„Für Mathe muss man Talent haben“
Mädchen haben ihre Stärken wo anders“.

Gerade hat die OECD einen Bericht dazu veröffentlicht: http://www.oecd.org/berlin/presse/gepraegte-verhaltensmuster-begruenden-unterschiedliche-leistungen-von-jungen-und-maedchen.htmzahnräder.iStock_000006823591Large Kopieistock, Fotograf gmutlu

Als Lehrer wurde mir  nach und nach klar, dass meine Aufgabe in erster Linie tatsächlich darin bestand, „schwache“ Schüler von ihrem ‚Unbegabten-Trip‘ zu holen. Sobald das gelungen war, war der Rest schon fast ein Kinderspiel.

Was meine „Prägung“ und eigene Mathelehrer angeht, hatte ich (mit einer einzigen Ausnahme) ungeheures Glück. Die Mathestunden erinnerten eher an Detektivarbeit und Rätsel und es war mir unbegreiflich, wie man das nicht verstehen oder mögen kann.. Bis ich kurz vor Schluss mit einem Mathelehrer konfrontiert wurde, der aus seiner Aversion gegen dieses Fach und seinen Vorurteilen keinen Hehl machte. Um mich überhaupt auf das Abitur vorbereiten zu können, musste ich mir mein Verständnis der Themen von anderen beschaffen. Wenn der Unterricht auf Hindi gehalten worden wäre- ich hätte nicht weniger verstehen können. Und anderen Klassenkameraden ging es nicht viel besser. Zum Glück werden Abiturarbeiten immer von zwei Lehrern korrigiert und der zweite war fit in seinem Fach. Aber auch dieser Lehrer änderte nichts mehr an meiner Einstellung, dass Mathe gut zu verstehen ist und Spaß macht. Im Biologieunterricht erfuhr ich über Zwillingsforschungen, dass es kein Talent für Mathematik gibt, weder geschlechtsspezifisch noch einzelne Personen damit versehen sind.

Genau mein Eindruck 😉

Mit dieser Erkenntnis ausgerüstet, gab ich Mathenachhilfe und unterrichtete die ‚weniger talentierten‘ Gruppen in der Schule.

Was passierte?

Ich erlebte in der gesamten Zeit nur zwei Schülerinnen, an denen ich mir die Zähne ausbiss. Im Moment, wo auch nur etwas von Zahlen zu ahnen war, fiel bei beiden eine Jalousie und jedes meiner Worte perlte direkt an der Ohrmuschel ab. Die beiden blieben felsenfest davon überzeugt, dass sie kein Talent dafür hätten und dass Mädchen Mathe sowieso nie begreifen würden. Die zahlreichen Gegenbeispiele um sie herum waren kein Argument.

Jeder normal-begabte Schüler, der sich darauf einlassen konnte, dass mangelndes Verständnis nicht unbedingt am mangelnden Talent liegt, hatte über kurz oder lang die bösen Zahlen im Griff.

Wegen einer Schülerin rief mich mal ihr Lehrer an, weil er fand, bei diesem Mädel sei eh Hopfen und Malz verloren (könnt Ihr Euch vorstellen, wie es diesem Mädchen im Unterricht ergangen sein musste?!) Davon wollte ich mir aber selbst ein Bild machen und wir fingen einfach an. Sie war bereit, es wenigstens zu versuchen und nach etwas mehr als einem halben Jahr hatten wir den kompletten Stoff von ca. 10 Jahren (!) nachgeholt. Sie hatte davor noch nie etwas verstanden- und sich von der Lehrerin, die das ganze Unheil verursacht hatte, wegen der eingeredeten „Dummheit“ auch noch ein schlechtes Gewissen machen lassen.

Die ersten Stunden waren etwas mühsam, aber dann ging es immer schneller voran- wobei sie das Tempo vorgeben konnte. Einmal brach sie in Tränen aus, weil ihr bewusst wurde, dass sie eben doch nicht „blöd“ sei. Schließlich bekam ich wieder einen Anruf des Lehrers: Dieses Mal berichtete er begeistert, dass die Schülerin ja hochintelligent sei und den Unterricht erheblich mit tragen würde!

Tja!

Ein anderes Beispiel sei hier noch erwähnt: Ich hatte eine Schülerin, die mir von ihrer Mutter als eigentlich recht klug beschrieben wurde, aber mit Mathe Probleme hatte. Wie sich herausstellte, ging es zur Zeit um Prozentrechnung. Im Lehrbuch fanden sich für diese Altersstufe sehr anspruchsvolle Aufgaben- z.B. wie viel Waldfläche man schützen könne, wenn man auf bestimmte Papierprodukte verzichte, welche Altpapiermengen dafür recycelt werden müssten usw.. Ihre Berechnungen dazu hatten eher etwas vom Lesen in der Kristallkugel. Also fragte ich sie, ob sie mir beschreiben könne, was „Prozente“ überhaupt seien.

Fehlanzeige!

Das hätten sie nicht besprochen. Das schien mir bis dahin noch abwegig. Ich suchte also im Lehrbuch nach Erklärungen, die wir gemeinsam besprechen könnten. Nö! Weit und breit nichts zu finden. Egal! Wenn man mit Prozenten rechnen soll, muss man wenigstens wissen, womit man es zu tun hat. Also habe ich ihr mit Hilfe von Maria Montessori die Hintergründe „begreifbar“ gemacht. Innerhalb kürzester Zeit waren die Aufgaben für das kluge Mädchen tatsächlich kein Problem mehr.

Aber jetzt kommt’s: Beim nächsten Termin rief mich die Lehrerin an und verbat sich in einem sehr rüden Ton jegliche weitere Einmischung in ihr ‚pädagogisches Konzept‘! Ich hätte lediglich die Haus-Aufgaben mit der Schülerin zu berechnen, aber nichts zu erklären. (Um das klarzustellen: Der Unterricht selbst fand in der Freizeit und auf Initiative der Mutter statt und hatte nichts mit dieser Schule zu tun) Meine „Widerworte“ -wie soll man etwas bearbeiten, für das schlicht das ‚Handwerkszeug‘ fehlt?-  wurden damit abgetan: in Bremen würde ‚intuitive Mathematik‘ betrieben, dafür bräuchte es keine „Belehrungen“….

oha!

Ich kommentiere mal frei nach Herrn Spitzer, der immer wieder begeistert über die Fähigkeiten des Hirns berichtet: Komplexe Probleme löst man tatsächlich besser über die Intuition- aber um diese nutzen zu können, ist es unbedingte Voraussetzung, dass man auf Wissen und Erfahrungen zurückgreifen kann- was natürlich VORHER irgendwann angelegt werden muss – mitunter sogar am effektivsten in einem bestimmten Alter.

Übrigens Prozente: Es verstehen tatsächlich viele Menschen nicht, was eine Prozentzahl beschreibt. Da sind z.B. Betriebswirte verloren, wenn diese Funktion ihres Rechners ausfällt und sie Wachstumsraten vergleichen sollen- was mich natürlich insgeheim belustigt.

Aber der ‚Spaß‘ hört auf, wenn darüber Risiken von Nebenwirkungen oder Erkrankungswahrscheinlichkeiten ausgedrückt und Manipulationen nicht erkannt werden. Wenn es dazu kommt, dass Ärzte unnötig riskante Untersuchungen anordnen, – nur weil sie mit dem Begriff „Prozente“ nicht sicher umgehen können. Oder auch, wenn die Konzentration eines Medikaments um das 10fache zu hoch (giftig) oder zu niedrig (wirkungslos) berechnet wird, weil das „mit dem Komma so kompliziert“ ist.

Konstruierte Schauergeschichten?

Nein!

Alles selbst erlebt!

Sicher haben die Fachleute Recht, wenn sie darauf hinweisen, wie wichtig die Haltung der Eltern ist, aber das entspricht eben nur zum Teil der Wahrheit. (Die Ansichten sind außerdem nicht nur auf Eltern beschränkt, sondern finden sich natürlich auch bei Lehrern wieder!) Genau so wichtig ist die Haltung des Lehrers oder die Lehrmethode: eine einzige kann eh nie für alle gleich gut geeignet sein. Es würde vielen Schülern (und damit uns allen) helfen, dort genauer hinzuschauen. Ich habe nur 2 drastische Beispiele zur Veranschaulichung gewählt- klar könnte ich noch viel mehr aufzählen.

Es ist bequemer und bleibt ohne aufwändige Konsequenzen, wenn die Haupt-Verantwortung den Eltern zu geschoben wird und damit andere Verantwortliche aus der „Schusslinie“ genommen sind (und damit meine ich nicht generell „die Lehrer“. Eine Verallgemeinerung hilft hier nicht wirklich weiter. Niemandem. Aber auch dazu später mehr).

Helfen könnten Eltern -bis sich wirklich etwas ändert-, indem sie zum einen ihre eigenen Ansichten auf den Prüfstand stellen (bei uns läuft leider viel mehr unter der Oberfläche ab als uns lieb ist) aber auch dem eigenen Kind SelbstVERTRAUEN vermitteln und sich nicht damit zufrieden geben, dass es eben „dumm“ sei.

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