Fortsetzung von: Gefühle=Chaoscategory02_pic12

Gefühle.. Braucht man sowas wirklich? Vielleicht in jungen Jahren…? Oder zur Manipulation in Werbung, Verkauf, Politik und Partnerschaft… Also eher ein Grund mehr, diesen Bereich möglichst auszuklammern und sich damit zu schützen..?

Jeder Mensch kennt zumindest Gefühle wie Glück, Liebe, Wut, Trauer- ob er nun will oder nicht. Auf der ganzen Welt. Das scheint mir ein Indiz dafür, dass wir nicht völlig unnütz- oder zu Beschäftigungszwecken- damit ausgerüstet wurden. Lustigerweise glauben wir ja immer, dass alles, dessen Sinn wir uns nicht erklären können, „aus Versehen“ vorhanden ist. Ob es noch vor kurzem „Blinddärme“ und Rachenmandeln beim Menschen waren, die Essenzen aus Pflanzen (die wurden noch bis in die 70er Jahre als „Ausscheidungsprodukte“ deklariert- weil die Pflanze auf die Schnelle nicht wusste, wohin damit?..), „Un“kräuter, Vielfalt in der Natur, die Rolle von Viren und Bakterien- die Liste kann man endlos fortsetzen- alles unnütz, kann entsorgt werden..

Was auf den ersten Blick negativ für uns ist, wird sogar als Feind bekämpft. Ganz deutlich ist das bei Schmerzen. Zuerst einmal ist der Schmerz unsere „Alarmanlage“ und weist uns z.B. auf Verletzungsgefahren hin. (Wer würde schon seine Alarmanlage abstellen oder zertrümmern, weil die bei Einbrüchen immer so viel Krach macht…?) Menschen, die keinen Schmerz empfinden können, registrieren nicht, wenn sie sich schneiden, verbrennen, stechen – von größeren Schäden ganz zu schweigen. Oder die Schmerzen zwingen uns zu einer Schonhaltung, damit nicht noch mehr Schaden angerichtet wird. Die sinnvollste Reaktion wäre, nach der Ursache der Schmerzen zu fahnden- die Antwort ist aber manchmal unbequem. Schmerzmittel wirken schnell, verdecken aber leider auch ernsthafte Erkrankungen, die man behandeln könnte- oder verursachen bei dauerhaftem Gebrauch weitere Schäden.

Was wäre, wenn man die Gefühle ähnlich betrachten würde? Quasi als Hinweis auf eine Situation, die „aus dem gewohnten Rahmen fällt“.

Da gibt es einmal die „erlaubten“ Gefühle wie „glücklich sein“. Also jedem Glücksgefühl einfach hingeben. Neee. So einfach ist das gar nicht: Eine Abschlussprüfung ist z.B. besonders gut ausgefallen- vielleicht sogar besser als erwartet. Der beste Freund hat erheblich schlechter abgeschnitten, weil er Pech bei der Auswahl der Fragen hatte, einen Blackout oder ähnliches. Eigentlich ist der mindestens genauso gut wie man selbst oder sogar noch besser. Will man dem wirklich das unverhohlene Glück zeigen, während er mit der Enttäuschung ringt?

Liebe ist auch ein positives Gefühl, das man gern zeigen darf- oder? Ich meine jetzt nicht „Verliebtheit“- da sind die meisten eh jenseits jeder Vernunft und gehen nach einiger Zeit auch den Wohlgesonnensten auf die Nerven. 😉  Was soll’s? Passt schon- der Zustand hält ja in den seltensten Fällen lange an. Von jemandem ungefragt mit Liebesbekundungen zu getextet zu werden oder noch mehr, ist aber auch nicht jedermanns Sache. Von manchen wirkt das regelrecht bedrohlich (und hat dann eher einen anderen Gefühlshintergrund).

Es gibt aber ja auch andere Gefühle: die kein positives Image haben. Ein etwas entspannteres Verhältnis haben wir inzwischen zur „Trauer“. Ähhh. Aber bitte nicht zu lange- das wird dann auch wieder anstrengend und der Trauernde gilt als Dauer-Spaßbremse oder Weichei.

Erheblich schwieriger sind Wut und Eifersucht/Neid. Wut darf man vielleicht gerade noch wohl dosiert in bestimmten Situationen haben – Eifersucht und Neid ist lästig und peinlich.

Angst?

Geht gar nicht.

Hier gibt es einmal die Angst, die uns vor Gefahren schützt- und deren Sinn man schnell einsehen kann. Aber daneben gibt es auch Ängste bis hin zu Panikattacken, die so gar keinen Sinn machen.

Wie geht es jemandem, der zwischen all den Gefühlen hin- und herpendelt wie ein Schmetterling? Der bekommt wahrscheinlich so gut wie nichts auf die Reihe und ist für die meisten Menschen eine Zumutung. (Pardon: ich rede hier von Erwachsenen- zu Kindern kommen wir gleich).

Auch wenn es nicht so extrem ist- man hat oft genug den Eindruck, man wäre dem Ganzen hilflos ausgeliefert, wenn bestimmte Gefühle aus heiterem Himmel auftauchen und den weiteren Tagesablauf durcheinander bringen- oder Beziehungen stören (und man weiß nicht mal, warum?!).

Kein Wunder, wenn der eine oder andere sich davor in Sicherheit bringen will.

Nur-

Geht es überhaupt?

Wenn ich schon so frage: wahrscheinlich eher nicht.

Ob ich die Gefühle verdränge und aus meinem Bewusstsein verbanne- ich habe sie. Das zeigt sich immer wieder, wenn das Unterbewusstsein des Menschen sich zu Wort meldet- oder lange verdrängte Gefühle sich ein körperliches Ventil suchen, wie Kopfschmerz, Bluthochdruck uvm. Je stärker die Gefühle, desto mehr Energie braucht es, um sie vor sich und den anderen zu verbergen. Energie, die an anderer Stelle dringend gebraucht würde.

Dann soll jeder „leben, was er fühlt“? Um Himmels Willen! Das ist für andere auf die Dauer wirklich nicht auszuhalten. Wenn gar noch mehrere mit dieser Einstellung zusammenarbeiten, Kunden, Patienten, Klienten, Partner ungefragt mit einbezogen werden, ist das Chaos vorprogrammiert.

Das kann es also nicht sein.

Der Knackpunkt daran ist:

die eigenen Gefühle überhaupt zur Kenntnis zu nehmen

Oh nein- noch mehr von der Sorte, die einem bei jeder Gelegenheit ihre Befindlichkeiten auf die Nase binden wollen? Noch mehr mit „Therapieerfahrung“, die den anderen unbedingt wie ein Orden präsentiert werden muss? Nein- auch das ist hier nicht gemeint, in meinen Augen sogar übergriffig und nicht angemessen für einen Erwachsenen. Genauso, wie ich nicht pausenlos jeden darüber informieren muss, was ich alles sehe oder höre, kann ich die Erkenntnisse aus meiner Gefühlswelt für mich behalten. Um bei dem Vergleich zu bleiben: Mit geschlossenen Augen und Ohren durch die Welt zu stolpern. wäre dagegen eindeutig von Nachteil.

Negative Gefühle überhaupt zu haben, ist für manche eine so bedrückende Vorstellung, dass sie sie mit aller Kraft aus ihrem Leben ausklammern wollen.

Tja- geht nicht.. 😉  Und auch das macht niemanden zu einem „schlechten Menschen“.

Betrachten wir sie doch als weiteres „Wahrnehmungsorgan“: so lässt es sich in den meisten Fällen schon besser damit umgehen. Jemand ist dreist und unverschämt? Mir misslingt eine Sache immer wieder? Eine normale Reaktion: Ich werde wütend!

Eine ganz andere Frage ist, WIE ich damit umgehe. Ich könnte meiner Wut freien Lauf lassen: den unverschämten Mistkerl beleidigen, zusammenschreien, prügeln – das, was ich da gerade baue, zerstören… jaaa.. und dann? Der Katzenjammer wartet einsatzbereit an der nächsten Ecke.

Wütend sein und sich dem Gefühl kopflos überlassen ist ja nicht zwangsläufig das Gleiche. Den Unterschied zu erkennen, ist schon die halbe Miete. Wut hat (für viele erstmal fremd) nämlich durchaus eine positive Seite: Sie setzt ungeheure Kräfte frei. (DIE zu unterdrücken KOSTET im Gegenzug auch viel Kraft). Diese Kräfte lassen sich nutzen, wenn man das Gefühl in (!) sich zulässt.

In der Psychologie ist es ein Riesenschritt in Richtung Heilung, wenn ein Patient- nachdem er lange lethargisch und desinteressiert war- wieder wütend werden kann. Oft ist dann endlich wieder genug Energie vorhanden, um sich mit der Zukunft zu beschäftigen und erste Pläne zu machen. (Das künstlich herbeizuführen, indem man Bezugspersonen als Buhmann aufbaut, ist allerdings „kontraproduktiv“ und hinterlässt bei allen Beteiligten eine Menge Scherben. Dabei ist das wirklich unnötig und dazu nicht mal von Dauer. Die traurigen „Ergebnisse“ solcher „Therapien“ hatte ich manchmal anschließend als Patienten in meiner Praxis.)

Und es ist nicht längst alles so, wie es auf den ersten Blick scheint: Beispiel „Wut“: Eine Freundin bricht den Kontakt ab- und die Reaktion: blöde Kuh! Soll sie doch sehen, wo sie bleibt! Ist mir doch egal! Die spinnt eh!

Ehrlich? „Wut“?

Eigentlich ist man mehr enttäuscht und traurig, weniger wütend- oder? Diese Schwäche mag man sich aber nicht zugestehen. Trotzdem ist es in dem Fall leichter, sich aller Gefühle bewusst zu werden, die dazu gehören- anstatt sie wie ein Westernheld beiseite zu wischen- als Ersatzhandlung die Marlboro zu zücken, sowie sein Glas bis zum Überlaufen mit Whisky vollzuschütten.. 😉 . Nicht missverstehen: sich der Gefühle bewusst werden- nicht kopflos darin baden.

Besonders hilfreich ist so eine „Identifizierung“, wenn man von einem Gefühl regelrecht überfallen wird und das nicht einordnen kann. Was für Gefühle stecken genau dahinter? Was an der konkreten Situation kann die momentane Verfassung ausgelöst haben? Mit den Antworten ist man oft schon auf der richtige Spur. Vielleicht ist man nur durch etwas an eine frühere Situation erinnert worden. Benutzt man seine Gefühlsklaviatur in diesem Fall als Sinnesorgan, kann man sich oft schnell aus dem „Loch“ befreien- oder zumindest die Lage erheblich verbessern. Man ist dem Ganzen aber nicht mehr derartig ausgeliefert.

Eine ganz neue Sichtweise habe ich zu Eifersucht und Neid kennengelernt. Natürlich ist das Gefühl erst mal nicht „schön“- aber verborgen darin liegt ein tolles Potenzial.

Wie jetzt?

Wenn man jemanden fragt, was er sich vom Leben wünscht, was er gern hätte, was er gern besser machen würde, kommt in den meisten Fällen: nichts! Zum einen gibt es unüberschaubar viele Möglichkeiten, dazu kommen noch die Erwartungen der Eltern, Partner, Arbeitskollegen- von denen man natürlich gemocht und akzeptiert werden will. Wer soll sich da noch zurechtfinden?

Neid und Eifersucht sind in diesem Fall ganz wunderbare Wegweiser. Man wird nur dann „grün vor Neid“, wenn etwas einen selbst wirklich berührt und betrifft. Anstatt das Gefühl zu unterdrücken: Nein! Besonders gut hinschauen und dann Pläne machen, wie man das Ziel erreichen könnte. Ich weiß nicht, wie es Euch mit dieser Vorstellung geht- ich finde die richtig gut!

Nun zu den Kindern: Kinder haben diese Gefühle auch alle. Und sie lernen, dass es „gute und schlechte“ Gefühle gibt. Dass mit Menschen, die ihren „schlechten“ Gefühlen nachgeben, irgendwas „falsch“ ist. Dass sie selbst schlechte Menschen sind, wenn sie diese Gefühle haben. Was sie in den seltensten Fällen lernen: Gefühle haben und sie austoben ist nicht dasselbe. Ihnen beim Umgang damit zur Seite zu stehen, würde aber tatsächlich helfen: Welche Möglichkeiten einer Reaktion gibt es überhaupt, welche helfen am besten, wenn einen etwas traurig oder wütend macht? Dabei könnte man vermeiden, das Gefühl SELBST zu werten. So kann sich eine ganz persönliche „Gebrauchsanleitung“ entwickeln, die entspannter durch die Zeit der Pubertät führt. Es ist ja auch nicht immer automatisch falsch, wenn ein Pubertierender wie ein Seismograf auf bestimmte Situationen reagiert. Mit einer überbordenden Reaktion erreicht er aber nur, dass man ihn gar nicht erst anhören mag- was die Lage noch zuspitzt. Aber wie soll man auf einmal etwas können, was einem zuvor immer anders gezeigt wurde (besonders, wenn man noch nicht „abgeklärt“ ist und eben noch nicht alles unterm Deckel halten kann? Dieses Ziel steht nämlich für die meisten als erfolgreicher „Abschluss“ der Pubertät. Ist das nicht eigentlich ganz schön traurig…? ).

Was für eine Potenzialverschwendung..

Auch bei Erwachsenen…

Man könnte z.B. mit einem einzigen Gefühl üben, was besonders gut identifiziert werden kann und dann sehen, was passiert. (Eine Ausnahme sind die oben erwähnten unerklärlichen Ängste und Panikattacken: die selbst müssen nicht erst großartig „identifiziert“ werden- eher deren Ursachen und sie dann auflösen) Sollte durch einschneidende Erlebnisse etwas zu sehr verschüttet sein: die früher vorhandenen Gefühle sind noch da und warten geduldig auf ihren „Einsatz“. Manchmal braucht’s vielleicht einen „Schubs“ ( ein Beispiel) von außen, um wieder einen klaren Überblick zu bekommen.

*) „Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden zu Worten. Achte auf Deine Worte, denn sie werden zu Taten<…>“

Fortsetzung:  Ängste: Warnsignal, Marketingstrategie, Machtinstrument und Erziehungsmethode