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Lernen fällt im Alter schwer?
Was genau verändert sich vom „natürlichen“ (rasanten) Lernen zu unserer „normalen“ Art des Lernens? Warum „verlieren“ wir das? Je älter ein Kind wird, desto negativer bewertet es „lernen“ und es trennt sich immer mehr die „Spreu vom Weizen“? Oft verstehen wir unter „lernen“, etwas auswendig herunter rappeln zu können, was als „Tatsache“ irgendwo niedergeschrieben wurde. Jemand, der irre Mengen an Wissen heraussprudeln kann, wird als „intelligent“ angesehen. VERSTEHT derjenige, was er da sagt? Hilft  „abspeichern“ von Daten bei der Lösung immer komplexerer Probleme?

Warum unterscheiden wir überhaupt zwischen Spiel und Lernen? Spielen MUSS Spaß machen und ist freiwillig, Lernen dagegen nicht. Echt? Wer gern lernt, ist automatisch ein Freak? Was stimmt nicht mit dem?

Das BBC verfolgte über längere Zeit Babys in ihrer Entwicklung. Was sie dabei herausfanden, war überraschend.  Ihr Forscherdrang  ist im Ablauf wissenschaftlichen Experimenten verblüffend ähnlich- bereits bei sehr kleinen Kindern. Das einzige Hindernis sind vorerst Beherrschung des Körpers und der Sprache- aber auch daran wird genau so akribisch untersucht und geübt. So häufen sie jede Menge Wissen und Erkenntnisse an- wenn sie die Gelegenheiten dazu bekommen. Und sie „arbeiten“ schon früh damit. Weil wir ihnen das nicht zutrauen, (be)achten wir leider nicht, was sich da tut- sondern schütten es mit unseren Ansichten und unserm Wissen zu (was ja maximal dem momentanen Wissensstand entspricht- der nicht unbedingt richtig sein muss). Ergebnisse und Ablauf der Entdeckungen muss unseren Vorstellungen entsprechen. Sollte etwas anders sein, wird das mit allerlei Tricks in die „richtige Richtung“ bugsiert. Na? Könnt Ihr Euch in so eine Situation hinein versetzen? Kriecht da nicht in Euch langsam der Widerwille hoch?

Kinder scheinen auch die (für uns unwichtigen) Dinge ihrer Umgebung vorerst neutral zu registrieren. Ihr Interessenschwerpunkt liegt dabei aber auf anderen Dingen als bei uns. (Ihre immer wieder beschriebene „Unfähigkeit“, die Umgebung anfangs „richtig“ wahrzunehmen -richtig ist natürlich nur das, was für uns ’normal‘ geworden ist- kann ich nach reiner und wertfreier Beobachtung hunderter Neugeborener und Kleinkinder ganz und gar nicht bestätigen… obwohl ich durch das NeuroBioStudium zuerst ganz anders „gepolt“ war.) Steht zu Beginn eher die Gefühlsverfassung der Umgebung im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, erweitert sich das Interesse allmählich auch auf andere Sinneseindrücke. Wenn ihnen etwas Neues begegnet, wenden sie tatsächlich die gleichen Methoden wie Wissenschaftler an, „erforschen“ ihre Umgebung also im wahrsten Sinne des Wortes.

Spielzeug, was ruhig stellen soll, von den „Großen“ als irgendwas Unwichtiges empfunden wird, zu dessen Gebrauch sie mit Überredungen und Taktik gebracht werden sollen.. ist in diesem Alter noch wenig attraktiv. Einzig, dass sich dann jemand mit ihnen beschäftigt, mag noch als interessant empfunden werden. Viel zu schnell werden „Spielsachen“ langweilig, weil ihre Funktionen rasch durchschaut sind.

Kleinkinder sind in der Lage, auch die größten Nebensächlichkeiten zu behalten und sie noch Monate später richtig zu erinnern und zuordnen zu können.

Normal entwickelte Kinder (ohne körperliche oder psychische Einschränkungen) sind unbefangen beim „Lernen“ (da das den meisten Spaß macht. .. wie bezeichne ich diesen Vorgang nun?.. ), wiederholen etwas Unbekanntes so lange, bis sie das Prinzip (z.B. Schwerkraft) begriffen haben oder bis sie über eine neue Fähigkeit verfügen. Das kann sich manchmal über ein paar Tage hinziehen- aber sie geben nicht auf. Wenn man sie nicht ausbremst, wird mit Begeisterung die „Welt erobert“.

Ist das nicht beneidenswert?

Wenn wir als Erwachsene etwas Neues lernen wollen, bedeutet das manchmal jahrelang tägliche Übung, bei der die Begeisterung leicht auf der Strecke bleiben kann. Und das gilt oft nicht erst im Erwachsenenalter, sondern setzt schon viel früher ein. „Tschakka- Du schaffst es“… hilft nicht immer- Druck und Angst .. auch nicht- wie fast jeder aus der Erinnerung seiner Schulzeit bestätigen kann.

Irgendwie … lernen Kleinkinder anders!

Lernen auf der Basis von Anweisungen scheint viel schwieriger und anstrengender zu sein als das „natürliche Lernen“ bei kleinen Kindern. (Wenn das anders wäre, könnten die meisten von uns bestimmt immer noch nicht laufen.)  Was bedeutet für uns der Begriff „lernen“ – wann nehmen wir das ernst ?

Es gibt jemanden, der „kann“, was wir lernen sollen oder wollen. Der erzählt uns, wie was „geht“ und greift korrigierend ein, wenn wir was „falsch“ machen, sagt uns, was wir tun und was wir lassen sollen. Ein gutes Beispiel dafür sind Tanzunterricht, Tennis, Squash o.ä., Reiten, Schwimmen.

„Du musst, das darfst Du nicht“ usw. schallt es uns entgegen: „Gut so!“ oder „Blödsinn!“ Stellt Euch vor, Ihr spielt Squash, habt einen schnellen Ball und dann ruft jemand dazwischen, dass Ihr falsch steht, den Schläger falsch haltet, falsche Bewegungen macht – oder sonstwas. Rechtzeitig reagieren kann man sowieso nicht- aber es beim nächsten Mal „besser“ machen. … ?

Wie fühlt sich das an? (jaaaa. Auch hier müssen wir auf das „Gefühl“ zurückgreifen, wenn wir den Vorgang verstehen wollen 😉 )

Wenn man dieses Gefühl für sich analysiert, scheint es so zu sein, als würde unser Bewusstsein- oder der Trainer- uns wie von außen dirigieren. Die Riesenanzahl gefühlter Informationen aus dem Inneren (wie ist welche Muskelspannung, wo, wie stehen die Gelenke, welche feineren Informationen erhalten wir vom Hörsinn, Sehsinn, Tastsinn usw.) werden dabei überspielt- nur der Befehl von außen zählt. Man fühlt sich nicht nur wie eine Marionette, sondern spürt durch diese ‚Zwangsjacke‘ auch Zweifel, Versagensängste und Widerstand.

Dadurch, dass wir von „außen“ agieren, sind wir nicht nur langsamer, unbeholfener, müssen uns die Bewegungsabläufe über viele Wiederholungen eintrichtern (lassen), sogar die sinnvollen Informationen über unsere Rezeptoren werden darüber hinaus ausgeblendet (wenn unser „Wächter“ in diesem Fall randaliert, hat er wirklich Recht damit!). Die eigene Entdeckerfreude und der unbefangene Spieltrieb- sind hier auch nicht wirklich gefragt.

Ist das noch Spaß an der Freude? Naja.

Der wird nun auf Erfolg und mögliche Bewunderung von anderen verlagert. Die Fähigkeit selbst tritt mehr in den Hintergrund- und auch unsere schützende Eigenwahrnehmung. So kommt es, dass mancher Sportler Verletzungen tage- und wochenlang ignorieren und trotzdem weiter machen kann  (und sich schadet).. Boah! So ein Kerl/ So ’ne taffe Frau! Lauten die bewundernden Kommentare. Glaubt man.. oder wünscht es sich jedenfalls.

Die anfänglich vom Trainer erteilten Befehle und Bewertungen setzen wir nach einiger Zeit selbst fort: Mach das und das! Lass das! Das war ja total blöd! Schlechter ging’s wohl nicht?! Wir versuchen, uns damit zu motivieren. Manchmal klappt das, meistens nicht. Weil bewusstes Denken, Analysieren in diesem Fall einfach nicht optimal ist.

Wenn wir vergleichen, wie viel mal weniger das Bewusstsein im Gegensatz zum Unterbewusstsein bearbeiten kann, landen wir bei einer Zahl von ca. 200 000. Uih!

Timothy Gallwey hat einen passenden Vergleich dafür: Als wolle ein Billigcomputer Befehle an einen Zentralcomputer der neusten Generation geben und dann das Lob für die besten Ergebnisse kassieren- während der Zentralcomputer andererseits natürlich Schuld an jedem Versagen hat.

Das verbale Störfeuer quält nicht nur Neulinge, sondern auch die „alten Hasen“.

Kommen wir wieder auf die Kleinkinder zurück- z.B. wenn sie beginnen, laufen zu lernen. Was wäre, wenn wir jeden Schritt kommentieren und korrigieren würden? (Da reicht schon der Tonfall…)Wenn sie „klug“ sind, verlegen sie ihre Übungen auf Zeiten, wenn sie allein oder die Besserwisser außer Reichweite sind. Sind sie ängstlicher, weil ihre Hauptbezugspersonen ihnen kein Vertrauen in ihre Fähigkeiten vermitteln konnten… wird das Laufen lernen mühsam und schmerzhaft.

Was machen Kinder normalerweise anders?

Sie nehmen die Dinge unbefangener wahr: wie sie sind und packen nicht sofort alles in irgendwelche Schubladen. Für das Laufen z.B.: Sie schauen es sich an, versuchen es zu kopieren, ohne sich mit Versagensängsten zu plagen. Es zählt nur das Ziel, was sie erreichen möchten.  Oft werden die gewünschten Fähigkeiten bei anderen genau an- und abgeschaut, die GERADE eine Stufe weiter sind als sie selbst- d.h. das Ziel ist absehbar und erreichbar. Sie bestimmen normalerweise nicht nur selbst das, WAS sie gerade lernen wollen (und auch können), sondern ebenso den Verlauf und lernen um der Sache selbst willen. Die dadurch entstehenden Veränderungen sind nicht bedrohlich, sondern Anlass zu unbändiger Freude. Habt Ihr mal einen Begeisterungsausbruch erlebt, wenn nach geduldiger Übung etwas so klappt, wie das Kind es wollte? Und der Erfolg beflügelt zu weiteren Forschungen. (Die Begeisterung an den eigenen Fähigkeiten lässt sich dagegen super unterbrechen, wenn wir jeden „Fehler“ kritisieren, korrigieren und den Ablauf besserwisserisch vorgeben.) Sie haben (hoffentlich noch) Vertrauen: in ihre Fähigkeiten, die Fähigkeiten und Glaubwürdigkeit der anderen.

Wie würde man auf die Art z.B. Tennis spielen lernen? Erstmal wird der Ball, der Schläger ausprobiert: was passiert, wenn ich den Ball fallen lasse, wie hoch springt er zurück, an welcher Stelle greife ich ein, damit er möglichst lange im Spiel bleibt, mit wieviel Kraft, wie sieht seine Flugbahn aus und so weiter. Die Aufmerksamkeit richtet sich ganz auf dem Ball- nicht auf uns selbst, unserer Körperhaltung, oder mögliche Bemerkungen von anderen. Ob wir bei unseren „Forschungen“ eine gute Figur machen, ist nicht die Frage und auch nicht in unserem Bewusstsein. Bei Petra Bock kann man nachlesen, was bei diesem Experiment mit ihr passiert ist. Mit einem derartigen Knaller rechnet bestimmt niemand- sie selbst vorher übrigens auch nicht.

Diese Art des Lernens ist nicht so gut kontrollierbar, vergleichbar, manipulierbar, messbar- Sie erfordert unberechenbare Neugierde, Unbefangenheit, individuelle Richtung der Aufmerksamkeit, Freude an der Erfahrung, eigenen Rhythmus.

Aber verbüffenderweise ist es VIEL effektiver.. 😉

Und das Beste: wenn wir uns von einer rein äußeren Gängelei und Bewertung frei machen, können wir die bewundernswerte Lernfähigkeit aus der Kindheit zurück erobern. Klar- das geht nicht von heute auf morgen, unsere Er“zieh“ung prophezeit uns Chaos, Katastrophen, Verarmung, Untergang der Kultur und was noch alles. In Berufen, wo unbedingter Gehorsam und feste Abläufe nötig sind, mag das einiges durcheinander wirbeln-  in anderen Bereichen wird es uns mit ziemlicher Sicherheit weiter bringen, sogar ganz neue Ressourcen zur Verfügung stellen.

Sollte es irgendwann möglich sein, das bis in Kindergärten und Schulen zu retten, dürfte sich einiges tun- was Freude am Entdecken und „Lernen“ angeht, vielfältigste Erfolge, unkonventionelle Ideen bei der Lösung schwieriger unbekannter Probleme. Dann ist  „Spielen“ = „Lernen“.

Fortsetzung