Kennt Ihr die großen Gartenmärkte am Rande oder vor der Toren großer Städte? Ich meine nicht die eher übersichtlichen der Baumärkte, sondern endlos lange Gewächshäuser, die sich aneinander reihen. Dort findet man unterschiedlichste Pflanzen in allen Größenordnungen aus aller Welt. Manche davon könnten botanischen Gärten Konkurrenz machen.

Auch ich bin dort fündig geworden, wenn ich neue Pflanzen für Haus und Garten gesucht habe. Immer lag ein leichter Geruch nach feuchter Erde und Düngemitteln in der Luft- manchmal vermischt mit einem Blütenduft.

Eines Tages bemerkte ich bereits am Eingang einen ganz außergewöhnlichen zart-süssen, trotzdem frischen und leichten Duft, der mich unwiderstehlich anzog. Alle Pflanzen in der Nähe dufteten nicht- also ein Parfum? Nein- auch die Vermutung stellte sich als falsch heraus. Diesem Geheimnis musste ich unbedingt auf die Spur kommen. Vergessen war der Einkaufszettel. Ich ging immer der Nase nach, um den Ursprung des Duftes zu finden. Das gesamte- fürchterlich lange- Gewächshaus bot keine Erklärung dafür. An dessen Ende schloss sich direkt ein weiteres an. Sollte ich dort fündig werden? Das war doch viel zu weit weg vom Eingang. Derartig intensiv kann doch keine Pflanze duften!

Kaum zu glauben-.. ein ganzes Stück weiter stand ein einzelner „Strauch“ mit kräftigen hellgrünen Blättern und kleinen weißen Blütensternchen. Da hatte ich den Duft gefunden. Ich blieb eine ganze Weile schnuppernd bei dem Bäumchen und konnte mich nur schwer von diesem betörenden und doch ganz zarten Duft trennen.

Schon neugierig geworden? Habt Ihr erraten, was ich dort gefunden hatte?

Es waren Orangenblüten, die so anziehend dufteten.

Wenn schon ein kleines Bäumchen in einem Blumentopf so verschwenderisch seinen Duft verschenkt- wie ungleich betörend erst die Blüten von Bäumen im ersten Frühling Südeuropas oder Nordafrikas. Wer schon mal in Granada war, hat bestimmt die Alleen gesehen- und sich gewundert, was da so duftet. Den zierliche Blüten traut man diese Intensität gar nicht zu.

Ätherisches Öl aus den Blütchen zu gewinnen, ist extrem aufwändig. Um nur ein einziges Kilo dieser Essenz zu erhalten, müssen unzählige Blüten per Hand gepflückt werden- ca 1000-1200kg.

Es wird nicht unter dem Namen Orangenblütenöl verkauft – sondern als „Neroli“: Anna Maria, Prinzessin von Nerola, die im 17. Jahrhundert lebte, liebte diesen Duft so sehr, dass sie Handschuhe, Briefpapier, Spitzen, Schleifen, ihr Bad und vieles mehr damit beduftete. Ihr zu Ehren bekam das Orangenblütenöl seinen Namen.orange-blu%cc%88te-kopie

Zitrusblüten duften alle sehr fein, das Neroliöl wird aber nur aus den Blüten der Bitterorange (Pomeranze) gewonnen. Der Duft wirkt beruhigend und stimmungsaufhellend und wird auch von Menschen akzeptiert, die schwere Blütendüfte mit ähnlicher Wirkung nicht mögen. Die Ablehnung kann bis hin zu Übelkeit gehen. Gerade junge Mädchen in den Turbulenzen der Ablösung können in diesem Duft Unterstützung finden ( dazu später mehr).

Allein die Stimmungs-Wirkung macht sich in der Mimik bemerkbar und damit auch in der Hautbeschaffenheit – darüber hinaus mildert Neroli-Öl Falten, Narben und Schwangerschaftsstreifen. Auch bei Schockzuständen, Schlafstörungen, erhöhtem Blutdruck leistet es gute Dienste, sogar bei einer „schwächelnden“ Leber oder Bauchspeicheldrüse und- es wird sehr gut vertragen.

Leider ist es bei diesem Öl wie bei allen teuren Ölen: Es ist zu verführerisch, das Öl mit billigen Zusätzen zu strecken- oder gleich ganz und gar als Kunstprodukt anzubieten. Bei der Wasserdampf-Destillation kommen keine ungesunden zusätzlichen Stoffe hinzu- anders bei Hexan-Auszügen. Auf die Art der Destillation sollte man also beim Kauf unbedingt achten (das ist auf dem Etikett vermerkt) und merkwürdig billige Angebote meiden.

Neroli ist übrigens eines der Hauptbestandteile von 4711 Kölnisch Wasser. Das trägt nicht unbedingt zu einem unbefangenen Umgang bei. Merkwürdigerweise ist es nur in Deutschland verpönt. Ich selbst habe eine ganze Weile gebraucht, um dieses Eau de Cologne von unangenehmen Erinnerungen zu befreien. Als Schülerin arbeitete ich in den Ferien und den Wochenenden in der Klinik. Manche Erkrankungen waren für mich in dem Alter schwer zu ertragen und sehr unappetitlich. Wenn bestimmte Prozesse mit üblen Gerüchen verbunden waren, versuchten die Patienten oft, sie mit „4711“ zu überdecken. Das gelang natürlich nicht so richtig- seitdem war der Duft mit den anderen Geruchs-Erinnerungen für mich verbunden. Bei anderen steigen Erinnerungen an unbeliebte ältere Angehörige hoch. Dieses Eau de Cologne ist (gemessen an seinen hochwertigen Inhaltsstoffen) preislich gesehen wirklich ein Schnäppchen und wurde daher gern und viel gekauft und verwendet- gerade von sparsamen älteren Personen. Dieses Flair ist irgendwie erhalten geblieben (wie gesagt- komischerweise nur in Deutschland).. altmodisch, den Mief von Jahrzehnten verkörpernd.

Seitdem ich mich mit den Pflanzenessenzen intensiv beschäftige, habe ich auch dessen einzelne Zutaten unter die Lupe genommen und deren Wirkungen untersucht. Allmählich verschwanden bei mir die unguten Verknüpfungen (geht also- zum Glück!). Inzwischen kann ich diesen Duft sogar genießen. Wusstet Ihr, dass er aus Zutaten besteht, die man „essen“ bzw. trinken kann? Es gibt sogar Cocktailrezepte dafür. Es wird nicht wie üblich Isopropanol oder vergällter Alkohol als Grundlage verwendet, sondern normaler Trinkalkohol . Der Duft selbst besteht aus einer Mischung verschiedener natürlicher Pflanzenessenzen- meines Wissens nach die einzige Duftkomposition, die so zusammengesetzt ist.  Vielleicht startet der eine oder andere von Euch damit einen „neuen Versuch“?  😉

Wenn Ihr mal in Köln seid- dort gibt es das: „House of 4711“, Glockengasse 4 (nee. leider nicht mehr 4711.. 😉  ), in 50667 KÖLN- interessant ist das kleine Museum, bemerkenswert der Duftbrunnen und sogar Duftseminare werden dort angeboten.