Natürlich muss nicht zwangsläufig in jedem desinteressierten oder anstrengenden Schüler ein Genie verborgen sein- aber es KÖNNTE.. 😉 Vielleicht an einer Stelle, die Lehrer oder Eltern nicht vermuten (und vielleicht auch gar nicht so toll finden- das wäre für den Heranwachsenden natürlich weniger schön). Vielleicht hatte ich als Lehrer einfach ungeheures Glück? O.k. manche Schüler waren anfangs desillusioniert, störten massiv den Unterricht, schalteten auf Durchzug und ich erntete von ihnen maximal glasige Blicke. Aber auch wenn es diese Startschwierigkeiten gab… ich kann mich nicht an einen einzigen Schüler erinnern, der tatsächlich „talentfrei“ und „dumm“ gewesen ist. Trotzdem traf ich immer wieder auf diese Einschätzungen (weil Lehrer überarbeitet waren, die Klassen zu groß, der Lehrplan sich nicht an den Interessen und Entwicklungsstand der Schüler orientierte- oder auch, weil ein Schüler sich als verlängerter Arm seiner „traumatisierten“ Eltern erwies uvm.- alles verständliche Ursachen – aber übel: für den Schüler selbst, seine Mitschüler und natürlich auch den Lehrer. ) Und nicht alle haben sich ein Durchhaltevermögen erhalten können wie ihre berühmten Leidensgenossen :

Die „Unbegabten und Geistig Behinderten“:

Thomas Edison: Der Schule verwiesen, weil sein Lehrer ihn für geistig behindert hielt.

Walt Disney: von der Zeitung wegen fehlender Vorstellungskraft gefeuert

Steven Spielberg: Von der FilmSchule wegen völliger Talentfreiheit abgelehnt

Albert Einstein: Sprach nicht vor seinem 4.Lebensjahr. Daraus folgerte der Lehrer, dass von diesem Kind nichts kommen würde. Und das war nicht das einzige abfällige Urteil.

Dmitri Medeleev („Vater“ des Periodensystems der Elemente): Fiel durch die Chemieprüfungen an der St. Petersburger Uni.

Mozart: Kaiser Ferdinand kritisierte „die Hochzeit des Figaro“ als: Viel zu laut! Viel zu viele Noten!

Hier gibt’s noch mehr solcher Geschichten.

Weil ich ähnlich abwertende Statements immer wieder miterlebte und auch, dass Kindern nicht nur Steine, sondern Felsbrocken in den Weg gelegt wurden/werden, hier eine der ungewöhnlichen Geschichten, die schließlich doch eine gute Wendung nahm und die tatsächlich so passiert ist (Zum Schutz sind einige Daten etwas verändert)

Sein Kind allein zu erziehen war früher fürchterlich. Ich hoffe, es hat sich inzwischen grundlegend etwas daran geändert. Bereits unter der Geburt meines Sohnes wurden meine berechtigten Wünsche ignoriert und ich sollte mit Verunsicherungen zu einer pflegeleichten Patientin zurecht gebogen werden. Zu meinem eigenen Erstaunen tatsächlich teilweise mit Erfolg- obwohl ich selbst jahrelang auf einer Neugeborenen-Station und in der Kinderklinik gearbeitet hatte. Später ging es so weiter: jeder meinte, seinen Senf dazu geben zu müssen und viele sparten nicht mit Druck.

Ich konnte also selbst erleben, wie alleinerziehende Eltern verunsichert werden können. Wenn es dann nicht mal Rückendeckung von anderen (Großeltern, Freunden, Kinderarzt usw) gibt, kann dem Kind nur noch mit Mühe etwas wie Sicherheit vermittelt werden. Zudem scheinen sich viele berufen zu fühlen, dem „bedauernswerten“ Kind die ganz persönliche „vernünftige Erziehung“ angedeihen zu lassen: was in der Kleinfamilie für noch mehr Verwirrung sorgt.

Das war die Situation, als das Kind, von dem ich hier erzählen will, eingeschult wurde. Schnell war man der Meinung, dass dieses Kind geistig behindert sei und auf eine besondere Schule gehöre. Alle möglichen Therapeuten gaben – auch ungefragt- ihre niederschmetternden, sich teilweise vollkommen widersprechenden- Diagnosen dazu ab.  Nach einer Ursache wurde allerdings nicht gesucht (die war ja schon durch das fehlende Elternteil zur Genüge erklärt). Die ganz anders lautenden Schilderungen der Mutter waren nicht von Bedeutung. – So ein Ablauf kommt leider häufiger vor. Zum Glück ließ sie sich die Zweifel an den Diagnosen nicht ausreden. Aber was sollte sie tun? Als erste Maßnahme wurde die Schule gewechselt und ein beschaulicherer Wohnort gewählt. Das Kind war inzwischen aber tatsächlich schon leicht kirre und blieb ein auffälliger Schüler. Die Mutter arrangierte sich damit, dass sie ein ’schwieriges‘ Kind hätte- nach einigen Jahren glaubte sie es schließlich selbst.

Stempel erledigt.2015-03-30 um 10.21.29

Als das Kind ungefähr 12 Jahre alt war, kam es in der Schule gar nicht mehr klar, es gab massive Schwierigkeiten außerhalb der Schule- die Frau war mit ihrem Latein am Ende.

Doch den Erziehungsempfehlungen, das Kind in ein Heim zu geben, mochte die Mutter immer noch nicht folgen. Da bekam sie den guten Tipp, das Kind für einige Zeit aus diesem Chaos heraus zu nehmen. Auf einem Bauernhof nahe Lüneburg sollte es eine junge Familie geben, die häufiger solche Gäste aufnahm. Das wurde schließlich schweren Herzens in Angriff genommen. Die Bauersleute waren freundlich und aufgeschlossen und nicht im mindesten an irgendwelchen Vorgeschichten interessiert. Am Abend gab es schon den ersten begeisterten Anruf. In den folgenden Wochen wurde das Kind in das Familienleben und die anfallenden Arbeiten mit einbezogen und es forderte schnell weitere verantwortungsvolle Tätigkeiten ein. Dem wurde wie selbstverständlich entsprochen. Nach 20 Tagen war aus dem unglücklichen und verstörten Kind ein selbstbewusster und verantwortungsvoller junger Mann geworden.

???!

Ich weiß, wie schräg sich das lesen muss! Hätte ich es nicht selbst mitverfolgen können, würde ich jetzt auch ungläubig eine Augenbraue hochziehen.

Natürlich konnte man es nicht bei den äußeren Umständen belassen – die Änderung wurde zwar von den Angehörigen erstaunt und dankbar angenommen und jeder versuchte sein Bestes, um sein Selbstvertrauen weiter zu stärken- aber ein Schulwechsel war letztendlich nicht zu vermeiden. In der neuen Schule konnte er unbelastet von negativen Erwartungen der Lehrer und Mitschüler seine neuen Stärken weiter festigen. In den letzten Schuljahren führte er sogar (mit gelegentlicher Unterstützung) seinen eigenen Haushalt und schloss trotzdem sein Abitur mit der besten Durchschnittsnote in seinem Fachbereich ab. Im anschließenden Studium nahm er mehr Herausforderungen an als die meisten seiner Mitstudenten, sah durch seine Offenheit viel von der Welt –beendete das Studium ebenfalls mit ausgezeichneten Beurteilungen (einschließlich der „soft skills“). Man erinnere sich: dieser Junge wurde eine Woche nach Schulbeginn als geistig behindert eingestuft und jahrelang so behandelt! Da er in den letzten Schuljahren außer sozialen Fähigkeiten genau so Talente für Sprachen und naturwissenschaftliche Fächer zeigte, ließen sich auch die Vermutungen der ersten Schulen nicht mehr halten, es handele sich um Inselbegabungen eines Autisten.

Was war da passiert?

Es gab vor einigen Jahren Versuche, wo verschiedene Lehrer über die gleichen Schüler unterschiedliche Informationen erhielten- und mit diesen Erwartungen in die Klassen gingen. Die Erwartungshaltung war so dominant, dass die Schüler ihr schließlich entsprochen haben und sämtliche Zensuren (von sehr gut bis sehr schlecht) verteilt wurden (für die gleichen Schüler im gleichen Fach). (Gleiche!) Deutschaufsätze wurden von unterschiedlichen Lehrern ebenfalls quer durch alle möglichen Zensuren beurteilt.

Ich selbst habe zuerst in der Klinik die Erfahrung gemacht, dass der „Charakter“ einzelner Patienten von den Schwestern sehr unterschiedlich wahrgenommen wird. Wenn man diese Einschätzungen kritiklos übernimmt, schon auf Krawall in ein Patientenzimmer kommt, kann das eigentlich nur schief gehen. Jemand, der Schmerzen, der Angst hat, ist eben nicht unbedingt reizend (allenfalls reizBAR). Wird dieser Hintergrund bei einer „undiplomatischen“ Bemerkung berücksichtigt, ist es gleich für alle Seiten leichter. Ich habe mir also abgewöhnt, solche Charakterisierungen zu übernehmen.

Bereits in meinen ersten Praktika an den Schulen habe ich mit Befremden festgestellt, dass die Beschreibungen der Schüler ähnlich persönlich gefärbt waren. Also: die Ohren wieder auf Durchzug.. 🙂  Sobald der gewohnte Fachlehrer meinen Unterricht verlassen hatte, arbeiteten Schüler entspannt und interessiert mit, die das angeblich noch nie vorher getan hatten. Vorher als ’schlecht‘ qualifizierte Schüler erhielten (zu Recht und belegbar!) von mir super-Bewertungen . Die mir als „beste Schüler“ angepriesen wurden, hatten zum Teil sogar schlechtere Ergebnisse als die „Unbegabten“. (Natürlich gab das Ärger!)  Dabei hatte ich gar nichts Besonderes gemacht- außer: irgendwelche Vorurteile nicht gedankenlos zu übernehmen .

Was war denn nun mit diesem jungen Mann passiert? Bis zu dem Punkt, wo eine Respektsperson offen vor/in einer Gruppe sein Vertrauen in ihn setzte (diese Aktion vor einem größeren Kreis ist wichtig), konnte er machen, was er wollte: er hatte seinen Stempel weg. Da gab es einmal einen Wettbewerb, wofür er zu Hause fleißig übte – und gewann. An dem Bild, was seine Lehrerin von ihm hatte, hielt sie standhaft fest: für so jemandem gab es keinen Preis. Oder: Wenn seine Haus-Aufsätze gut waren, konnte ihm nur die Mutter geholfen haben. Dass die in der Schule geschriebenen Aufsätze genau so formuliert und strukturiert waren, veränderte nichts an dem Urteil- und ähnlich ging es weiter.

Diese Jahre müssen für das Kind sehr gruselig gewesen sein- aber deswegen erzähle ich es gar nicht. Wenn man bedenkt, was für Konsequenzen solche Vorurteile haben, lohnt es sich, GANZ genau hinzuschauen –  sich gut fundierte (!) Einschätzungen nicht ausreden zu lassen und erst recht keine oberflächlichen Schubladenideen zu übernehmen. Es kommt nicht darauf an, dass jedes Kind das Abitur machen muss – oder studieren oder dass man mal wieder einen Lehrplan ändert- ein Kind sollte zumindest auf unvoreingenommenes interessiertes Wohlwollen treffen können und idealerweise seinen Anlagen nach gefördert und gefordert  werden. Das klappt eben nicht, wenn man einen „Standard“ für jedes Kind hat.

Nicht bei jedem Kind findet so eine drastische Änderung statt, aber ich habe sie immer wieder beobachten können (wie auch hier). Woher kommt die Angst vor dem „Macht“verlust, wenn man das Gegenüber offen und interessiert zur Kenntnis nimmt? Nach einer kurzen Phase der Verwirrung geht es nicht nur dem falsch eingeschätzten Mensch besser, auch seiner gesamte Umgebung. Wenn man das Wort „Macht“ durch „Autorität“ ersetzt, hat man schon einen großen Schritt getan. Das bedeutet nämlich etwas gänzlich anderes als „autoritär“ zu sein… Überflüssige Bemerkung? Das wäre schön…Teilweise war der Unterschied ganzen Kollegien nicht geläufig.

Natürlich wollten später alle möglichen Leute- und gerade die ganz falschen-  den Ruhm für die außergewöhnliche Entwicklung für sich in Anspruch nehmen. Ich bin nach dem Verlauf allerdings überzeugt, dass es diesem Ehepaar zu verdanken war, das dem Jungen einfach vertraute und ihm etwas zugetraut hat- wovon sich die eigene Familie liebend gern anstecken ließ. Mit diesem Selbstvertrauen ausgerüstet, konnte er sich neuen unbefangenen Lehrern stellen, die ihrerseits froh über den engagierten Schüler waren. Und nicht nur die neuen Mitschüler genossen fortan seine Kompetenz und freundliche Hilfsbereitschaft.