Nicht nur in der Schule oder am Arbeitsplatz- wie ist es als Klient oder Patient?

iStock_000006952750XLarge-Kopieistock, Fotograf Andrew Johnson

Ich muss es ja zugeben.. Auch ich habe in jungen Jahren gedacht, dass kein normaler Mensch freiwillig arbeiten würde. Zwang muss sein. Diese Ansicht war aber nicht durch Beobachtung, sondern durch Erziehung entstanden „Arbeit macht eben keinen Spass, dazu muss man als Kind gezwungen werden, später sich selbst als Erwachsener- sonst geht es drunter und drüber: in der Familie, der Arbeitsstelle bis hin zum ganzen Land.“ Noch heute irritiert es mich bisweilen, dass Arbeit mir Spaß machen darf.

Dabei ist die unvermeidliche Unverträglichkeit von Spaß und Arbeit totaler Quatsch. Dass nur Spaß macht, was nichts von einem fordert, ist sogar NOCH größerer Unsinn. Habt Ihr selbst mal erlebt, wie stolz und zufrieden es macht, wenn man etwas geschafft hat, was man sich davor niemals zugetraut hätte? Wie sehr es voran bringt, wenn ein anderer fest an einen glaubt? Dieses Zutrauen muss in jungen Jahren von Erwachsenen zu Verfügung gestellt werden, bis sich die eigene Einschätzung entwickelt hat. Gleichgültigkeit oder Verachtung für die ersten Erkenntnisse und Fähigkeiten eines Kindes ziehen jeder Freude an Entdeckungen oder „Arbeit“ den Stecker. (Vermeintlich hilfreiches Eingreifen oder falsche, bzw. übertriebene Begeisterung haben eine ähnliche Wirkung. Kinder und Jugendliche sind gar nicht so naiv – sie äußern sich nur nicht offen, wenn die Konsequenzen übel sind). Menschen wollen wahrgenommen und bestätigt werden- als Kinder haben sie einen ungeheuren Forscherdrang und Wissensdurst. Das extrem zu reglementieren („Das brauchst du nicht zu wissen! Was DU schon zu wissen glaubst.. DAS sollst du lernen – und zwar genau SO, wie ich es dir vorkaue.“ So hart drücken das die wenigsten aus .. im Ergebnis ist es aber dieser Inhalt.) Fähigkeiten und Interessen, die nicht genau in vorhandene Schubladen passen, werden desinteressiert und mitleidig belächelt- im besten Fall. Orientiert man sich mit seinen Anforderungen an den Fähigkeiten der Kinder, bzw. Schüler, verschwindet die „angeborene“ Faulheit. Je nachdem, wie lange der unschöne Zustand schon bestanden hat, dauert das natürlich eine Weile (Interessanterweise werden besonders häufig wissensdurstige Schüler „eingenordet“ ).

Kinder und Jugendliche können mit den Jahren ihre Gefühle zwar immer besser verstecken, trotzdem lernt man von ihnen noch am meisten. Bei Erwachsenen ist vieles zwar vorhanden- aber nicht mehr leicht auffindbar- und: man gesteht sich als Erwachsener vieles nicht mehr zu- daher schildere ich zum besseren Verständnis meine Beobachtungen aus der Schule.

In der Schule hatte ich über einige Jahre die Gelegenheit, Auswirkungen z.B. von Zwang und laissez-faire-Stil zu verfolgen. Diese Varianten gibt es an jeder Schule, deutlicher wird das an Waldorfschulen:

Dort begleitet ein Lehrer seine Schüler von der 1. bis zur 8. Klasse- oder das sollte zumindest so sein. Dieser Klassenlehrer sieht seine Schüler mindestens für 2 Unterrichtsstunden täglich- hat während der 8 Jahre also den größten Einfluss auf sie. Natürlich gibt es dort genauso verschiedene Menschen wie in jeder anderen Schule – und auch  Extreme lassen sich dort finden:

Einmal die Lehrer, die nichts durchgehen ließen, die keine andere Ansicht als ihre eigene gelten ließen (das ging manchmal bis zum Lieblingsessen der Schüler), die nie Fehler machten und felsenfest von sich überzeugt waren- und die anderen, die über 8 Jahre mehr „Gleicher unter Gleichen“ als erwachsenes Gegenüber waren.

Die Schüler aus der Gruppe der strengen Lehrer waren von anderen nur mit Mühe zu unterrichten. Ließen sie die Zügel etwas lockerer, ging es sofort drunter und drüber. Nach dem Wechsel in die Oberstufe, wozu normalerweise auch ein kompletter Lehrerwechsel gehört, dauerte es immer mehrere Wochen bis Monate, bis man mit den Schülern tatsächlich arbeiten konnte. Damit fühlten sich alle bestätigt, die meinten, es ginge nur mit Druck… (einige dieser Schüler wechseln noch nach fast 30 Jahren die Straßenseite, wenn sie ihren ehemaligen Klassenlehrer von weitem sehen).

War das bei den „laissez-faire-Schülern“ besser? Komischerweise nicht.

Sie hatten nicht das Gefühl, gegen die Lehrer kämpfen zu müssen und sie hassen ihren Klassenlehrer heute auch nicht- sie haben die neuen Lehrer in der Oberstufe einfach nicht ernst genommen. Diese wurden zwar freundlich- aber mehr aus den Augenwinkeln registriert- wie eine Art Animations-Programm. Warum sollte man sich an deren Regeln halten? Sinnvoll oder nicht, konnte teilweise gar nicht unterschieden werden- war doch egal! 

Naja- aber unterm Strich war das doch immerhin besser als das oben beschriebene Szenario?

Nein. 

Leider nicht.

Wenn der Lehrer seine Führungsrolle nicht wahrgenommen hat, übernahmen Mitschüler die Aufgabe- und das nicht unbedingt mit feinen Mitteln. Der Erwachsener achtete ja nicht darauf, wer aus welchen Gründen ausgeschlossen oder gemobbt wurde. (dazu fällt mir immer folgendes Zitat ein: „Toleranz gegen die Starken ist Unrecht gegen die Schwachen.“- ein sehr ähnliches Umfeld findet man übrigens auch in Betrieben vor, wenn der Vorgesetzte Angst hat, seiner Rolle gerecht zu werden.)

Als Oberstufenlehrer die Aufmerksamkeit dieser Schüler zu bekommen, dauerte immer eine ganze Weile. Mit meinen Fächern hatte ich mehr „Glück“ als andere. Mit meinem Interesse an JEDEM Schülern gab es dagegen viel größere Probleme. Die „Leitwölfe“ wollten ihre angestammte Position natürlich nicht aufgeben und kamen nicht damit klar, dass etwas von IHNEN gefordert wurde.

Und dann..

Gab es die, vor denen ich bis heute innerlich „den Hut ziehe“ und von denen ich eine Menge gelernt habe.

Bei denen gab es Vertrauen in die Fähigkeiten der Schüler, klare Ansagen, Regeln und Anforderungen. Fragte man nach den Hintergründen, gab es keine allgemein gültigen „Parolen“, sondern gut überlegte Argumente, für jeden nachvollziehbar- auch für die Schüler- wenn sie danach fragten. Weil alles Hand und Fuß hatte, änderten sich die Ansprüche an die Schüler nicht willkürlich nach der momentanen Befindlichkeit des Lehrers- sondern orientierten sich am Entwicklungsstand der Schüler. Kurz gefasst: Diese Lehrer waren ein verlässliches, ernst zu nehmendes und motivierendes Gegenüber. Natürlich war nicht jede Stunde für jeden Schüler paradiesisch- auch dort rasselten die Personen gelegentlich aneinander, trotzdem behielten diese Lehrer immer ihren Respekt (profilierten sich also nicht auf deren Kosten. Respektvoll mit einem anderen umzugehen, bedeutet eben nicht, dass man alles geschehen lässt. Das wird gern verwechselt.)

Diesen Lehrern fiel selbst nicht einmal auf, WIE besonders ihr Unterricht war. Nicht einer von ihnen missionierte mit seiner eigenen „einzig möglichen Unterrichtsmethode“ die jungen Kollegen. 

Und wie war dort der Unterricht in der Oberstufe? Wenn man diesen Schülern mit ähnlichem Respekt begegnete, dann gab es die übliche schwierige Umgewöhnungszeit nicht. Mit autoritärem Verhalten kam man allerdings nicht weit. Einmal habe ich sogar in der 7.Klasse einen solchen Lehrer für einige Wochen vertreten (was normalerweise nicht ganz einfach ist) und fand eine freundlich interessierte Gruppe von ca. 35 Schülern vor. Was mich dort am meisten beeindruckt hat, waren die Mädchen- und Jungsrollen. Es gab beim Engagement und Interesse keinerlei Geschlechtsunterschiede. Bis dahin war ich gewohnt, dass die Jungen in meinen Fächern das große Wort führten und die Mädels sich zurückhielten. Die meiste Energie im ersten Oberstufenunterricht musste ich sonst immer darauf verwenden, die Mädels aus ihrem Schneckenhaus zu holen.

Jaa. ist ja klar.. Waldorflehrer sind halt alle weichgespült. Welcher „richtige Mann“ unterrichtet schon die Jüngsten? An einer „Waldorfschule“?! .. nö! Gerade bei DIESEM Lehrer stimmte das Argument ganz und gar nicht. Seine Klasse war ein super-Beispiel dafür, dass Mädels genauso Interesse für Naturwissenschaften entwickeln können, wie Jungs für Kunst oder Sprachen (und man jedem von ihnen etwas „wegnimmt“, wenn man das als Erwachsener nicht akzeptieren und zulassen will).

Ein solcher Umgang mit anderen Menschen erfordert natürlich sehr viel Selbstreflexion und auch Selbsterziehung. Normalerweise sagt jemand „Klügerer“ (weil älter, höher in der Hierarchie, oder Fachmensch), wie was geht. Ich finde immer, das erkennt man am besten in amerikanischen Filmen und Serien. Und dann muss man blind gehorchen. Wenn man es nicht tut, gibt es Ärger. Wenn man brav ist, gibt es eine Belohnung. Das zieht sich (außer z.B. im Buddhismus) sogar durch die Religionen. Kein Wunder, wenn man diese Ansicht einfach übernimmt.

Da in unserer Kultur der Ungehorsam nicht mehr lebensgefährlich ist, klappt das mit dem Druck nicht mehr so richtig. Eine wirkliche Alternative gibt es aber auch noch nicht. Was ich zur Wirkung des Laissez-Faire-Stils beschrieben habe, kommt natürlich nicht nur in Waldorfschulen vor. Das zieht sich bis ins Berufsleben durch. Genauso der autoritäre Stil. Der wird dann bei jeder Gelegenheit boykottiert. Bei beiden Arten können die Mitarbeiter oft nicht mehr zwischen sinnvollen und sinnlosen Regeln unterscheiden- genau wie ihre Vorgesetzten.

Meiner Meinung nach richtig übel wird es für jemanden, der Hilfe von außen sucht- und dort auf einen „begnadeten Fachmenschen“ trifft, für den Gehorsam gleichbedeutend mit Anerkennung ist. Wie lästig ist es, wenn der Klient/Patient selbst über Fachwissen verfügt und anderer Ansicht ist. Das scheint für viele immer noch eine regelrechte Kriegserklärung zu sein – „Dem anderen auf Augenhöhe“ zu begegnen – wenn der nicht über die üppige Ausbildung verfügt wie man selbst ? Undenkbar! Es gibt Klienten/Patienten, die nicht aufgeklärt werden WOLLEN. Die meisten sind aber tatsächlich interessiert und klug genug, dass sie die Hintergründe ihres Problems verstehen und bei der Entscheidung über Lösungen mit einbezogen werden können- wenn man sie ihnen denn verständlich erläutert.. 😉

Habt Ihr schon mal erlebt, WIE sehr sich eine Ansicht ändern kann, wenn man sich selbst in einer bestimmten Situation wieder findet? Ich kann die (manchmal regelrecht unverschämte) Aufregung um schwer kranke Angehörige erst verstehen, seitdem ich über Monate in so einer Lage war. Ähnlich ist es mit der Elternschaft, Mobbing oder der Notwendigkeit, sich längere Zeit in einem völlig fremden Kulturkreis aufzuhalten.

Man kann sich noch so sehr darum bemühen, sich in die Situation des anderen hinein zu versetzen- in dem Moment, wo man sie selbst erlebt, merkt man, wie wenig einem das vorher gelungen ist.

Wie soll also jemand von außen FÜR einen anderen den besten Weg finden können? Und das auch noch, wenn dieser Weg unter einem Wust von Geboten, Verboten oder schlimmen Erinnerungen verschüttet ist? Ich denke, es braucht nicht viel Fantasie, um seine eigenen Grenzen dort zu erkennen.

Einige meiner Patienten berichteten z.B. davon, dass ihre Therapie darin bestand, sie wieder „auf Linie zu bringen“, damit sie wieder arbeitsfähig würden- notfalls mit medikamentöser Unterstützung. Wirklich geholfen hat das nicht- sonst wären sie nicht bei mir gelandet. Nun finde ich das Ziel, wieder arbeitsfähig zu werden, gar nicht verkehrt- nur der Weg dorthin passte eben nicht.

Es ist hilfreicher und von dauerhafterem Erfolg, wenn der Klient/Patient seinen eigenen Lösungsweg findet, der dann auch durchgehalten werden kann. 

Wenn man das Gebäude aus Gehorsam – Strafe – Belohnung als eine Art Naturgesetz für sich akzeptiert hat, braucht es einen ziemlich Leidensdruck, um das gewohnte Bild zu verlassen. (WIE schwer das manchmal ist, sieht man an den Frauen, die aus dem Frauenhaus zu ihren prügelnden Ehemännern zurück kehren: „besser das bekannte Unglück als das unbekannte Glück“. ) 

Sind die dringenden Wünsche „an das Leben“ tief verschüttet, nimmt man gar nicht mehr wahr, dass etwas nicht stimmt und sieht erst recht keine Alternativen. Unser Unterbewusstsein und unser Körper sind da nicht ganz so gehorsam.. erst gibt es die kleinen Hinweise und dann kommt es auch schon mal „ganz dicke“.

Wenn ein Gefühl über einen längeren Zeitraum besteht  „es stimmt etwas nicht“- oder Krankheiten kehren auf geheimnisvolle Weise immer wieder zurück.. würde ich zuerst auf die Hinweise des Körpers achten und nach den Hintergründen suchen wollen, statt diese Hinweise mit allen Mitteln zu unterdrücken- und er schließlich zu „härteren Bandagen“ greift.  😉  Gehorsam hilft da nicht wirklich weiter- genauso wenig, wie ein fremdes- weil übernommenes „Lustprinzip“