Natürlich hat sich einiges in den Schulen getan. Die Lehrer prügeln nicht mehr, die Klassenräume sind „nett“ eingerichtet, neue Technik hat Einzug gehalten – aber etwas scheint sich wie mit Enterhaken festzukrallen. Auch wenn mittlerweile auf Transferleistungen Wert gelegt wird, (Schüler üben, ihr angelerntes Wissen auf vom Lehrer gestellte „neue Probleme‘ zu übertragen) bleibt jede „Freiheit im Denken“ noch im Käfig. Alles ist von „klugen“ Leuten vorgegeben: der Unterrichtsablauf, die Unterrichtsmaterialien, was genau man wann und wie zu „können“ hat. Das mag alles gut gemeint sein – und funktionieren: wenn Menschen wie Pillen oder Gurkenkrümmungen standardisierbar wären. So aber bleiben viele innovative spannende Sichtweisen oder außerhalb der Schulbücher liegende Talente der Kinder und Jugendlichen auf der Strecke. (Mit der „Kurzsichtigkeit“ werden übrigens sogar Pflanzen alle möglichen „Talente“ weggezüchtet- aber das nur am Rande) Auch in vermeintlich kreativen Prozessen wird noch viel zu viel gegängelt.

Warum finde ich das überhautpt wichtig?

Wir speichern alles mögliche an „Tatsachen“ ab. Wie ich vorher schon beschrieben habe, müssen die nicht unbedingt richtig sein. Sogar völlig irre Zusammenhänge bestätigen wir uns in entsprechenden Konstrukten . (Deswegen erliegt man in wissenschaftlichen Forschungen so leicht Irrtümern: weil man mit den Versuchen eigentlich nur beweisen will, was man vorher schon „wußte“ und sich die Ergebnisse auf Grund dessen zurecht argumentiert. Alle Eindrücke, die das in Frage stellen könnten, aber einfach ausblendet. Komische Vorstellung? Passiert häufiger als Ihr glaubt!) Kinder und Jugendliche verfügen noch nicht über solche Mengen von verkrusteten Ansichten. So wichtig wie Wissen und Erfahrungen sind- so wichtig ist es auch, das immer wieder auf den Prüfstand stellen zu können. Das wird mehr als schwierig, wenn alles vorgegeben ist- auch verlangt es sehr viel mehr Vorbereitung von einem Lehrer (der dann weniger Unterrichtsstunden abdecken kann).

Wenn man aber als Lehrer auf einmal freie Hand bekommt, den Ablauf ebenso von Ideen und Fragen der Schüler bestimmen zu lassen, vergeht einem zuerst geradezu Hören und Sehen. Ich hätte mir vorher nicht vorstellen können, was da alles -bisher unentdeckt- schlummerte.  Teilweise wurde das 6fache des „normalen“ Unterrichtsstoffs bearbeitet- und die Schüler haben das nicht mal bemerkt. Ihr Wissen (und Können) überstieg bei weitem das, was in der Klassenstufe normalerweise üblich ist. (Noch auffälliger war, dass ich mit diesen Voraussetzungen von dem Zeitpunkt an nie mehr  „schlechte“ Schüler in den Klassen hatte.)

In den Abschlussklassen waren die Ergebnisse dann extrem eng vorgegeben, bei einem zeitlich sehr knappen Stundenplan – eigene Erfahrungen bei dieser Art von (zum Verständnis unnötiger) Informationsflut wurden zu exotischen und seltenen Angelegenheiten. Stures Pauken war nun angesagt. Die vormaligen „Überflieger-Klassen“ wurden wieder durchschnittlich und da waren sie wieder: die „schlechten Schüler“. Könnt Ihr Euch vorstellen, wie anstrengend und frustrierend so ein Unterricht ist- für beide Seiten?

Versucht man, sich von Altbekanntem zu lösen, erzeugt es Unwohlsein bis hin zu Angst. Das enge Korsett, was bisher hielt, der Käfig, der ein überschaubares Areal und damit Sicherheit bot- sind auf einmal weg. Auch die sicher geglaubte Position auf dem Siegertreppchen ist auf einmal nicht mehr festgemeißelt. Besonders den „guten“ Schülern gefiel das ganz und gar nicht. Die bekannte Art von Schule diente früher aber dazu, folgsame Untertanen zu erziehen. Das ist nicht wirklich besser geworden (auch wenn die Tische anders hingestellt werden und der Lehrer versucht, sich den Schülern auf irgend eine Weise anzugleichen)- heute nur nicht mehr mit Schlägen, sondern mit verschiedensten -auch subtileren Formen- von Druck– z.B. durch Wettbewerbe, Zensuren, Stipendien oder anderweitigen Belobigungen. Der Druck ist meist nicht nötig- aber den nicht mehr an erste Stelle zu setzen, muss keinen weichgespülten „Wellnessunterricht“ bedeuten. Lernen kann anspruchsvoll sein und trotzdem attraktiv- wie Frau Birkenbihl mit besonders „langweiligen“ Inhalten untersuchte.

In Schulen, wo nicht „ausgesiebt“ wird, habe ich immer wieder Riesenüberraschungen erlebt. Wenn ich meine Erfahrungen zusammen fasse: in der Regel sind die gehorsamen und angepassten Schüler (die sich gut in das einfühlen können, was der Lehrer von ihnen erwartet und dem entsprechen) die „guten“. Gibt es aber Situationen, die ein -kreatives, der Situation- angemessenes Verwenden des Wissens erfordern, kein bloßes Wiederholen, verschiebt sich das Bild mitunter drastisch.

Hört man auf der anderen Seite den „schlechten“ Schülern nur wirklich zu (!), entpuppen sie sich fast immer als Menschen mit klugen und eigenen Gedanken, die etwas Wertvolles mitzuteilen haben. Sie haben einfach irgendwann aufgegeben-  und nur zu oft die abfällige Meinung über sich akzeptiert. Die einzig notwendige Hilfe beschränkte sich in diesen Fällen darauf, aufmerksames Feedback zu geben. Das reichte, um den Schüler aus der Ecke der ehemals „Mangelhaften“ zu befreien*). Viel schwieriger war es, das festgefahrene Bild bei einigen Mitschülern oder Lehrern aufzuweichen.

Manchmal gibt es auch die interessierten, wachen Schüler mit einer großen Klappe, deren Selbstwertgefühl so leicht nichts erschüttern kann- aber in dem Alter ist das nicht häufig. (Da muss man unterscheiden: die große Klappe allein macht’s nicht.)

*) Wer sich als Kind oder Jugendlicher immer wieder als ‚inkompetent‘ erlebet hat, muss seine Selbstwahrnehmung im Erwachsenenalter mühsam korrigieren – mit Hilfe der Psychotherapie, eines Coachings- oder auch durch eigene Übung. Dabei lassen sich diverse- aus dem Coaching bekannten- Strategien bereits früh verwenden- ohne dass gleich Anarchie ausbrechen wird- wie z.B.: „Es ist wichtig, dem anderen Vertrauen entgegen zu bringen. Die meisten Menschen verfügen über viele Ressourcen, ohne sich darüber bewusst zu sein. Treffen sie auf jemanden, der nicht meint, alles zu wissen- (und das besser), der interessiert Fragen stellt, erlebt sich der andere als kompetent, anerkannt und geschätzt.“ In so einer Atmosphäre werden bis dahin verschwiegene, teil sogar unterdrückte Kompetenzen frei.

Ein derartiger Umgang verwirrt die „guten“ Schüler übrigens oft- weil es nun auf einmal nicht mehr darum geht, etwas Vorgegebenes abzuspulen. Sie brauchen etwas länger, um den Käfig zu verlassen- die meisten können es nach einiger Zeit aber genau so genießen. Wenn nicht, steht ihnen der bekannte Weg natürlich immer noch zur Verfügung.

Noch schöner wäre es natürlich, wenn man später nicht mühsam herumreparieren müsste (bei Kindern und Jugendlichen sieht man in der Regel schneller Erfolge, weil ‚etwas‘ in ihnen rumort, das sie ihren Fähigkeiten nahe sein lässt und dem die ersten zarten Erfolge den weiteren nötigen Schwung verleihen). Bei Erwachsenen beisst man sich die Zähne aus- so lange sie sich mit dem status quo arrangiert haben.

Wie wir schon gesehen haben, sind Babies, Kleinkinder, Kinder nicht annähernd so „doof“, wie man es ihnen jahrelang unterstellt hat. Sie einfach unbeachtet vor sich hinwurschteln zu lassen, ist aber auch nicht DIE Lösung. Schließlich wollen sie beim Lernen in Kontakt bleiben, Feedback und Anregung bekommen. Das muss jedoch nicht in der bekannt hierarchischen Form verlaufen. Gerade vom aufmerksamen Verfolgen der Gedankengänge von Kindern kann ein Erwachsener selbst ungeheuer profitieren. Ich weiss, dass sich das für viele ziemlich verrückt anhört. Nein- ich meine auch nicht damit, dass man sich als Erwachsener albern aufführen soll und alles gaaaanz toll findet, was die Kinder machen oder vorschlagen. (Das finden Kinder auch schnell blöd. Vielleicht mögen sie den Erwachsenen so gern, dass sie es nicht aussprechen – trotzdem durchschauen sie, dass da was nicht „stimmt“- respektiert kann man sich damit nämlich nicht gerade fühlen. )

Kurz gefasst- aufmerksam sein und ernst nehmen- und dabei selbst ein ernst zu nehmendes Gegenüber bleiben. Probiert’s mal aus! 😉