58.1Wenn Ereignisse wirkliche Erschütterungen im Leben nach sich ziehen, ist es oft schwierig, sich davon wieder zu lösen- Es würde schon helfen, die ganze Geschichte distanzierter zu betrachten- aber auch das ist nicht so einfach, wenn man das Gefühl hat, noch „mitten drin“ zu stecken. Manchmal hilft es, sich Menschen aus dem Bekanntenkreis- oder auch fiktive Personen vorzustellen, denen genau DAS passiert ist. Damit wird häufig schon genügend Abstand gewonnen, um die nächsten Schritte besser erkennen zu können. Generell unterscheidet sich die Art einer wirklich hilfreichen Bewältigung natürlich von Mensch zu Mensch. Während für den einen Fakten, Zahlen und Schaubilder die beste Hilfe sein können, braucht ein anderer einen zeitweisen Rückzug aus der Realität, um sich wieder ordnen zu können.
Dazu möchte ich heute die Erlebnisse einer Klientin (natürlich mit deren Einwilligung und einigen Veränderungen, die eine Identifizierung erschweren) vorstellen, die die Entwicklung ihrer damals aktuellen Situation in ein Märchen verpackt hatte. Ganz ungeplant enthielt es auch schon eine neue Richtung. Egal- wie man selbst zu der Geschichte stehen mag- ich finde es spannend, wie klug unser Unterbewusstsein Irrwege durchschaut und oft schon mit einer ersten Lösung vor unserer Nase herum wedelt.

58.2„Älvalek“ von August Malmström

Elfentanz

„Ich war bei meinen Eltern zu Besuch. Sie lebten auf dem Land- wo es nur wenige Häuser gab; die nächste Stadt, sogar größere Straßen, öffentliche Verkehrsmittel sind kilometerweit entfernt-
Im nahen Wald hatten wir als Kinder bekannte und selbst ersonnene Märchen aufleben lassen, Zwerge und Feen zu neuem Leben erweckt und uns immer wieder zu geheimnisvollen Geschichten inspirieren lassen.  Auch wenn das schon Jahre zurücklag, war dort noch ein Hauch der kindlichen Magie zu spüren.
Es hatte mich hierher zurückgezogen. Für wenige Tage war es eine Reise in die Vergangenheit, wo Probleme, die für einen allein zu groß erschienen,  mit anderen gemeinsam besser zu bewältigen sein würden.

Ich fühlte mich von meinem Mann verraten, der nur noch seinen momentanen Befindlichkeiten folgen wollte und mir alle Verpflichtungen, die er eingegangen war, bedenkenlos überlassen hatte- das auch weiterhin gern so beibehalten hätte.
Meine Gedanken kreisten ununterbrochen um den Riesenberg, den ich aus heiterem Himmeln zu bewältigen hatte und ich war dabei, in tiefes Selbstmitleid zu versinken. Zum Glück bemerkte ich noch, wie sinnlos der Groll war, in den ich mich verstieg und ich entschloss mich zu einem Waldspaziergang. In der abwechslungsreichen und wilden Vegetation würde ich schneller zu klareren Gedanken kommen können.

Die Luft war lau und mild, es wehte ein leichter Wind. Pflanzen und Tiere zu beobachten, dem Gesang der Vögel zu lauschen, an den Blüten zu schnuppern, machten das Herz tatsächlich leichter. Einige Meter abseits von den Hauptwegen schien es wie in einer anderen Welt. Alle quälenden Gedanken waren wie verschluckt von den hohen Bäumen.
An einer Lichtung gab es eine Stelle voller Zauber: mit niedrigen Büschen, vielen Blumen und einem großen Moosteppich, der wie eine einladend ausgebreitete Picknickdecke wirkte. Das war ein Ort, wo mir früher die Geschichten nur so zugeflogen waren und wo damals auch schon der Osterhase das eine oder andere Mal ein buntes Ei für uns Kinder zurückgelassen hatte.

Ich war vom Spaziergang und den vergangenen Nächten, in denen ich nur wenig Schlaf gefunden hatte, müde geworden und wollte mich ein wenig ausruhen. Der Boden duftete gut, leise drang das Vogelgezwitscher an mein Ohr und ich fiel in einen leichten Schlaf. Da hatte ich einen merkwürdigen Traum:

Ein paar Meter von meinem Rastplatz sah ich einige Blütenelfen im aufgehenden Sonnenlicht tanzen. Sie wirkten fröhlich und ausgelassen und ansteckend in ihrer Freude. Abseits von ihnen- im Schatten am Eingang einer kleinen Höhle- hatten sie einen weiteren Zuschauer. Missmutig folgte er ihren Bewegungen, hörte ihre Lieder, ihr Lachen und er schimpfte:

„Kein Wunder, dass Ihr gut lachen habt! Ihr habt es gut getroffen! Ihr seid leicht und könnt fliegen, Ihr dürft in der Sonne leben, Eure Arbeit ist schön und angenehm und nie seid Ihr allein. Ich dagegen hatte nie Glück im Leben und ich werde auch nie welches haben, so wie es aussieht!“

So ging das eine ganze Weile, bis endlich eine der Elfen auf ihn aufmerksam wurde: „Warum schimpfst Du? Komm zu uns und spiel mit und freu Dich an Blumen, Schmetterlingen und der Sonne!“

„Ach, ich hatte nie das Glück, so etwas zu sehen- jetzt könnte mich der Anblick blenden! Komm zu mir und hilf mir!  Du hast Dich lange genug im Glück gesonnt!  Jetzt kannst Du das Glück auch mal mit anderen teilen!“

Die Elfe überhörte den Neid und die Nörgelei und näherte sich neugierig dem Troll.  Er räsonierte und schimpfte immer weiter, so dass sich die Elfe schließlich überreden ließ, ihm in die Höhle zu folgen. Dort wollte er immer und immer wieder von ihrem Leben hören. Bereitwillig erzählte sie davon und der Troll hing wie gebannt an ihren Lippen. Allmählich wurde er ruhiger und schimpfte seltener. Aber immer, wenn die kleine Elfe in ihr altes Leben zurückkehren wollte, gelang es ihm, sie noch zum Bleiben zu überreden. Denn mit ihr kommen wollte er nicht. Natürlich sei es sein größter Wunsch so zu leben wie sie -aber noch sei ihm das nicht möglich – daher müsse die Elfe bei ihm in der Höhle bleiben und ihn auf das neue Leben vorbereiten.

Die Zeit verrann und schließlich konnte die kleine Elfe sich kaum noch an ihr altes Leben erinnern. Die Flügelchen und ihr Kleid waren inzwischen mit Schlamm bedeckt und unansehnlich geworden und sie sah fast selbst wie eine Trollfrau aus. Der Troll war wieder mürrisch und unzufrieden geworden und stritt den ganzen Tag. Nichts konnte die Elfe ihm recht machen.

Eines Tages schrie er in seiner Wut, dass jede ihrer Geschichten nur ein Hirngespinst und nichts davon sei wahr sei. Sie brauche sich ja nur selbst anzusehen. Elfen gäbe es nicht, kein Vogelgezwitscher, kein Sonnenlicht und erst recht kein gemeinsames Spiel oder Tanz.

Alles war so weit weg!
Ob der Troll Recht hatte?
Die Elfe wurde immer trübsinniger.
Sie hatte mehrfach versucht, den Weg aus der Höhle an die Erdoberfläche zu finden- aber das war ihr nie gelungen. Vielleicht waren die Erinnerungen doch nur ein Traum?

Eines Tages- der Troll war schon eine Weile nicht mehr in der Höhle gewesen- erkundete sie die weitläufigen Gänge. Und begegnete dabei einem Maulwurf,  der durch die Gänge huschte.

„Oh! Wen haben wir denn da?
Eine Elfe?
Hier unten?
Warum bist Du nicht in der Sonne und tust Deine Arbeit?“

Die Elfe glaubte, ihren Ohren nicht zu trauen: Das gab es also doch! Das Leben aus ihren Geschichten! Der Maulwurf bemerkte die Niedergeschlagenheit der kleinen Elfe und fragte sie nach ihrem Schicksal.

„Es ist zwar sehr traurig, was Dir passiert ist- aber auch Du hattest Deinen Anteil daran…- Es gibt viele Wesen: Wesen des Schattens, Wesen der Dunkelheit und Wesen des Lichts. Trolle sind zwar Wesen der Dunkelheit, aber immer wieder kommt es vor, dass ein Troll vom Licht träumt oder selbst ein Lichtwesen sein möchte. Das bedeutet jedoch immer harte Arbeit und das mögen die wenigsten. Und so versuchen sie, das Licht von anderen zu erhaschen. Du kannst ihnen von Deinem Leben erzählen, aber etwas in an der Dunkelheit ändern können sie nur selbst. Du darfst nicht vergessen, dass DU nicht die Sonne bist.
Du kannst selbst nicht ohne sein. Dein eigenes Licht erlischt dann, so wie es jetzt geschehen ist. Aber ich will Dich nicht tadeln. Ich denke, Du hast gelernt, was es darüber zu wissen gibt.
Und nun eil Dich. Ich will Dich zurück in die Welt bringen, in die Du gehörst!“

Nach einer langen Wanderung erreichten sie die Erdoberfläche.
„Lauf ins Licht, kleine Elfe – und vergiss nicht: Du bist nicht die Sonne!“
Und damit machte sich der Maulwurf wieder auf den Weg .

Die Elfe lag eine Weile wie betäubt auf dem weichen Moosteppich.
Dann ging sie zum warmen Sand und genoss die Sonnenstrahlen. Der Schlamm fing allmählich an zu trocknen. Einige der anderen Elfen hatten sich naserümpfend von ihr ab gewandt, aber es gab auch einige, die vorsichtig die Schlammbrocken von ihr lösten und versuchten, sie wieder aufzuheitern.
Unterdessen hatte der Troll bemerkt, dass die Elfe in ihr altes Leben zurückgekehrt war und so schnell er konnte, lief er auf seinen dicken plumpen Beinchen hinterher.
Am Höhleneingang schrie, heulte und schimpfte er, warf mit Steinen, Kastanien und Bucheckern- traute sich aber nicht, ihr in die Sonne zu folgen.
Als die Elfe endlich fast vom Schlamm befreit war, versuchte sie die ersten Flügelschläge. Erbost wollte der Troll sie daran hindern und er bewarf sie aus sicherer Entfernung mit den dicksten und übel riechendsten Schlammbrocken, die er finden konnte.
Aber auch dieser Schlamm trocknete wieder und fiel ab. Die Sonnenstrahlen waren wie kleine Hände, Elfen und Schmetterlinge halfen und so wurden aus den ersten hilflosen Versuchen wieder kraftvolle Flügelschläge.

„Flieg, kleine Elfe, flieg!“ zwitscherten die Vögel,
„Flieg, kleine Elfe, flieg!“ rauschten die ehrwürdigen Tannen,
„Flieg, kleine Elfe, flieg!“ wisperten die Blätter,
und die Elfe erhob sich mit einem glücklichen Lachen-
das Gesicht der Sonne zugewandt.

Ich erwachte.
Was für ein verrückter Traum ! –
Anfang und Schluss hatten sich genau dort abgespielt, wo ich lag.
Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr fühlte ich mich seltsam an Episoden meiner Ehe erinnert.
Da berührte etwas meine Haare-  aber da war niemand.  Und was war DAS?
Mir war, als hätte ich ein feines Lachen gehört!
„Flieg, kleine Elfe, flieg!“  flüsterten wie von selbst meine Lippen
und wieder meinte ich, das feine Lachen dicht neben meinem Ohr zu hören.

Mit leichten Schritten und seltsam getröstet begab ich mich auf den Rückweg.“

58.3