45.1
Fällt Euch das auch auf?
Irgendwie ist immer alles „Kampf“: Kampf um den Arbeitsplatz, um Stimmen, Kampf gegen Bakterien und Viren, Schimmelpilze, Diskriminierung, gegen Krebs, die Pfunde, Ignoranz, den inneren Schweinehund, was auch immer. Während ich dies schreibe, fällt mir immer mehr ein. Was die Medizin angeht, habe ich endlich begriffen, dass diese Einstellung oft mehr schadet als nützt (mit einer schulmedizinischen Ausbildung zu Beginn des Berufswegs ist diese Einsicht alles andere als leicht).

Wenn es also der kleine Fiesling in uns ist, der uns immer wieder behindert, müssen wir eben den bekämpfen!
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Es gibt diverse Tricks, um mit ihm „fertig“ zu werden. Genauso, wie viele Therapien den Körper eher schwächen, wenn man sie als „Kampf“ versteht (und als „Kollateralschaden“ neben der Krankheit dummerweise auch die eigenen Reparaturmechanismen „bekämpft“), klappt es mit dieser Einstellung auch nicht „gegen“ den Fallensteller.  Egal, ob wir unseren „Begleiter“ im Geiste lächerlich machen, ihn wie ein ‚nervendes Kind’ ohne Beachtung zur Seite schieben wollen, ihn mit Argumenten zu überzeugen versuchen oder ihn niederbrüllen. Wenn wir uns sehr konzentrieren, können wir ihn eventuell übertönen. Aber wehe, die Konzentration lässt nach!

Macht man sich klar, welche Aufgabe er bei uns übernimmt, dann versteht man auch, warum das nicht funktioniert.
Nicht funktionieren kann.
Das darf gar nicht funktionieren!
Diese innere Stimme ist genau so wichtig für unser Überleben, wie eines unserer Organe. Hätten wir sie nicht, würden wir die ersten Jahre unserer Kindheit wahrscheinlich gar nicht überstehen.
Ihr einziger Fehler ist: Sie hinkt einfach gnadenlos hinterher.

Auch wenn man vielleicht fürchterlich sauer auf sie ist: die Grundvoraussetzung für eine Änderung besteht darin, ihren Sinn und ihre Funktion für uns anzuerkennen. „Tschakka! Du schaffst es!“ kann nur kurzfristige „Änderungen“ bewirken- weil unser Wächter diese Einstellung für gefährlich hält und sie nach allen Kräften boykottiert. Er achtet im Verborgenen weiterhin nach bestem Wissen und Kenntnissen auf uns – und bringt uns zu Reaktionen, die leider inzwischen unangemessen und falsch sind.
Dabei sind die automatischen Abläufe ja generell durchaus richtig und sinnvoll-. Wir können nicht immer jede Situation auf mögliche Reaktionen und deren Folgen durchspielen. Das könnte einmal bedeuten, dass wir nicht rechtzeitig auf Gefahren reagieren, andererseits hätten wir den Kopf für nichts anderes mehr frei, weil wir alles und jedes, dem wir begegnen, genau durchdenken und sezieren müssten. So langsam, wie bisher drastische Änderungen eingetreten sind, war diese Art der „Programmierung“ in ihrem Riesen-Umfang ausreichend und hilfreich (erste-Hilfe-Schutzreaktionen auf plötzliche Katastrophen durch Schocks und Angst treten dagegen ja sehr schnell ein, wie jeder mit einem Trauma bestätigen kann).
Wenn wir das verstehen und anerkennen, gibt es sofort eine spürbare Erleichterung: Die Stolpersteine haben wir uns nicht aus Schwäche, Unfähigkeit oder gar fragwürdigem Charakter selbst hingelegt, sondern sie kommen von außen. Damit sind sie nicht mit uns selbst oder unserer Persönlichkeit untrennbar verbunden.
DAS ist doch wirklich eine sehr gute Nachricht!

Die für manche leider schlechte Nachricht: Niemand anderer kann sie für uns beseitigen. Die Energie und den Willen dafür müssen wir selbst aufbringen (warum uns das unbegreiflicherweise unangenehm ist: dazu später mehr).

Der nächste Schritt ist das „Sortieren“ in zeitgemäße Schutzmaßnahmen und überholte.
Dazu gibt es verschiedene Ansätze aus ganz verschiedenen Bereichen- sogar in einigen Religionen finden sich derartige Hinweise- die für mich bisher am besten nachvollziehbaren Grundlagen habe ich bei Frau Dr. Bock gefunden.

Diese Glaubenssätze sind gar nicht so einfach zu identifizieren, weil wir uns wie selbstverständlich in ihnen bewegen (Erziehung und Manipulationen sie gern als absolute Wahrheiten verwenden), sie uns gesellschaftlich teilweise sogar als Tugend verkauft werden.

Ich stelle zuerst verschiedene Grundformen vor und danach, wie man sie erkennt.

Natürlich haben alle möglichen Menschen in unserer Umgebung ein Interesse daran, dass wir „erfolgreich“ sind. Schwäche, Müdigkeit, Lustlosigkeit, Krankheit.. stören dabei eher. Und anstatt, dass wir bemerken, wie wir auf einem völlig falschen Dampfer schippern, „motivieren“ wir uns mit Druck und Aussicht auf Strafen oder gravierenden Nachteilen. Typisch dafür sind selbst gebastelte Szenerien wie:
„Wenn Du das jetzt nicht durchhältst, hinkriegst, diese Chance nicht nutzt.. dann wirst Du nie wieder die Gelegenheit dazu bekommen, nie etwas richtig hinbekommen, wirst Du nie Erfolg haben (hat die Mama dich nicht mehr lieb, werden sich Deine Freunde von Dir abwenden) und mehr..
Na? Kennt das jemand?

Was für einen Sinn hat „Druck“? In zahlreichen Forschungen hat man gefunden, dass Druck und Angst das „Denkvermögen“ nur noch auf Sparflamme laufen lässt. Wirklich gute Ideen hat man in dem Zustand nicht mehr. Manche können sich unter Druck sogar überhaupt nicht mehr an Gelerntes erinnern. Ich hatte während der Schwesternausbildung eine Kollegin, die mit ihren Aufgaben gut zurecht kam, mit dem Patienten respektvoll und mitfühlend umging- mit einem Wort: eine echte „Superschwester“. In den Prüfungen versagte sie kläglich. Auf ihr lastete ein derartiger Erfolgsdruck, dass ihr Gehirn auf „Autopilot“ umschaltete und keine willentlichen Denkvorgänge mehr möglich waren.
‚Meinen‘ Abiturienten hat viel mehr geholfen, dass ich ihnen zeigte, wie sie aus diesem Zustand heraus kommen, als nächtelanges Pauken. Die meisten verfügten nämlich längst über das geforderte Wissen- sie kamen nur unter Druck nicht mehr da heran.

Mir fällt in amerikanischen Filmen auf, dass es scheinbar als „normal“ akzeptiert wird, wenn Vorgesetzte ihre Mitarbeiter mit Druck und Drohungen zu „Höchstleistungen“ anspornen- dass sie in wenigen Tagen eine Impfung entwickeln sollen, dass sie Terroristen oder Mörder innerhalb weniger Stunden ausfindig machen müssen, die Verkaufszahlen um ein Vielfaches steigern –was auch immer- sonst droht eine drastische Strafe. Ähh… Wenn DAS tatsächlich hilft, muss ich ja davon ausgehen, dass alle anderen nur zu faul sind, ihre Arbeit ordentlich zu erledigen- und ich normale Leistungen nur mit wüsten Drohungen erhalte. Wenn man aber tatsächlich auf besondere Leistungen hofft- ist das das Dümmste, was man machen kann. Maximal gut antrainierte Abläufe können dann noch erledigt werden. Warum sonst übt man Abläufe von Katastrophenszenarien? In einem Ernstfall erlebt man dort den höchsten Druck- aber zu eindrucksvollen Überlegungen ist man dann nicht mehr in der Lage.

In früheren Zeiten lernte man seinen Beruf und blieb dabei. Im Beruf selbst änderte sich nichts an den immer wieder kehrenden Abläufen. (Auch da ist Druck nicht immer sinnvoll gewesen- aber so hat wenigstens keiner aufbegehrt- und das war eben lange wichtiger als irgendwelche „innovativen“ Ideen.)

Wenn man diesem Vorgehen viel Raum in seinem Leben gibt, führt das oft zum BurnOut und auch zu Rückenproblemen, Nackenverspannungen mit Kopfweh und Schulter/Armschmerzen.
Gibt es das in Euerm Leben? Was ist Euer „innerer Schweinehund“?
Ist der wirklich das Problem? Oder der Kampf, den ihr gegen ihn führt und der nicht wirklich Euer ist? Wie schätzt Ihr diese Aufforderungen ein, wenn Ihr sie distanziert betrachtet?
Fortsetzung folgt.

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