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Es kommt darauf an, mit welcher Erfahrung und mit welchen Erwartungen ich etwas (eine Person, eine Situation, was auch immer) beurteile. Nicht nur das, was ich wahrnehme, kann sich völlig vom Eindruck meines Nachbarn unterscheiden, sondern auch die Folgen dessen.

Kennt Ihr das? Ihr habt z.B. Ecuador für Euch entdeckt und möchtet unbedingt einmal dorthin fahren, könnt Euch die Reise nur leider im Moment nicht leisten- und prompt findet Ihr von dem Moment an überall Hinweise dazu. Euch fallen zum ersten Mal diese interessanten Maccarons auf- plötzlich scheinen die überall verkauft zu werden. Ihr habt gehört, dass eine Freundin eventuell Brustkrebs hat? Auf einmal stolpert Ihr dauernd über Artikel und Veröffentlichungen zu Brustkrebs, findet zu allem Überfluss auch noch alle Symptome bei Euch selbst wieder. Euren Freunden springen dagegen merkwürdigerweise ganz andere Dinge in die Augen. Ecuador? Nö. Lieber Bali! Maccarons? Kenn’ ich nicht!

Bei jedem ist die Wahrnehmung der Realität anders- und auch die Intensität, mit der uns die Dinge beschäftigen. Wenn wir Ablehnung, Katastrophen, Pleiten erwarten, dann werden wir sie garantiert finden. IRGENDWO gibt es das immer. Genauso wie Offenheit, Freundlichkeit und Unterstützug. Es nützt gar nichts, den anderen – sei es noch so gut gemeint- von der eigenen Sichtweise überzeugen zu wollen. Von ihrer jeweiligen Position aus können nämlich alle Recht haben.

Ein Märchen macht das vielleicht noch deutlicher:

‚Eines Tages wurden 5 blinde Weise von ihrem König auf eine Reise nach Indien geschickt, weil sie erkunden sollten, was ein „Elefant“ sei. Von den 5 Gelehrten versuchte jeder, sich durch Ertasten ein Bild von diesem geheimnisvollen fremden Wesen zu machen. Dem König berichteten sie dann Folgendes- je nachdem, wo sie gestanden und welches der Körperteile sie ertastet hatten: „Ein Elefant ist wie ein langer Arm.“ „Nein! Ein Elefant ist viel mehr wie ein großer Fächer!“ „Aber nein! Ein Elefant ist viel eher wie eine Säule!“ „Was erzählt Ihr? Ein Elefant ist wie eine Schnur mit struppigen Haaren.“ „Der 5. war noch anderer Meinung: Ein Elefant ist eine riesige Masse, mit Rundungen und Borsten.“ Es war nicht möglich, dass sich die Weisen einigten. Der König dankte ihnen und sagte: „Ich weiß nun, wie ein Elefant ist. Er hat einen Rüssel, der so lang und dick wie ein Arm ist- Ohren, die wie ein Fächer sind, Beine, die dick wie Säulen sind, einen dünnen Schwanz mit ein paar Haaren und einen großen rundlichen Rumpf mit Borsten. Die Gelehrten erkannten, dass sie ihre Aufmerksamkeit nur einem Teil geschenkt und sich viel zu schnell mit ihrem Ergebnis zufrieden gegeben hatten.‘

Wie kommt es zu – teilweise wirklich dämlichen- Glaubenssätzen?

Nach deren Ursprung haben schon viele gesucht- eine Erklärung, die tatsächlich brauchbare Konsequenzen erlaubt und ermöglicht, habe ich zum ersten Mal bei Petra Bock gefunden. Es scheint nicht nur an einzelnen Glaubenssätzen zu hängen – wie ja schon bei Hypnosen und Biografiearbeiten in meiner Praxis erlebt. Frau Dr. Bock fiel in ihrer Arbeit auf, dass die Stolpersteine zum einen aus einem Alter her rühren, wo wir derartige Statements noch nicht mit eigenen Erfahrungen überprüfen konnten, aber übernommen haben- und andererseits sogar aus viel älteren Zeiten, wo sie tatsächlich einmal Sinn gemacht haben.

Wenn das Kind gelernt hat, den Warnungen der Eltern zu vertrauen, behält es seine Vorsicht auch bei, wenn die Eltern nicht in der Nähe sind. Bei kleinen Kindern kann man sogar erleben, dass sie die Gebote der Eltern für sich wiederholen. Wenn der Herd oder die Kerze gar ZU spannend sind: „Nicht anfassen, das ist heiss“! Oder wenn es an der Tür klingelt: „Nicht die Tür aufmachen, das darf nur Mama/Papa“! Oder „Nicht ins Wasser laufen!“ usw. Sicher kennt Ihr selbst genügend solcher Ge- oder Verbote. Man merkt schon, dass das Wiederholen in diesen Fällen sinnvoll ist, schließlich können die Eltern nicht pausenlos ihre Kinder im Blick behalten und bewachen-  dann hilft das Erinnern der Anweisungen beim „Überleben“. Dummerweise kann ein kleines Kind nicht unterscheiden, was davon sinnvoll ist oder nicht. Die Befolgung mancher der Vorschriften war zu früheren Zeiten absolut notwendig. Heute nicht mehr.  Aber wie kann man das richtig beurteilen, wenn noch gar keine eigenen Erfahrungen dazu vorhanden sind?  D.h. da muss man sich auf seine Eltern einfach verlassen. Alles zu hinterfragen und zu bezweifeln, könnte in dem Alter sehr „ungesund“ werden.

Die meisten Menschen waren früher abhängig vom Wohlwollen und der momentanen Befindlichkeit von Herrschern, Lehnsherren, religiösen Führern- und es war lebensgefährlich, wenn man sich deren Diktat nicht fügte. Jeder, der gern wollte, dass seine Kinder überlebten, sorgte frühzeitig dafür, dass sich die Kinder in ihr Schicksal ergaben- und übertrug das Wissen und die Regeln, die er selbst als kleines Kind gelernt hatte: Da gab es dann keine freie Berufswahl, Anspruch auf Gerechtigkeit, Gleichheit vor dem Gesetz oder Gleichheit der Geschlechter. (Mir ist schon klar, dass das auch heute noch etwas hinkt. Immerhin darf man in unserer Kultur nicht ungestraft dafür erschlagen werden, wenn man anderer Meinung ist.)

Merkt Ihr was? Die meisten dieser Regeln übernehmen wir in einem Alter, wo wir sie nicht auf ihre Richtigkeit und Aktualität überprüfen können. (Eine Art angeborene ‚Vernunft‘, sie in Frage zu stellen, wäre ein evolutionärer Nachteil, weil sie ja tatsächlich zu bestimmten Zeiten und in einer bestimmten Umgebung vernünftig sein könnten). Und weil wir nie bewusst darüber nachgedacht haben- geben wir diese Regeln weiter. Besonders beliebt sind dabei die Varianten, die Angst machen. Damit kann man seine Kinder „erziehen“, ohne sie zu prügeln (wie gesagt, ich komme später auf dieses Thema zurück). Selbst wenn man seine Kinder mit besten Absichten begleiten will- gibt es Momente, in denen man erschöpft, müde, krank oder überfordert ist. Genau dann landet man doch wieder bei den erlernten Vorschriften. Um aus dem heraus zu kommen, reicht es nicht, das nur einmal zu durchschauen. Dafür muss die Selbsterziehung weiter gehen ( da wir aber dadurch auch selbst direkte Vorteile ziehen können, lohnt sich das! 😉 ) Immerhin kann das Wissen darum schon das Verhältnis zu den eigenen Eltern spürbar entlasten.

Unseren Eltern und Großeltern erging es nicht besser als uns, daher existiert inzwischen ein Wust von Vorschriften, der sich über hunderte von Jahren aufgehäuft hat. Wir nehmen sie unwidersprochen hin, befolgen sie und geben sie an die nächste Generation weiter. Nicht immer sind sie ja so spektakulär, dass uns deren Unsinn auffallen muss und viele der Freunde und Bekannten halten sich genauso wie wir selbst daran.

Vor noch nicht allzu langer Zeit gingen Entwicklungen sehr langsam voran. Daher hatten Regeln über lange Zeiträume ihre Berechtigung und es war gut, sie alle möglichst früh zu kennen. Inzwischen verläuft die Entwicklung immer rasanter- was gestern noch für unseren Schutz sorgte, kann morgen schon ganz falsch sein.

Unheimlicherweise bauen wir uns Gedankengebäude, die die Notwendigkeit der alten und vertrauten Vorschriften bestätigen und sogar fordern. Das erzeugt nämlich (unbewusst) ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, auf was wir nicht verzichten wollen; auch wenn es  überholt-  unter den heutigen Voraussetzungen sogar ganz schön verrückt- ist und uns schadet. Sowohl im naturwissenschaftlichen Unterricht als auch in meinen Seminaren gab es jedes Mal die Notwendigkeit, den Unterschied zwischen Naturgesetzen und Glaubenssätzen zu demonstrieren. Dieser Fehlinterpretation erliegt also wirklich fast jeder.

 

Fortsetzung

 

 

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