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Wie werden solche Werte eigentlich festgelegt ?

Wo ein normaler Blutdruck aufhört und Bluthochdruck anfängt, ist mehr oder weniger willkürlich festgelegt. Epidemiologen nannten in ihren Studien keine feste Grenze, über der es riskant für die Gesundheit wird.*)

Vor noch nicht allzu langer Zeit gab es die Faustregel: bis Lebensalter + 100 für den oberen (systolischen ) Wert war ok., dieser Höchstwert wurde dann auf 140 mmHg-Säule gesenkt, jetzt wird bereits diskutiert, ob es nicht doch besser sei, die Grenze bei 120mm Hg zu ziehen- oder noch tiefer anzusetzen.

Damit könnte man kurzerhand fast jeden zum „Kranken“ erklären, der natürlich dringend behandelt werden muss. (In Norwegen wären das z.B. bei den ab 50jährigen 99 %).

Der Blutdruck kann außerdem stark schwanken, wenn jemand aufgeregt ist, sich ungewohnt angestrengt hat oder sich momentan in einer stressigen Situation befindet. Wenn dieser Wert ohne Korrektur erfasst wird, kann jemand mit einem normalerweise niedrigen Blutdruckwert einen Blutdrucksenker erhalten und kommt wegen starker Schwindelattacken morgens nicht mehr aus dem Bett- oder kippt um. Vielleicht stürzt er dabei sogar so unglücklich, dass er ins Krankenhaus kommt- aber dann wenigstens mit ‚akzeptablem‘ Blutdruckwert (gerade wieder im Bekanntenkreis passiert). Oder jemand mit ‚gefährlichen‘ Werten um 150mmHg bekommt nicht nur einen, sondern gleich mehrere Blutdrucksenker verschrieben (deren Nebenwirkungen nicht unbedingt immer harmlos sein müssen).

‚Geld verdient werde nämlich nicht mit Medikamenten für den Akutbedarf, wie etwa für eine nach wenigen Tagen abgeschlossene Antibiotikabehandlung, sondern mit Dauermedikamenten, die möglichst ein restliches Leben lang täglich genommen werden müssen. „Derzeit halten wir hier einen Anteil von 70 bis 80 Prozent“, so Sprenger (Medizinische Universität Graz).

„Und die Industrie versucht, diesen Markt immer weiter auszureizen.“ Die Behandlung von stark erhöhtem Blutdruck bringe einen großen Nutzen, erklärt Sprenger. Allerdings sei hier der Markt relativ klein. „Je niedriger die Grenzwerte gezogen werden, desto größer wird der Markt. Umso kleiner wird allerdings der tatsächliche Nutzen, den ein Medikament für den einzelnen Menschen bringt. “ ‚ ‚ ( * aus ‚Bert Ehgartner- Wenn Ärzte krank machen: Die absurden Folgen des Gesundheitswahns‘ )

Dass ein dauerhaft stark erhöhter Blutdruck die Gefäße schädigen kann, soll damit gar nicht in Abrede gestellt werden und darauf -bzw. auf evtl. Schäden- sollte man ein Auge haben, aber dass der Blutdruck gar nicht niedrig genug sein kann, stimmt nun auch wieder nicht. Allein die Niere braucht für ihre Filterleistung z.B. einen gewissen Druck- und über etwas noch viel Aufregenderes bin ich kürzlich gestolpert:

„Nicht immer ist „hoher“ Blutdruck schlecht“:

Das gilt jedenfalls für ältere Menschen (deren oft höherer Druck leider besonders gern gesenkt wird).  Denn bei ihnen scheint sich ein höherer Druck**) auf die Gefäße positiv auf die geistige Fitness auszuwirken. Ungünstig wirkte sich dagegen ein niedriger Blutdruck aus, er fördert den geistigen Verfall – vor allem bei Menschen mit einer Herzschwäche (Herzinsuffizienz)- so Dr. Peter van Vliet und Forschungsteam der Universität Leiden in den Niederlanden:  Van Vliet, P. et al. NT-proBNP, blood pressure, and cognitive decline in the oldest old. The Leiden 85-plus Study. Neurology, 2014. Published online before print August 20, 2014, doi: 10.1212/WNL.0000000000000820.

Für die o.g. Studie wurden etwa 600 Teilnehmer im Alter von 85 Jahren über fünf Jahre hinweg untersucht-  einmal jährlich die Blutdruckwerte und die geistige Fitness gemessen. Letztere wurde mit dem Mini-Mental-Status-Test (MMST) getestet, ein neuropsychologisches Verfahren, das auch zum Diagnostizieren von Demenz verwendet wird. Die Versuchspersonen wurden in drei Gruppen eingeteilt: **)mit niedrigem (unter 147 mmHg), normalem (147 bis 162 mmHg) und hohem Blutdruck (über 162 mmHg). Auffällig war, dass Versuchspersonen mit dem niedrigsten Blutdruck schon zu Beginn der Studie im MMST-Test merkbar schlechter abschnitten als die Gruppe mit dem höchsten Blutdruck. Das wurde nach fünf Jahren noch deutlicher: „Probanden mit einem niedrigeren Blutdruck bauten geistig schneller ab, als die mit einem höheren Blutdruck“, stellten die Forscher fest. Dabei verschlechtert eine „Herzschwäche“ dieses Ergebnis noch.   s.auch http://www.netdoktor.de

In diesem Versuch wird bereits ein Blutdruck von unter 147mmHg als „niedrig“ eingestuft. Was passiert mit älteren Menschen, wenn bei allen nun unbedingt der Blutdruck nicht nur auf unter 147 – sondern auf 120 mmHg oder gar noch weniger gesenkt werden soll. Das mag sich ja niemand ausmalen! 

Wie lässt sich der Blutdruck senken? Einmal durch verschiedene Medikamente, aber auch Gewichtsabnahme, Sport, weniger Genussgifte, vitaminreiche Kost können helfen.- Salzbefürworter und -Gegner scheinen sich deswegen fast an die Gurgel zu gehen. Trotz aller Selbstbeherrschung lassen sich die Werte mitunter nur gering senken- so dass dann doch zu Tabletten gegriffen werden „muss“.

Dazu möchte ich etwas von mir selbst berichten: Mir ging es in der Vergangenheit einmal nicht wirklich gut und da ich gerade in der Ambulanz arbeitete, untersuchte mich einer der diensthabenden Ärzte. Dabei kam etwas heraus, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Jahrelang war ich wegen eines zu niedrigen Blutdrucks behandelt worden- aber nun hatte ich einen Blutdruck von 230/120 mmHg und der Puls lag über 130. Ein Wunder, dass ich nicht geplatzt bin.. – das musste behandelt werden. Trotz aller Medikamente liess sich der obere Wert aber nicht unter 180mmHg senken.

Nach einigen Monaten änderte ich etwas an meinen Lebensumständen (eigentlich gar nicht so fürchterlich spektakulär und trotzdem:). Der obere(systolische) Blutdruckwert lag am nächsten Tag (!) zwischen 130 und 120 – der untere(diastolische) zwischen 60 und 80 (wie schon geschrieben- die Werte schwanken halt). Seitdem brauche ich keine Blutdruck-Medikamente, der Wert ist bisher auch bei stärksten Aufregungen nicht mehr über 160 mmHg gestiegen. Ich habe dazu mal eine sehr anschauliche Beschreibung gelesen: je mehr Druck von außen, desto mehr Druck muss der Körper dagegen setzen.

Da sich in meinem Freundeskreis Ähnliches ereignet hat, finde ich es seltsam, dass diesem Punkt so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Wir sind es gewohnt, dass ein „Fachmann“ quasi den Zauberstab schwingt und alles ist wieder gut- und wir können weiter machen wie bisher (jaaa.. dieser Überzeugung bin ich auch lange erlegen…). Was dabei oft vergessen wird, ist der Preis, den man dafür zahlen muss (und damit meine ich nicht die Krankenkassenbeiträge- obwohl die auch schon sehr deftig sind).  Selbst die Verantwortung für seine Gesundheit zu übernehmen, Signale des Körpers beachten und richtig einordnen lernen (weil es eben nicht DIE Statements, Regeln oder Werte gibt, die für alle gleiche Gültigkeit haben), scheint erstmal anstrengend und unangenehm. Aber es ist auch verblüffend, wie schnell und durchgreifend manche dieser Änderungen wirken können- und wie gut es einem dann geht. Oder dass es  bei ‚unheilbaren‘ Erkrankungen zu ‚Spontanheilungen‘ kommt. Nicht jeder ist dazu bereit, weil Änderungen mitunter sehr drastisch sein müssen- aber man sollte die Alternativen und Risiken jeder Variante kennen und sich dann frei entscheiden können. Außerdem scheint sich immer mehr heraus zu kristallisieren, dass Ursachenforschung und Konsequenzen oft zu kurzsichtig an Probleme heran gehen-  aber das nun wirklich in anderen Artikeln. 🙂

Wenn jemand ähnliche „Wunderheilungen“ wie oben beschrieben erlebt hat: ich bin gespannt auf weitere Schilderungen.

**) Nachtrag vom 15.5.2019: Schulmediziner zweifeln scheinbar inzwischen auch an den sehr niedrigen Werten.. aber erstmal gaaanz vorsichtig. „Studien“, die sich für niedrige Werte ausssprechen und auf die man sich bisher gern bezogen hat, wurden mit zweifelhaften Einschränkungen durchgeführt. Ein Wert von 120mmHG als Höchstgrenze, der fast jeden zu einem Patienten machen würde… ist damit nur noch schwer haltbar. So mutig, auch einen Wert von über 140 mmHG nicht automatisch als behandlungsbedürftig einzustufen, ist man aber wohl noch nicht.           https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/herzkreislauf/bluthochdruck/article/987816/senioren-blutdruck-sinkt-kognitive-potenzial.html?utm_campaign=AEZ_NL_NEWSLETTER&utm_source=2019-05-13-AEZ_NL_NEWSLETTER–%20&utm_medium=email&tid=TIDP295706XD60AC20A45F6425AB737D010DC3734E1YI4