemühen und nicht locker lassen. Deren Berichte und Bücher sind aufschlussreich und spannend- bewirken bei Zahlen- und Mathehassern aber leider oft nicht mehr als maximal einen glasigen Blick. Vielleicht haben dem einen oder anderen die Artikel geholfen, etwas mehr Licht in das Dunkel zu bringen- das würde mich freuen.

Wer noch viel mehr dazu wissen möchte, dem seien die zahlreichen Bücher von Gerd Gigerenzer und Mitautoren ans Herz gelegt- auch Quarks und Co hat sich dieser Themen bereits angenommen.

(Teil 1: Risiken selbst einschätzen,      Teil 2: reale Gefahr?,

Teil 3: Brustkrebs durch Früherkennung um 20% senken )