AuswandererIch reagiere ziemlich allergisch darauf und will es vermeiden: Trotzdem rutsche ich immer wieder mal im falschen Moment in die „SchubladenFalle“ – und es bleibt eine große Herausforderung, das möglichst schnell zu durchschauen. Schubladen lassen sich ganz gut mit bestimmten Begriffen entlarven- z.B. „immer“, „nie“, oder „großflächige“ Verallgemeinerungen an sich. Nun befinde ich mich mit meiner Abneigung in bester Gesellschaft- fast jeder mag es nicht, wenn er nach oberflächlicher Wahrnehmung in die erstbeste Schublade gesteckt wird und da gefälligst zu bleiben hat (in die andere Richtung wird’s schon schwieriger).

Davon gibt es viele: Aus Haarfarbe, Geschlecht, Alter, sozialem Stand, Religionszugehörigkeit, Abstammung, Ausbildung, Aussehen, Familienstand, Wohnsituation, Körpergröße bis hin zur Ohrform, Ernährungsgewohnheiten, Farbvorlieben, Testergebnissen wird auf Charakter, Intelligenz, geistige Störungen, kriminelles Potenzial und noch viel mehr geschlossen..   Meine Aufzählungen sind nur ein müder Abklatsch- es gibt erheblich mehr Einstufungen.

Natürlich sind die nicht alle kompletter Irrsinn. Angeboren ist uns, dass wir immer versuchen, Muster und Regeln zu erkennen- um uns danach richten zu können: man kann Steine oder Holz nicht auf beliebige Art stapeln- anderen das Sandförmchen wegnehmen gibt Ärger- einem Krokodil kommt man besser nicht zu nahe- man sollte nicht alles in den Mund stecken- Heißes besser nicht direkt berühren- an Wochentagen gibt es morgens Staus- seinen Frust ungefiltert an die Umgebung abzugeben, macht noch mehr Stress – an vielbefahrenen Straßen richtet man sich besser nach den Ampelphasen, auch wenn man es noch so eilig hat,  – usw.: Was uns halt im Laufe des Lebens begegnet.

Solche Regeln ermöglichen uns schnelleres Handeln, schließlich können wir nicht jede Aktion stundenlang durchdenken. Je automatischer solche Einstufungen erfolgen, desto weniger bezweifeln wir sie. Tante Frieda haben wir aus frühester Kindheit in übler Erinnerung- und wehe, dem (äußeren!) Bild von ihr kommt jemand nahe! Der muss sich dann aber ganz warm anziehen! Das kann so weit gehen, dass jemand aus solchen Gründen nicht eingestellt wird. Und manche unserer angeborener Verhaltensweisen gehören eher in die Steinzeit, aber beeinflussen uns ganz gehörig- wie man gerade an der Diskussion über Flüchtlinge sieht (einfach genau das Gegenteil zu machen, ist aber genauso falsch. )

Jemand, der Hilfe sucht, ist auch nicht viel besser dran- weil er da genauso auf Vorurteile treffen kann- weniger auf Interesse.

Weiter als das Schubladendenken bringt tatsächliches Interesse für einen anderen Menschen. (Das reicht nicht immer- wenn z.B. antrainierte Glaubenssätze jede Vernunft überlagern. Aber dieser Sonderfall soll an der Stelle nicht Thema sein.)

Wie ich in verschiedenen Artikeln schon beschrieben habe, hilft bei störenden Schülern interessierte Aufmerksamkeit (allen) besser als jede Form von Strafe (in der Oberstufe- bei kleineren reicht das Feedback nur durch den Lehrer nicht aus), oder auch, wenn man dauerhaftere Erfolge bei Beratungen oder Coaching Erwachsener anstrebt- bei medizinischen Problemen im weiteren Sinne sowieso.

Regeln über Abläufe, Verhalten, Störungen usw. usw. zu kennen, vermittelt eine trügerische Sicherheit. Manchmal lassen sie sich tatsächlich gut verwenden, aber viel häufiger werden Wahrnehmungen entsprechend hingebogen. Wenn man damit nicht landen kann, wird dem Hilfe Suchenden mangelnde Kooperationsbereitschaft unterstellt- oder er gar als Hypochonder abgetan. Sich mit Regeln vertraut gemacht zu haben, lehne ich gar nicht ab- was mich stört, ist der sklavische Umgang damit und die daraus entstehenden

Oberflächlichkeiten mit üblen Folgen

Sie begegnen uns immer wieder- und schaden uns immer wieder. Man macht sich in den seltensten Fällen klar, wie drastisch das sein kann – und in den seltensten Fällen ausschließlich für die Person „in der Schublade“ Nachteile bedeutet.

Die Bewerberin ist eine Frau?

Och nöööö: Eingeladen zum Bewerbungsgespräch …ca. 5%  Geht es nur nach den Fähigkeiten und das Geschlecht ist nicht bekannt: Einladungen zum Bewerbungsgespräch ca. 54% (s. hier ) Wenn jemand trotz seiner Fähigkeiten nicht ins Team passt- eine Sache. Aber solche Fragen konnten hier nicht einmal aufkommen.. Und das in der „modernen“ Tech-Industrie, wo gern wegen der geringen Frauen-Quote gejammert und leider an der falschen Stelle nach der Ursache gefahndet wird. (Machen sich Firmenchefs eigentlich klar, wie sehr ihre Mitarbeiterzusammensetzung auf Geschmack und Vorurteile ihrer Personaler zurück geht? Will man das? Welche Ziele erreicht man tatsächlich damit?)

Eine Kinderbesprechung in der Schule?

Da werden gern eigene Wahrnehmungen maximal in einem Nebensatz mitgeteilt. Lieber wird sich hinter einigermaßen passenden Interpretationen von bekannten Pädagogen versteckt, die man für sich als Guru hochstilisiert hat. „Der oder die hat das und das gesagt!“ Andere Ansichten können damit elegant als unqualifiziert abgetan werden. Einige Verhaltensweisen, wie vom Guru beschrieben, werden identifiziert oder gar hingebogen, es gibt sehr viel mehr, die nicht dazu passen.. aber die werden geflissentlich übersehen-. . Man hat ja schon seine „Diagnose“ und die daraus folgenden Konsequenzen. Wie viel anders wären sie, wenn man GENAU hingeschaut hätte! Statt dessen: Eine allein erziehende Mutter? Alles klar! (s.hier)

Ein Besuch beim Arzt?

Der muss in kürzester Zeit eine Diagnose und Therapie finden. (Manche nehmen sich trotzdem Zeit und machen einen „guten Job“- und ich bin froh über jede dieser Ausnahmen!)

-Eine immer wieder kehrende Entzündung? Breitbandantibiotikum!- am besten noch mit Kortison zusammen- hilft immer! (Schadet aber auch: wenn z.B. ein Pilzbefall die Entzündungszeichen verursacht hat, Viren die Ursache sind, oder dieses Antibiotikum gar nicht passt. Im Beipackzettel steht, dass vor Verordnung unbedingt die Erreger genau bestimmt werden müssen? Wen interessiert das?! Oder: wer liest das überhaupt?)

-Eine Zweitklässlerin, die jeden Tag mit „Kopfweh“ aus der Schule heimkommt? Dem Kinderarzt ist sofort klar: Die kommt in der Schule nicht klar, die will nur Aufmerksamkeit! In der 4. Klasse endlich ließen die Eltern die Augen testen. Der Optiker war entsetzt über das schlechte Ergebnis. Das Kind war fast blind und konnte nur mit äußerster Anstrengung überhaupt etwas an der Tafel erkennen. Mit der neuen Brille machte die Schule endlich Spaß und die Kopfschmerzen tauchten nicht wieder auf.

-Eine junge Frau, der schon über Tage übel ist? Die ist schwanger! Und tschüß! Irgendwelche Untersuchungen? Och! Wozu? Ist doch eh klar!… Nein! In dem Fall bekämpfte ein fehlgeleitetes Immunsystem die eigene Schilddrüse- und hätte fast „gewonnen“, wenn nicht in letzter Minute doch jemandem von außen Zweifel gekommen wären, der sich dann gründlich in die Symptome vertiefte.

– die gleichen Symptome und Ursache bei einer etwas älteren Frau, die zudem privat zu der Zeit extrem gefordert war. Eine Schwangerschaft war also keine Option.. also..flugs die andere häufige Alternative gewählt: Ohne weitere Untersuchung war die Diagnose gestellt: die ist überfordert und braucht Beruhigungsmittel. Erst eine ganze Weile, nachdem die Schilddrüse so zerstört war, dass sie ihre Funktion eingestellt hatte, wurde etwas anderes in Erwägung gezogen. Nur war es da schon zu spät. Für diese Frau bedeutet das eine lebenslange Medikamenteneinnahme (wirklich ersetzen kann man die Schilddrüsenfunktion damit nicht, da sie mit anderen Organen gemeinsam ein feines Regelwerk bildet )

-Ein „leicht geistig behinderter“ Patient?

Nein, der beherrschte einfach nur wenige Brocken Deutsch und konnte daher die gestellten Fragen nicht beantworten. Gemerkt hat das niemand.

-Ein junger Mann mit Dauerkopfweh, bei dem sich nichts finden lässt? Hypochonder und keine Lust zu arbeiten! Nein, die Kopfschmerzen waren durchaus echt, aber die Ursache dafür nicht offensichtlich. Dem geht es nach entsprechenden Recherchen inzwischen zum Glück super!

Reizdarm? Chronisches Müdigkeitssyndrom? Wie lange sind diese Menschen als Hypochonder und Nervensägen hingestellt worden!

(Mühsam zusammengesuchte Beispiele? Leider nicht. Sie alle sind mir in jüngster Vergangenheit „über den Weg gelaufen“.)

In der Psychotherapie

läuft es ähnlich ab. Da können Ursachen an völlig anderer Stelle liegen als es eine klassische Ausbildung vermuten lässt. Schon sowas wie der Mangel an bestimmten Nährstoffen löst z.B. Depressionen aus, „fehlerhafte“ Darmbakterien beeinflussen Stimmungen negativ. Was soll da (im übertragenen Sinn) „die Couch“ ausrichten?  Auch, wenn ich es selbst nicht glauben mag: gerade ganz frisch wurde mir etwas in der Art geschildert. In dem speziellen Fall wäre das Werfen eines Würfels gründlicher gewesen. Aber mit weniger Nebenwirkungen….

Lebewesen und automatisierte Abläufe gehören für mich einfach nicht zusammen- maximal in Ausnahmefällen.

Nochmal.. ich bin gar nicht gegen das Kennenlernen, Feststellen und Anwenden bestimmter Abläufe. Es gibt durchaus Situationen, wo schnelles Handeln angesagt ist- selbst, wenn es in der Hektik nicht so ganz optimal gewählt wurde. Nur: sollte man nicht dabei stehen bleiben und das bei allem und jedem für der Weisheit letzter Schluss halten.

Regeln und Einstufungen zu kennen, ist eine Sache- und zur Orientierung sicher nicht schlecht- generell sollte aber die Person in ihren Eigen- und Besonderheiten an erster Stelle stehen. Manchmal muss man auch etwas länger recherchieren, nach der Ursache forschen, eventuell eine weitere Meinung hinzuziehen- unterm Strich ist dieses Vorgehen jedoch schneller und effektiver.

Vor noch nicht allzu langer Zeit war es in der Medizin üblich, dass „Krankenbeobachtung“ einen großen Stellenwert hatte – dazu wurden alle Sinne eingesetzt und bereits dadurch ließ sich Vieles erkennen und gezielter weiter suchen. Nebenwirkungsfrei. Das findet sich heute nicht mehr. Lässt sich wohl nicht gut abrechnen ..

Viele scheinen echtes Interesse an ihrer Person gar nicht zu kennen. Nach den ersten Gesprächen wird mir oft berichtet, dass Klienten/Patienten sich hinterher zu ihrem eigenen Erstaunen (positiv) aufgeregt fühlten: nach einem völlig normalen Gespräch- ohne starre Regeln oder gar Tricks… einem, das sich einfach nach dem Klienten/Patienten richtete. In der darauffolgenden Nacht ging es ihnen wie ein spannendes Abenteuer durch den Kopf- ohne dass sie überraschenderweise am nächsten Tag müde waren.

Wie an anderer Stelle beschrieben, ist das Unterbewusstsein nicht unser Feind, sondern nur dazu da, unser Überleben nach besten Möglichkeiten zu sichern. Dabei muss es sich immer wieder anderen unterordnen, weil der Mensch von anderen abhängig ist. Diese Haltung wird oft unnötigerweise beibehalten (es wurde ja nicht anders gelernt- oder gelehrt). Auf offenes Interesse zu stoßen, ist dann tatsächlich (für die inzwischen gut verborgenen Gedanken, Wünsche, Fähigkeiten) sehr aufregend. Und auch das ist.. eigentlich .. schon lange bekannt und findet sich bereits in alten Schriften. Das einem anderen vor zu enthalten, scheint die eigenen Macht zu erhalten oder gar zu stärken.

Tatsächlich?