Manchmal eine feine Sache – und manchmal eben nicht

Das Beste im Sinne der Patienten wäre natürlich, wenn auf „Glaubenskriege“ verzichtet würde und alle Formen der Therapien zur Verfügung stünden.- Aber das ist schon zwischen den einzelnen Fachgebieten ein heikles Thema.

Lange gab es für mich nur die Schulmedizin: Der Mensch war der Natur überlegen und ab und zu mussten falsche „Baupläne“ durch eine Reparatur verbessert werden. Alte und fremde Heilmethoden.. naja –Folklore halt. „Wer’s mag?!“

Im Biologie-Studium begannen sich daran die ersten Zweifel zu regen. Je mehr ich in die Funktionen und Baupläne eintauchte, desto mehr Respekt bekam ich und sah, dass man früher die Dinge in der Medizin(und z.T auch in der Biologie) oft zu naiv und oberflächlich betrachtete. Prozesse oder auch Organe, deren Sinn man nicht verstand, wurden kurzerhand für unnötig erklärt. Die Natur hatte da quasi aus Langeweile etwas produziert.

Im Biologie-Studium war es üblich, Systeme in Zusammenhängen zu sehen (das war mir – nach meiner schulmedizinischen Ausbildung – tatsächlich neu). Immer wieder zeigte sich, dass eins Auswirkungen auf anderes hat –und besonders gern gegenseitig. Das eine Organsystem auf das andere, das eine Lebewesen auf das andere, oder sogar auf die gesamte Umgebung. Aber dass Energie darauf verschwendet wird, etwas völlig Unsinniges auszubilden? Unwahrscheinlich.

Wie konnte ich so noch akzeptieren, dass bei Erkrankung eines Organs einfach alles andere ausgeblendet wird? Grob mit oft viel zu hoch dosierten Medikamenten in feinsten Regelkreisen herumgerührt und alles andere unberücksichtigt bleibt? Immer feste Organe entnommen werden, um auf die für den Facharzt benötigte Operationsanzahl zu kommen- , weil die ja sowieso keinen Sinn (mehr) hätten? Moderne Medizin war faszinierend, keine Frage- aber manchmal stimmte irgendwas nicht.

Als es mich nach meiner pädagogischen Fortbildung aufs Land verschlug, war ich trotzdem noch überzeugt, dass die bekannte Schulmedizin das Beste sei und man so gut wie alles behandeln könne. Wie andere Neulinge dort auch, erkrankte ich nach ein paar Monaten ziemlich heftig. Hausbesuche durch Ärzte gab’s nicht, also musste ich mit fast 40 Grad Fieber in die Praxis. Die Wartezeit schien endlos- mir ging es sehr elend. Als ich endlich an der Reihe war, verschrieb mir der Arzt… wie bitte?!… ein homöopathisches Mittel, das ich stündlich einnehmen sollte.

War der irre?

Mir winzige Zuckerperlchen zu verschreiben?

Sonst nichts?

Hatten die hier noch nichts von Antibiotika gehört?

Mir ging es inzwischen so schlecht, dass ich nur noch wieder ins Bett wollte. Dann würde ich mich eben am folgenden Tag in die nächste Stadt fahren lassen. Die Zuckerperlen nahm ich wie verschrieben ein- sollten die anderen doch sehen, was man hier gegen Krankheiten unternahm und wie „gut“ das half. Ich erwartete wieder eine fürchterliche Nacht- aber ich schlief zum Glück durch.

Und am nächsten Morgen?

Keine starken Kopfschmerzen und ich fühlte mich tatsächlich besser.

Fieber? Fehlanzeige!

Wie jetzt?!

Ich konnte es nicht glauben. Eine so schnelle Besserung –durch „Bonbons“? Ich war zwar einige Tage noch ziemlich schlapp- aber mir ging es jeden Tag besser.

DARÜBER musste ich mehr erfahren! Wenn das mal so einfach gewesen wäre! Ich musste viel lesen, bis ich ansatzweise verstand, wie man solche Mittel anwendet. Für „ein und dieselbe“ Krankheit gab eine Fülle von Alternativen. Zur Diagnosefindung musste man sehr viel über den Patienten und seine Lebensumstände wissen. Warum diese stark verdünnten Mittel überhaupt funktionierten? Das fand ich auch nicht heraus. Aber wenn’s hilft und bei richtiger Diagnose und Anwendung nicht schädlich ist- wieso nicht? Schließlich verwendet die Schulmedizin ebenfalls alle möglichen altbekannten Medikamente, ohne deren Wirkungsmechanismen zu kennen. Oder es stellt sich heraus, dass die Wirkung eine ganz andere ist, als man ursprünglich „bewiesen“ hatte. Oder noch schlimmer: dass  „nachgewiesene signifikante“ Wirksamkeiten bei genauerer und objektiver Überprüfung nicht mehr so richtig nachweisbar sind (auch dazu später mehr). Ich sah also keinen Grund für eine generelle Ablehnung der „anderen“ Heilmittel.

Neben einigen hilfreichen Informationen stieß ich viel häufiger auf vehemente Ablehnung- Homöopathie würde sowieso nur wirken, wenn man daran glaubt und sei letzten Endes eben nur Einbildung.

Ja klar!

Ich hab ja auch sooooo an die Wirkung „geglaubt“. ..

Ganz im Gegenteil! Ich war damals über das Rezept so wütend, wie man es bei dem hohen Fieber nur sein kann. Dass sich diese Krankheit sogar über Nacht quasi in Luft auflöst, hatte ich bisher auch noch nicht erlebt. Auch die kurze Erholungsphase war ganz neu für mich. Nach einer Antibiotika-Einnahme war ich in der Regel kräftemäßig mindestens 2 Wochen „hinüber“.

Dieses Erlebnis bewirkte, dass ich von da an viel genauer hingeschaut habe: Viele Patienten leben mit ihrer chronischen Erkrankung schon so lange, dass ihnen bestimmte Symptome gar nicht als solche auffallen und natürlich erwähnen sie sie dann auch nicht. Manche Symptome sind zu peinlich, um sie zu erzählen usw. Wie soll ein Arzt in wenigen Minuten alles Wichtige erraten können?

Vieles erfährt man aber durch ausführliche Gespräche ohne Zeitdruck und durch genaue Beobachtung der Kranken. So kommt man mit Ruhe und Geduld auch schon mal zu anderen Ergebnissen als mit Standarduntersuchungen. Manchmal weiß ich immer noch nicht, wie genau diese Medikamente helfen, da muss ich mich auf die langjährigen Erfahrungen anderer verlassen, aber wirkliche Widersprüche zu meinen Ausbildungen und dem Studium gibt es gar nicht (bzw. verwende ich eine Therapie nicht, wenn ich sie nicht bestätigen kann- es bleiben auch so noch genug). Inzwischen finden sich interessante Untersuchungen zu diesen „Quacksalbereien“. Man konnte z.B. zeigen, dass selbst Zellen auf homöopathische Medikamente reagieren; für die Wirksamkeit von Akupunktur gibt es mittlerweile viele Bestätigungen, und auch an ätherischen Ölen wird geforscht uvm-

Also:

Schulmedizin oder alternative Heilmethoden?

Aber wieso eigentlich „oder“?