Wenn mir Klienten oder Patienten von Dauermedikationen berichten, ist (fast?) immer ein Betablocker dabei. Zumindest- wenn derjenige über 40 Jahre alt ist.

Zu diesem „Problem“ kann ich von der „Krankengeschichte“ einer nahen Verwandten berichten: interessant, weil sie …eigentlich.. gar nicht „krank“ ist.

Bei ihrem letzten CheckUp wurde ein Blutdruck-Wert festgestellt, den man durchaus positiv bewerten kann- Naja. Nicht aus der Sicht der Pharmaindustrie– aber soweit es ihr Wohlbefinden und auch jegliche fehlende Sekundärschäden betrifft.

Aber auch nicht aus Sicht des untersuchenden Arztes. Viel zu hoch! Es würde ja sicher schon ein Blutdrucksenker eingenommen? Beta-Blocker?

Nö?! Nix davon!

Ja dann!…. Wäre es höchste Zeit!

Ich kam mir bei der Schilderung vor wie bei „Vorsicht Kamera“.  Die Reaktion erinnerte mich irgendwie an die Experimente des Herrn Pawlow.

Unter anderem habe ich neben meiner schulmedizinischen ja auch eine alternativmedizinische Ausbildung abgeschlossen. Dort wurde betont, dass ein einziger Blutdruckwert NICHTS aussagt. Jeder Patient solle unter verschiedenen Bedingungen und zu verschiedenen Tageszeiten gemessen werden (natürlich ohne weitere Kosten). Aus einem einzigen Wert lassen sich keine therapeutischen Konsequenzen ziehen, da die Werte stark schwanken können. Darüber hatte ich bis dahin gar nicht nachgedacht – es dann aber immer wieder bestätigt gefunden.

In jungen Jahren sollte die oben genannte Person bereits beta-Blocker verschrieben bekommen, wurde vorher zum Glück zu einem Kardiologen (Facharzt für „Herzkrankheiten“) überwiesen. Der fand einen leichten Herzfehler. Dieser sei allerdings nicht bedrohlich und müsse nicht unbedingt mit Medikamenten therapiert werden. Es sei denn, die junge Frau würde sich davon sehr beunruhigen lassen. Er selbst würde jedoch davon abraten, da dieses Medikament wesensverändernd wirke. DAS wollte sie nicht. Ihre Internistin konnte die Entscheidung zwar nicht nachvollziehen, aber wenigstens akzeptieren.

Später musste sie wegen der Nachwirkungen eines Unfalls wieder zum Kardiologen (diesmal zu einem anderen, da inzwischen der Wohnort gewechselt worden war) und erfuhr dort, dass der leichte Herzfehler nicht existiere, die Beschwerden wären eigentlich gar keine- „wir Frauen haben das halt manchmal“. Aber man würde erkennen, dass sie vor dem Unfall Hochleistungssport betrieben hätte, das würde ihr jetzt wahrscheinlich fehlen. Ach was?! Jeder der sie kennt, wird jetzt wahrscheinlich in Lachkrämpfe ausbrechen und kann sich mein Erstaunen lebhaft vorstellen. Ok. Die Kompetenz dieser „Fachärztin“.. konnte man nicht wirklich ernst nehmen.

Ein paar Jahre darauf bestätigte ein Internist dann wieder den schon bekannten Herzfehler. (Wo der sich in der Zwischenzeit versteckt gehalten hatte..? )

Eines Tages fand man bei ihr zufällig einen beängstigend hohen Blutdruck, einen viel zu schnellen Puls und  Herzrhythmusstörungen. Der Hausarzt verordnete umgehend Blutdrucksenker- aber besser als 185/100 wurde der Blutdruck nie ( Anm.: zu hoch). Bis sie eines Tages unbeabsichtigt (oder vom Unterbewusstsein „verordnet“?) einen „Stressor“ vermied. Da ihr aufgetragen worden war, den Blutdruck wenigstens einmal täglich zu messen- tat sie das auch an diesem Tag: Der Blutdruck war auf einmal traumhaft… Der Puls ebenfalls: völlig normal. Quasi von jetzt auf gleich. Was war passiert? (Wenn man in eine üble Situation ganz allmählich hinein gleitet, hält man das ungute Ergebnis schließlich für „normal“. So dauert es eine Weile, bis man den Grund für eine Reaktion des Körpers erkennt.) Als sie den Stressauslöser weiter aus ihrem Leben fern hielt, brauchte sie keine Blutdrucksenker mehr. Nie mehr. Die Werte blieben so gut. (Das als Beispiel, warum ein genaueres Hinschauen sinnvoll ist: Je länger ein erheblich erhöhter Blutdruck besteht, desto mehr Schaden kann er anrichten. Ich meine hier aber einen WIRKLICH hohen Blutdruck. Ein ZU niedriger kann übrigens genauso Schaden anrichten.)

Jetzt wieder zu dem jüngsten Erlebnis. Abgesehen davon, dass ich den gemessenen Wert für völlig ok halte, hat sie danach vorsichtshalber ein paar Tage lang ihren Blutdruck gemessen-bei der Überprüfung fand ich ähnliche Werte. Diese lagen (nach meinen langen Erfahrungen auf Intensivstationen, Ambulanz und eigener Praxis) fast schon etwas zu niedrig- der obere (systolische) Wert um 100. Wie es ihr wohl ergangen wäre, wenn sie ohne Widerspruch brav die Blutdrucksenker genommen hätte?

Wenn ich Ärzte nach ihren Kenntnissen zu unabhängigen Studien über Beta-Blockern befrage, erhalte ich meist nur einen irritierten Blick. Diese Medikamente werden übrigens auch verordnet, wenn ihre Wirksamkeit „nicht so richtig klar“ ist, sondern nur in.. ca.. 30 % der Fälle überhaupt eine Wirkung zeigen.. könnten.. vielleicht… Dummerweise weiss man nie, wer nun zu den „Glücklichen“ gehören könnte. Etwas vereinfacht ausgedrückt: Wenn nichts Schlimmes passiert, wird das als Erfolg für die Tabletteneinnahme gewertet- wenn doch- haben sie eben nicht gewirkt.

Halte ich sämtliche Ärzte für desinteressiert, überheblich und geldgierig? Nee! Natürlich nicht. Aber jemandem ein „Freifahrtschein“ auszustellen, ist einfach ungünstig. Sich vorzustellen, dass andere sich um unser Wohl sorgen und selbstlos ihre Nachtruhe auf der Suche nach einer Heilmethode für unsere Krankheiten opfern würden- hat natürlich was… Und .. eigentlich .. möchte das jeder wider besseren Wissens nur zu gern glauben- das „Kleinkind“ in uns tut das sogar. Aber auch Therapeuten sind – eben nur: Menschen-  reagieren genauso wie alle anderen -und es gibt sie in allen Varianten: Eben von gierig, überheblich usw. über einige Zwischenstufen (zu denen auch Überarbeitung gehört ) bis hin zu einfühlsam und engagiert.

Nehmt Ihr horrende Gebühren für eine Not-Türöffnung unwidersprochen hin? Die Lieferung eines defekten Geräts? Die schlampige Reparatur Eures Autos oder der Waschmaschine? Schmutzige Bettwäsche, mieses Essen, und abenteuerliche Toiletten im Pauschalurlaub? Auch wenn man keine entsprechende Ausbildung hat- man schaut einfach genau hin. Je mehr Ahnung man sich vorher angefrühstückt hat, desto eher merkt man, wenn was nicht stimmt.

Aber bei sich selbst? Da ähnelt die Reaktion oft dem des kleinen Kindes, was im dunklen Keller die Augen zukneift und laut singt, damit die Monster fern bleiben.

Natürlich haben Ärzte immer weniger Zeit, manchmal auch zweifelhafte „Leitlinien“ im Nacken, Und: Wie soll man reagieren, wenn die Patienten gar nicht wissen wollen, was sie da einnehmen, welche Nebenwirkungen, welche Wirkungen die Medikamente haben? (Das habe ich leider selbst häufiger feststellen müssen…).

Läßt sich die Verantwortung für den eigenen Körper einfach auf einen anderen übertragen? Was, wenn der seine Unkenntnis nicht zugibt- zugeben kann/ „bereinigten“ Studienergebnissen in tollen Werbeveranstaltungen (pardon: „Fortbildungen“) aufgesessen ist/ auf veraltetes falsches Wissen zurückgreift, unnötig Panik verbreitet, um teure Untersuchungen an den Mann bringen zu können? Wenn überhaupt ein Fehler nachweisbar ist: Was nützt eine Klage (bei meiner Mutter ist eine HirnOp z.B. gut verlaufen.. allerdings war die Nachsorge eine Katastrophe – worauf 6 weitere Op’s und 3 Monate Koma folgten. Da hätte man erfolgreich klagen können.. wennnnn.. nicht die Unterlagen „verschwunden“ wären- und wir alle heilfroh, als dieses Kapitel hinter uns lag.) Trotzdem.. was nützen ein paar 1000 Euro „Schmerzensgeld“, wenn man durch den Fehler arbeitsunfähig, behindert usw. bleibt?

Je mehr Patienten informiert sind, desto mehr „Nebenwirkungen“ können vermieden werden, Lebensqualität verbessert- bzw. erhalten werden – und auch den Ärzten eine nicht unerhebliche Last von den Schultern genommen. 😉  Anfangen könnte man z.B. bei Medikamenten, die fast automatisch verordnet wurden. Etwas „Lebendiges“ lässt sich nun mal nicht standardisieren: Unterschiedliches Alter, Gewicht, Stoffwechsel, weitere Erkrankungen, psychische Verfassung (jemand, der z.B. sofort panisch auf alles reagiert) und mehr – und nicht zuletzt:

Handelt es sich tatsächlich eine „Störung„?

Wenn ja: WAS ist deren wirkliche Ursache ?

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