59.1istock, fotograf simonmcconico

Im tiefsten Inneren (verhaltensbiologisch) sind wir immer noch davon überzeugt, wir hätten die größten Überlebenschancen, wenn wir zu einer festen Gruppe von ca. 35 – möglichst kräftigen- Erwachsenen, sowie deren Kinder gehören. Jemand, der von außen dazu kommt, ist erstmal als gefährlich einzustufen. Vor vielen Tausend Jahren war das eine vernünftige Einstellung- heute ist sie eher hinderlich. Trotzdem rumort etwas in der Art in jedem von uns noch mehr oder weniger beachtet vor sich hin. Ich denke, es ist besser, diese Tatsache nicht tot zu schweigen oder zu diskutieren, sondern einfach zu kennen. Wenn wider besseres Wissen deswegen ein ungutes Gefühl in uns aufsteigt, können wir das einordnen und dann damit entsprechend umgehen- d.h. wir werden davon nicht überwältigt oder reagieren gar unangemessen.

Die Welt wird immer „kleiner“: Wir reisen überall hin, zu uns kommen Menschen aus aller Herren Länder, Handel wird grenzüberschreitend- ich selbst habe mit Menschen aus vielen Ländern gemeinsam studiert, gearbeitet und zähle inzwischen einige natürlich auch zu meinen Freunden.

Jeder halbwegs psychisch gesunde Mensch sieht ein, dass auch andere nach ihrer Fasson selig werden wollen. Gerade in „diesem unserem Lande“ schießen damit allerdings einige über das Ziel hinaus. So werden in manchen Kindergartengruppen und Schulen die christlichen Feste geradezu schamhaft verschwiegen (selbst erlebt) was die türkischen und kurdischen Kinder mitunter geradezu in die Verzweiflung treibt. Sogar bei deren Eltern stößt diese „Rücksichtnahme“ auf Unverständnis. Solange ihre Kinder nicht genötigt werden, die Ansichten zu übernehmen, haben diese selten ein Problem mit den christlichen Festen. Zum Glück gibt es deutsche Eltern, die das genauso sehen und Kinder aus anderen Kulturen zu sich einladen.
Wenn wir ehrlich sind- ist das ganz schön überheblich. Wir reisen in aller Welt umher, nehmen selbstverständlich freudig Einladungen zu Festen anderer Kulturen an. Wir lassen auch unsere Kinder daran teilnehmen – ohne zu befürchten, dass jeder dort schlagartig einer Gehirnwäsche unterliegt und sich gegen die eigene Kultur stellen würde. Ich denke, diese „Stärke“ kann man auch anderen zutrauen.

Die „Toleranz“ kann so weit gehen, dass allgemeine Regeln nicht für Menschen aus anderen Kulturen gelten. Wenn Kinder (Schwache) übelst misshandelt oder vernachlässigt werden, wird das flugs mit der „anderen Kultur“ begründet, Hinweise darauf großzügig und „tolerant“ übersehen- mitunter ein Eingreifen sogar geahndet- anstatt diesen Menschen ebenfalls Schutz zu gewähren. Manchmal kann man dort als einzelner etwas bewirken- manchmal wird man auf unbegreifliche Weise ausgebremst. Aber wegschauen sollte man eben nicht! Ich habe mal einen Satz dazu gelesen (finde leider die Quelle nicht mehr):
Toleranz gegen die Starken ist Unrecht gegen die Schwachen.

Nun sind andere Sitten und Gebräuche ja nicht unbedingt immer mit Gewalt verbunden- manchmal wirken sie auf Außenstehende nur einfach lustig, befremdlich oder bizarr. SO komische Regeln haben WIR doch zum Glück nicht…?  😉  Denkste! Ich habe mich vor kurzem mit den Verhaltensregeln der unterschiedlichsten asiatischen Länder beschäftigt (gut, wenn man das rechtzeitig tut- was bei den einen der absolut verhaltenstechnische Mindeststandard ist, kann ein paar hundert Kilometer entfernt schon als grobe Beleidung empfunden werden.. puhhhh!) Die Verfasser des Buches haben lustigerweise mit der Reaktion der Leser gerechnet. Das letzte Kapitel nimmt nämlich in der gleichen Art die deutschen Eigenheiten aufs Korn- Ich war ziemlich baff, was sich da so tummelt und bei uns allen wie eine Art Naturgesetz Verwendung findet. Selbst, wenn der Verstand kein Problem mit anderen Ansichten haben sollte- die Vorstellung, dass gegen etwas Vertrautes verstoßen wird, fühlt sich ziemlich krass an-
Mit dieser Information im Hinterkopf finde ich die Idee gar nicht so schlecht, Menschen aus anderen Kulturkreisen eine Art „Gebrauchsanweisung“ an die Hand zu geben. Die wenigsten sind sich darüber im Klaren, wie sehr jedem(!) von uns Verhaltensregeln in Fleisch und Blut übergegangen sind- und wie leicht man deswegen aneinander geraten kann. Wenn man erkennen würde, wo die Ursache liegt, könnte man das in dem Moment vielleicht noch in den Griff bekommen- aber so offensichtlich ist das fast nie!

Verhalten, das wir beobachten, interpretieren wir auf Grund unserer Erfahrung und Erziehung- wie auch sonst? Irgend eine Basis müssen wir ja haben. Das in Frage zu stellen, soll auch gar nicht Thema sein- nur: es wäre ungeheuer hilfreich, das als solche zu erkennen.

Und nur den Sinn sollen die folgenden Schilderungen haben. Beginnen wir mal ganz profan mit dem Essen: Selbst noch bei meinen Eltern zeugte es von guter Kinderstube, dem Gast immer wieder Essen aufzunötigen. Der Gast dagegen musste zuerst höflich ablehnen. Das ging mehrfach hin und her. Da ich selbst fast nichts so sehr hasse, wie zum Essen gezwungen zu werden, würde ich etwas Ähnliches einem Gast niemals antun wollen. Derjenige kann gern so viel essen wie er möchte- ich koch’ auch noch was nach, wenn es nicht reicht- oder mache etwas anderes, wenn der Gast etwas nicht mag oder verträgt- aber gezwungen wird bei mir keiner.
Kamen also ältere Verwandte zu Besuch, ging das Spielchen los. Wenn ich jemandem etwas anbiete und er das vehement ablehnt, dann lasse ich ihn in Ruhe. Der Mensch ist erwachsen und kann beurteilen, ob er Hunger oder Appetit hat- oder nicht. Welche Überraschung, als meine Mutter bei einem verspäteten Gast dazu kam! „Oh. Du hast ja noch gar nichts zu essen!“
„Nej! Ich krich ja nuscht nich!“ (nein! ich bekomme ja nichts!)
Baff!
Nee. oder?

Dieses Spielchen ist weit verbreitet und ich habe mich schon oft genug als unhöflicher Gastgeber geoutet. Auch wenn ich vorher erläutere, dass gern jeder alles und so viel haben darf wie möchte, ich zwischendurch auch nachfrage- bei einigen komme ich damit einfach nicht durch. Bin ich dagegen bei Freundinnen zu Besuch, wo das ähnlich abläuft, werden die Köche schon immer vorgewarnt, dass ich wirklich nichts mehr möchte, wenn ich das sage.
Trotzdem- das wird wohl ein ewig schwieriges Thema für mich bleiben. Auch dass ich- für mich- eklige Sachen probieren musste (z.B. Gekröse, Quallen- aber auch „Meeresfrüchte“ sind nicht mein Ding), um wenigstens einigermaßen die Höflichkeit zu wahren- kostete mich schon manchen unterdrückten Würgreiz.

Womit ich auch nicht so richtig klar komme:
Wenn ich mich vorher erkundigt habe, was derjenige gern und wie zubereitet isst, das mit viel Enthusiasmus und Zeitaufwand koche, der Gast häuft (!) sich den Teller bis zum Überlaufen voll und lässt nach 1-2 Happen den Rest übrig.
Weil das „vornehm“ ist.
Nee- find ich einfach nur respektlos: demjenigen gegenüber, der die Vorbereitungen und die Arbeit damit hatte. Einmal mag das vorkommen- aber nach entsprechender Erklärung erwarte ich dann ‚Toleranz‘ für meinen wenig ‚vornehmen‘ Umgang mit Esswaren.. . (Wohlgemerkt- es geht nicht darum, dass man etwas nicht kennt und beim Probieren feststellt, dass man es nicht mag.)

Wenn ich in ein Land komme, wo einheimische Frauen nur verhüllt in den Straßen herumhuschen dürfen, dann werde ich trotz Hitze garantiert keine knappe Kleidung tragen oder gar den anderen Frauen erstmal zeigen, wie es „richtig“ geht. Schon aus reinem Eigennutz nicht. Dagegen verhüllende Schulkleidung in unserem Kulturkreis von „oben“ anzuordnen, um sich anderen Sitten entsprechend „anzupassen“, lässt sich mir die Stacheln aufstellen.

Eine weitere Schwierigkeit, die oft für Enttäuschungen und Unverständnis sorgt, ist das Verhältnis zu Freunden und Familienmitgliedern. Manchmal ist es überlebensnotwendig, dass die Familie unter allen Umständen zusammen hält. Bei uns bröckelt das immer mehr- jedenfalls bei den Menschen, die ich kenne. Jeder darf einen Beruf lernen, niemand ist wirtschaftlich auf Gedeih und Verderb auf  Familienmitglieder angewiesen, die Betreuung der Kinder und alten Menschen kann ebenfalls „ausgelagert“ werden.
Ob das nun gut oder schlecht ist- soll hier nicht die Frage sein. Statt automatisch über soziale Kontakte durch die Familienbande zu verfügen (was ja oft gleichbedeutend ist mit „sich fügen“), wählen wir uns heutzutage unsere „Familie“ (Freunde) selbst. Die werden dann mit Freundlichkeit behandelt- alle anderen eher ungern. (s. auch Tom König „Irrwitz aus der Servicewelt“). Mit dieser Erfahrung gehen wir genauso auf Menschen aus Kulturkreisen zu, wo die Familie ALLES ist- und dem gesamten Rest fürs Erste generell freundlich begegnet wird, der fürs „Überleben“ aber völlig unwichtig ist. Es kommt, was kommen muss: Wir interpretieren diese Freundlichkeit ganz falsch! Sind vertrauensselig oder viel zu aufdringlich. Auf Seiten der „Familientreuen“ kommt es zu Irritationen ( „Was ist mit denen los? Sind die verrückt?“).
Auf unserer Seite entstehen furchtbaren Enttäuschungen, weil die Freundlichkeit eben nicht gleichzeitig bedeutet, dass man auf die Schnelle neue Freunde gefunden hat, die durch Dick und Dünn zu uns halten.
Das geht bei einigen so weit, dass sogar der angeheiratete Ehepartner vor Blutsverwandten in jedem Fall zurück zu stehen hat -wie furchtbar oder unfair das auch sein mag.

Sind wir denn nun durchgeknallt und übergriffig?
Oder sind die anderen gar besonders rückständig?
Wie erwähnt, ist der Umgang miteinander durch Erfahrung geprägt und für jede dieser Formen gibt es gute Gründe. Will ich nicht auf die Nase fallen, sollte ich mich also besser rechtzeitig mit den Hintergründen vertraut machen.

Fortsetzung folgt